Bevor Pfarrer Clemens Kreiss nach Münster gewechselt ist, haben wir uns mit ihm getroffen. Wir haben über Hass gesprochen, darüber, was man dagegen machen kann. Und über seine eigene Wut.

Lünen

, 11.10.2018, 17:03 Uhr / Lesedauer: 3 min

Donald Trump, Wutbürger, die AFD im Bundestag - verlieren Sie manchmal den Glauben an die Schöpfung, Herr Kreiss?

Nein, schon aus Berufsgründen nicht.

Wenn Sie Bilder sehen und den Hass, zum Beispiel auf Pegida-Demonstrationen sehen - macht das nicht was mit Ihnen?

Es macht Unterschiedliches. Es ärgert mich natürlich. Die Aggressivität erschreckt mich. Mich interessiert natürlich auch, wie man darauf reagieren kann, dass man die Aggressivität nicht noch weiter verstärkt. Und ich frage mich, ob man überhaupt drauf reagieren kann, ob es was verändert.

Sie selbst reagieren ja darauf. Auf Kommentare im Sozialen Netzwerk Facebook zum Beispiel. Wie ist denn Ihre Erfahrung da?

Die, dass, wenn ich höflich bleibe, ich selten Reaktionen bekomme. Ich habe ein/zwei Mal erlebt, dass es sogar einen Dialog gibt. Einmal war es richtig toll, da lagen die Meinungen am Ende fast beieinander. Mir ist wichtig zu zeigen, dass die Meinungen nicht alleine im Raum stehen bleiben. Ich frage mich aber jedes Mal, ob das was bringt.

Aktuell haben Sie sich zur Affäre Maaßen geäußert. Als Antwort wurden Sie dann mit dem Missbrauchsskandal konfrontiert.

Das habe ich etwas pointiert kommentiert. Aber darauf reagiere ich nicht. Ich kann mich gerne mit der Person über den Missbrauchsskandal unterhalten. Aber das ist da nicht Thema. Ich sehe nicht ein, dass ich auf Leute reinfalle, die das Thema verwechseln.

Warum investieren Sie diese Zeit?

Es juckt mich einfach, manchmal da etwas zu zuschreiben. Ich will einfach nicht, dass so manche Dinge unkommentiert im Raum stehen bleiben,

Gibt es einen Punkt, wo Ihre Grenze überschritten ist?

Unterschiedlich. Es geht meist um rechte Sachen. Bei kirchlichen Themen merke ich, dass die Argumentation gar nicht mehr hilft. Das ist oft so festgezurrt und dogmatisch, dass ich da kaum noch einen Sinn sehe.

Haben Sie das Gefühl, dass dieser Mangel an Diskussionskultur, wie es ihn auf Facebook gibt, auch abseits des Internets zunimmt?

Ich bekomme das direkt nicht mit, vielleicht auch weil man als Pfarrer noch so etwas wie eine Respektperson ist. Mir fällt ein: Als hier die Forensik diskutiert wurde, kamen ganz am Anfang Äußerungen, die ich grenzwertig fand. Das mag der Überraschung geschuldet gewesen sein.

Was für Äußerungen waren das zum Beispiel?

Forderung von Todesstrafe, oder dass man die ein Leben lang einsperren sollte. Oder alle weg nach Sibirien.

Sind Sie ein Gutmensch?

Ja, eindeutig (lacht). Ich habe das auch mal in einer Predigt gesagt, dass ich das wäre.

In der öffentlichen Wahrnehmung ist dieser Begriff ja - leider - mittlerweile etwas Negatives. Was finden Sie gut daran?

Ein guter Mensch ist für mich Ideal und Ziel, fertig. Damit wird eine Art Naivität konnotiert. Vielleicht bin ich das auch manchmal. Aber ich glaube auch, dass man viel erreichen kann, wenn man unvoreingenommen an Menschen herangeht.

Welche Partei wählen Sie?

Sag ich nicht. (lacht). Ich kann Ihnen sagen, was ich nicht wähle.

Und zwar?

Die AFD. Die wähle ich sicherlich nicht. Ich glaube, es ist schwierig für einen Pfarrer zu sagen, welche Partei er wählt. Ich habe auch relativ viel gewechselt.

Zurück zu dem Hass im Internet und auf den Straßen. Können Sie teilweise nachvollziehen, wo das herkommt?

Nein, nicht ganz. Ich weiß, dass es Leute gibt, die sehr sehr wenig zum Leben haben. Das bekommen wir auch bei unserer Lebensmittelausgabe mit. Die erlebe ich allerdings in der Regel nicht aggressiv, sondern eher lethargisch. Ich kann grundsätzlich nicht nachvollziehen, woher der Hass kommt. Ich weiß, dass bei Facebook viele unter dem Schutz der Anonymität schreiben. Vielleicht sieht man da seine Chance.

Ist es nicht schwer, etwas dagegen zu unternehmen, wenn man es gar nicht versteht?

Ja. Klar weiß ich, dass hier genug Probleme gibt. Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer. Ich sehe ganz große Probleme beim Klimawandel. Aber darum geht es ja nicht, es geht ja fast nur um Ausländer und Migration. Da sehe ich keine Gründe, wo der Hass in dieser Schärfe herkommt. Das hat glaube ich auch etwas mit der Psyche der Leute zu tun.

Begegnet Ihnen dieser Hass auch hier in der Gemeinde, in Lünen insgesamt?

Wenig. Vielleicht äußern die Leute das mir gegenüber auch nicht so deutlich, wie manche es sicherlich denken.

Aber dass die Leute es denken, glauben Sie schon?

Ja, ich glaube nicht, dass die katholische Kirche da so eine Enklave an Freundlichkeit wäre.

Greifen Sie das Thema denn in Predigten auf?

Ganz selten. Ich finde, das ist der falsche Ort. Da können die Leute ja dann nichts gegen sagen. Das ist nicht meine Art, das fände ich nicht in Ordnung.

Werden Sie wütend, wenn Sie den Hass im Internet sehen oder auf den Straßen?

Ja.

Ist das gut oder schlecht?

Das ist gut, solange man die Wut kontrollieren kann. Dann kann sie ein Antrieb sein, etwas dagegen zu machen. Wenn man sich der Wut überlässt, spielt man aber das gleiche Spiel, das die anderen auch spielen. Das will ich nicht.

Kann man auf lokaler Ebene etwas gegen den Rechtsruck machen? Ist das Aufgabe der Politik?
Es ist eine Parteien-Aufgabe zumindest, dass man sich von den Rechten nicht die Themen diktieren lässt. Die letzten Monate, in denen es fast nur um Migration gegangen ist, waren überflüssig. Das ist nicht mehr das Hauptthema.

Sondern?

Nochmal: Die Schere zwischen Arm und Reich, Klimawandel, Ausbau des ÖPNVS, Klärung der Mobilität, Wohnungsfragen. Das sind dringende, wichtige Themen und Hausaufgaben, die die Politiker machen müssen. Ich habe das Gefühl, dass die Migrationsgeschichte immer wieder aufgegriffen wird, was vielleicht auch zeigt, dass man sich um die anderen Themen zu wenig kümmert.

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