Passbilder nur noch bei Behörden? Lüner Fotografen fürchten um ihre Existenz

dzGesetzesentwurf

Ein Gesetzesentwurf sieht vor, dass Passbilder künftig nur noch in den Ämtern gemacht werden dürfen. Lüner Fotografen befürchten deshalb massive Einbußen.

von Kristina Gerstenmaier, Lea Schönfeld

Lünen

, 15.01.2020, 05:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Dieter Kaus steht an der Theke im Foto-Studio Rausch, um die Bilder für seine neue Krankenkassenkarte abzuholen. „Meine Frau hat mir gesagt, wenn`s vernünftig werden soll, geht man doch lieber ins Fotoatelier“, erzählt der 78-Jährige.

An diesem Montagnachmittag ist in dem Foto-Studio an der Münsterstraße viel los. Hinter Dieter Kaus warten drei Generationen einer Familie: Zwei Schwestern, dazu die Tochter der einen Schwester und deren Kind, das im Kinderwagen gewippt wird.

Gesetzesentwurf weckt böse Vorahnungen

„Wir haben Familienfotos zum Verschenken gemacht. Da finde ich es wichtig, dass das professionell gemacht wird“, gibt Gabriele Fries (61) Auskunft. „Auch bei Hochzeiten oder Taufen sollten Fachleute ran“, sagt sie.

Doch vielleicht wird es solche Foto-Studios wie das von Barbara Rausch in Zukunft nicht mehr geben. Denn das Bundesinnenministerium hat einen Gesetzesentwurf zur Änderung der Herstellung von Passbildern vorgestellt: Passbilder könnten demnach nur noch bei Behörden unter Aufsicht erstellt werden. So soll Bildmanipulation entgegen gewirkt werden.

Die Hälfte der Umsätze

„Passbilder machen etwa 50 Prozent unseres Geschäftes aus“, sagt Barbara Rausch. „Und viele kommen dann wieder oder sie kaufen Zubehör wie Rahmen.“ Käme ein solches Gesetz, wäre das für sie und ihre fünf Angestellten existenzbedrohend.

Kleinere Fotoateliers wie ihres müssten sich verkleinern oder sogar schließen. „Aber die Fotoindustrie steht ja ohnehin Kopf“, sagt die 61-Jährige. Sie erklärt, dass nicht nur den Fotografen eine der Haupteinnahmequellen wegbräche, sondern auch Zulieferer und Firmen, die zum Beispiel Fotopapier herstellen, von den Folgen betroffen wären.

„Berufsstand ist nichts mehr wert“

Thomas Haubrich fotografiert zwar keine Passbilder, aber auch er ist von dem Gesetzesvorhaben entsetzt. Der freiberuflich tätige Lüner Fotograf erstellt fast ausschließlich Werbeaufnahmen und Dokumentationen für Geschäftskunden. „Das wäre eine Katastrophe für die kleinen Studios. Momentan wird ja ohnehin alles dafür gemacht, dass die kaputt gehen“, sagt er.

Damit meint er die Datenschutzverordnung, nach der Personen nur noch mit ihrem schriftlichen Einverständnis fotografiert werden dürfen. Das mache jede Hochzeit oder Taufe zur Farce. „Der Berufsstand ist wohl nichts mehr wert“, sagt er. „Ich habe schon vor ein paar Jahren gesehen, dass professionelle Fotografen zum Beispiel wegen der guten Handykameras kaum noch gefragt sind. Aber dass die Kammern und die Behörden uns das Leben noch zusätzlich schwer machen, das ärgert mich sehr.“

Bundesinnung ist auch verärgert

Deutlich verärgert ist auch Klaus Rausch, Vizepräsident des Bundesinnungsverbandes Deutscher Berufsfotografen. „Ich bin entschiedener Gegner der Digitalisierung von Passbildern in den Kommunen. Und ich denke, dass ich damit für alle Fotografen Deutschlands sprechen kann“, betont Rausch.

„Die Passfotografie ist ein wichtiges Standbein für die Branche. Die Hälfte kann dicht machen, wenn dieses Gesetz kommt. Und dann hängt ja noch die ganze Zuliefererindustrie dran, zum Beispiel mit Rahmen und Papier. Das hat Seehofer nicht bedacht, als er uns dieses Gesetz mal eben schnell hingeworfen hat.“

Möglichkeiten auch für Foto-Studios

Längst gebe es andere Möglichkeiten, Passbilder vor Manipulationen zu schützen: Digitale Passbilder aus Foto-Studios könnten auch digital und verschlüsselt an die Behörden übermittelt werden. Dazu bräuchte es nur zertifizierte Software und Kameras. „Dazu gibt es schon Pilotprojekte und dann bliebe alles beim Alten, ohne dass ein ganzer Berufszweig ausstirbt.“

Foto-Studios wie das von Barbara Rausch seien außerdem in vielerlei Hinsicht kaum durch Behördenmitarbeiter zu ersetzen: Wenn Babys fotografiert werden, brauche es wirklich professionelle Anleitung, bettlägerige Senioren besucht Rausch auch zu Hause, ausländische Kunden leitet sie geduldig an.

Seit September 2018 steht ein Selbstbedienungs-Terminal im Rathaus-Foyer, das neben Porträt-Fotos auch Fingerabdrücke anfertigen kann. Nach Stadt-Angaben wurde der Automat 2019 rund 4500 Mal benutzt, zwischen 271 und 515 Mal pro Monat. Die Gebühr für die Nutzung beträgt 6 Euro. Ein konkretes Beispiel: Im Dezember 2019 wurden 791 Personalausweise und Reisepässe beantragt, im gleichen Monat wurden am Terminal 259 Bilder gemacht.
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