Peter Voß ist Letzter im Schacht – und dann fließt der Beton

dzAbschied vom Bergbau

Peter Voß war Maschinensteiger und Betriebsorganisator – und verfügt heute über ein beachtliches privates Bergbau-Archiv. Eine Kombination, die ihm einst ein mulmiges Gefühl bescherte.

Werne

, 29.10.2018, 17:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

In den Regalen von Peter Voß‘ Büro stehen Dutzende Ordner und Bücher. In den Schubladen der Schränke sind alte Dokumente und Fotos penibel sortiert, beschriftete Karteikarten dienen als trennende Elemente – wie in einem alten Aktenschrank. Keine Frage: Der Mann legt Wert auf Ordnung. Das hilft, wenn man einen Verlag führt, in dem bereits rund 50 Bücher über die Geschichte der Region erschienen sind.

Bilder und Geschichten aus 100 Jahren Bergbau

Auf dem Tisch vor dem 58-jährigen Rentner liegt eines dieser Bücher. Es trägt den Titel „Kohle war nicht alles – Bilder und Geschichten aus 100 Jahren Bergbau in Werne“. Die letzte Seite ist mit einem alten Schwarz-Weiß-Foto bedruckt. „Das letzte Foto“ steht darüber. Zu sehen sind 14 Kumpel vor dem Fördergerüst und der Aufbereitungsanlage des Werner Pütts am 31. Januar 1975, dem letzten Arbeitstag auf der Zeche.

„Ja“, sagt Voß, als er auf das Foto schaut, „an die Zeit kann ich mich noch gut erinnern. Ich war zwar erst 15 Jahre alt, aber die Schließung der Zeche war natürlich ein großes Thema in der Stadt. Mein Vater hat deswegen viele Nächte schlecht geschlafen. Es gab Demonstrationen auf dem Marktplatz. Man muss allerdings auch sagen: Der Tag der Schließung war eher unspektakulär.“

Heimlich, still und leise

Keine Pauken und Trompeten, keine Bergmannskapelle, keine große Rede (siehe auch Text am Ende). An diesem 31. Januar wird auf der Mittagsschicht der letzte Förderwagen hochgezogen. Das war’s. Die Werner Bergbaugeschichte ist beendet – heimlich, still und leise. Warum? „Es war einfach nicht so gravierend. Es war absehbar und es wurde auch niemand direkt arbeitslos“, sagt Voß. Die Werner Bergleute seien ab dem folgenden Tag eben mit dem Werksbus nach Hamm gefahren – zur Zeche Heinrich-Robert, dem späteren Bergwerk Ost.

Peter Voß ist Letzter im Schacht – und dann fließt der Beton

„Hier fehlt einer“: Am letzten Arbeitstag auf der Zeche Werne am 31. Januar 1975 ersetzte ein Pappteller einen der Kumpel auf dem Werner Pütt. Der „historische“ Tag verlief hier völlig anders als in anderen Städten. © Helmut Zotemantel / Repro Felix Püschner

Und wirklich zum Erliegen kam der Betrieb auf dem Werner Zechengelände nach dem 31. Januar schließlich auch nicht. Wäre dies so gewesen, dann stünde in Voß‘ Lebenslauf heute ein ziemlich dicker Fehler.

Seine Ausbildung zum Schlosser begann er nämlich nur ein Jahr später – und zwar auf der Zeche Werne. Dort, wo es immer noch Zentralwerkstätten, Lagerräume und Kohlenreserven auf den Halden gab. Hier in Werne konnte man noch einiges lernen. Schweißen und Drehen zum Beispiel – Grundlagen in der Schlosserlehre: „Und ich wusste natürlich schon, dass ich nach meiner Ausbildung in Hamm übernommen werde.“

Ein komisches Gefühl

Die Zeche als erster Arbeitgeber also, ganz so wie beim Vater und Großvater vor ihm. Letzterer malochte als Hauer unter, ersterer als Anstreicher über Tage. Peter hingegen ging beide Wege, war mal unten und mal oben, mal als verdreckter Maschinensteiger, mal als Büroarbeiter auf dem Pütt anzutreffen.

Und kam letztlich ganz woanders heraus als seine familiären Vorgänger. „Ich habe die Abschlussbetriebspläne für mein eigenes Bergwerk geschrieben – das war schon ein komisches Gefühl“, sagt Voß.

Peter Voß, der letzte Mensch unter tage

Was ist zu tun, bevor die Schächte verfüllt werden können? Wann wird was herausgebaut? Sind auch alle Umweltschutzmaßnahmen getroffen? Diese Fragen zu klären und die Abläufe abzustimmen, das gehörte zu Voß‘ Aufgaben nach der Schließung „seines“ Bergwerks, dem Bergwerk-Ost in Hamm im Jahr 2010: „Bevor der Beton floss, konnten wir noch eine Abschlussfahrt machen. Dabei wird einem klar, dass man einer der letzten Menschen ist, die diese Strecke fahren – und niemand das da unten mehr zu Gesicht bekommen wird. Das fühlt sich merkwürdig an.“

In Großvaters Fußstapfen

Der Bergmannssohn, der in Großvaters Fußstapfen tritt und dann doch für Schicht im Schacht sorgt, der den Deckel auf die lange Bergbaugeschichte macht – auch das hört sich merkwürdig an. Unbeliebt sei er deswegen aber nie gewesen, sagt Peter Voß. „Guck mal, da kommt der Voß und kippt uns unseren Schacht zu“ – das habe jedenfalls niemand zu ihm gesagt.

Dennoch sorgt Voß heute nicht mehr für verfüllte Schächte. Stattdessen hat er jetzt noch mehr Zeit für eine Tätigkeit, der er schon seit gut 30 Jahren „ganz nebenbei“ nachgeht. Statt in Beton konserviert er die Reste des Bergbaus in Büchern. Sein Archiv nutzen auch schon mal Studenten für ihre Bachelor-Arbeit – oder Ausrichter von Ausstellungen. Auch die wollen schließlich etwas konservieren.

Peter Voß ist Letzter im Schacht – und dann fließt der Beton

Peter Voß (r.) mit seinen Kollegen vor dem Bergwerk Ost in Hamm. © Peter Voß

Konservierte Erinnerung

Und obwohl seine Sammlung mit Tausenden Fotos, Architektenplänen und anderen Dokumenten zur Geschichte der Region schon eine ziemlich gute Grundlage für viele Bücher ist, sieht sich Voß keineswegs als Einzelkämpfer der Erinnerungsarbeit. Im Gegenteil. Die Leute, die in den vielen historischen Arbeitskreisen aktiv sind, die Autoren, die die Beiträge in Büchern wie denen des Regio-Verlags verfassen, engagierte Bürger und ehemalige Bergleute – auf all die komme es an, damit der Bergbau auch nach seinem Ende gut in Erinnerung bleibt.

Leute, die mit Herzblut bei der Sache sind

Es komme auf die Leute an, die mit Herzblut bei der Sache sind, wie Voß betont: „Man kann das Flair von früher keinem so richtig erklären, der es nicht miterlebt hat: Die Zechengerüche, wie wir als Kinder auf den Kohle- und Bergehalden gespielt haben... Aber man sollte zumindest etwas dafür tun, diese Dinge festzuhalten, bevor sie in Vergessenheit geraten.“

Dann klappt er das Buch auf seinem Schreibtisch zu. Deckel drauf. Es wird nicht das letzte seiner Art bleiben. Und jeder kann es später wieder aufschlagen und hineinschauen – anders als in einen verfüllten Schacht.

Willi Lülf (80), Obersteiger der Zeche Werne und später Bürgermeister der Stadt, sagt über das Ende des Werner Pütts: „Für eine große Abschiedszeremonie gab es keinen Grund. Zum einen wurde die Schließung frühzeitig angekündigt und es war letztlich ein geordneter Rückzug – der Belegschaft ist ja nichts passiert. Weil alle wussten, dass sie auf der Nachbarzeche übernommen werden, hat der Betriebsrat auch keine Opposition gefahren.
Zum anderen ging es von der Zeche Heinrich Robert aus dann ja sogar in die gleichen Grubenfelder wie auf der Zeche Werne – eine gewohnte Umgebung also. Nur die Übertage-Leute mussten sich an eine neue Umgebung gewöhnen. Aber Tränen flossen deswegen nicht. Die Leute waren einfach froh, dass sie direkt auf der Nachbarzeche weiterarbeiten konnten. Und wenn man ehrlich ist: Sooo schön war die Zeche Werne jetzt auch wieder nicht.“
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