Petra Reski: „Die laufen nur durch die Stadt, um sich bei Instagram zu verewigen“

dzAutorin im Interview

Die aus Kamen stammende Autorin Petra Reski schreibt an einem Buch über das Überleben in Venedig, das unter „Overtourism“ leidet. Hier erzählt sie vom Fluch der Massen, hat aber auch einen Reisetipp.

12.07.2019, 16:12 Uhr / Lesedauer: 2 min

Frau Reski, wie stark erleben Sie den Massentourismus als Fluch?

Leider hat sich das Leben in Venedig infolge des – in der ganzen Welt grassierenden – „Overtourism“ extrem verschlechtert: Die Verantwortung dafür liegt in Venedig bei den Bürgermeistern, deren politisches Programm der letzten 30 Jahre sich im Wesentlichen mit „Venezianer raus und Touristen rein“ zusammenfassen lässt. Venedig wird vor allem geplündert – von Billigfluglinien, Kreuzfahrtmultis und Airbnb. Die Kreuzfahrtouristen, genau wie die anderen Tagestouristen auch, hinterlassen kein Geld in Venedig, sie essen hier nicht, sie schlafen hier nicht, sie laufen nur durch die Stadt, um sich auf Instagram oder Facebook zu verewigen.

Zur Person

Petra Reski

Die Journalistin und Schriftstellerin Petra Reski ist für Sachbücher und Romane mit Bezug zur Mafia bekannt. Sie wurde 1958 in Unna geboren und wuchs in Kamen auf, seit 1991 lebt sie als freie Autorin und Schriftstellerin in Venedig. In ihrem Buch „Von Kamen nach Corleone – Die Mafia in Deutschland“ (2010) berichtete sie über Mafiaverstrickungen in Deutschland und Italien. In ihren Romanen (u.a. „Bei aller Liebe“, erschienen 2017) ermittelt die sizilianische Staatsanwältin Serena Vitale.

Gibt es überhaupt eine verantwortungsbewusste Art, Venedig oder andere überlaufene Städte zu besuchen?

Wir sind hier in Venedig über jeden Touristen glücklich, der sich für Venedig und seine reiche Geschichte interessiert – und nicht lediglich daran, wie gestern vier mexikanische Touristen, von der Rialtobrücke in den Canal Grande zu springen oder ein Selfie vor der Seufzerbrücke zu machen.

Wer nach Venedig kommt, sollte sich vor allem kein Airbnb nehmen, weil er damit das unterstützt, was die Venezianer verzweifeln lässt: Sie finden hier keine Wohnungen mehr, weil alle nur noch als Ferienwohnung vermietet werden. Wer nach Venedig kommt, sollte keinen Tagesausflug machen, sondern die Stadt auf sich wirken lassen, sich treiben lassen, abseits vom Touristenstrom. Die einzige Zeit im Jahr übrigens, wo man Venedig für sich selbst hat, sind die wenigen Wochen nach Silvester und vor dem Beginn des Karnevals, sehr zu empfehlen.

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Wo machen Sie selbst gern Urlaub?

In den letzten Jahren am liebsten in Apulien, genauer gesagt, im Salento, dem Stiefelabsatz, das ist ein wunderbare Kulturlandschaft, mit einem Meer wie auf den Seychellen.

Haben Sie die Kamener Bürgermeisterwahl von Kamen verfolgt – und die Arbeit der neuen Bürgermeisterin?

Ich finde es toll, dass nach Jahrzehnten der Männerherrschaft endlich mal eine Frau in Kamen den Ton angibt.

Was können Sie jetzt schon über Ihre künftigen Veröffentlichungen verraten?

Ich schreibe gerade an einem neuen Buch, das vom Leben – oder besser Überleben – in Venedig handelt. Dieses Mal kein Serena-Vitale-Roman, auch keine Mafia. Jedenfalls nicht direkt, eigentlich reicht ja schon der Massentourismus. Ich versuche, zu beschreiben, wie man versucht, inmitten von 30 Millionen Touristen ein normales Leben zu führen. Hilfreich ist mir dabei übrigens die Tatsache, dass ich neuerdings ein Boot fahre. Nach anfänglichen Beinahe-Kollisionen (ein Mal mit einer Autofähre, ein anderes Mal mit einem Gondelserenaden-Pulk) klappt das schon ganz gut.

Können Ihre Fans Sie bald wieder in Kamen sehen?

Wenn das Buch erscheint, sicher nicht vor nächstem Herbst, werde ich es auf jeden Fall in Kamen vorstellen. Vielleicht kommt dann ja auch die Bürgermeisterin.

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