Von Danuta Lysien aus Oldenburg fehlt bis heute jede Spur, dennoch wurde ein Schwerter jetzt wegen Mordes schuldig gesprochen. Vor Gericht fiel Marek Glinski durch hanebüchende Märchen auf.

Oldenburg

, 19.03.2019, 17:04 Uhr / Lesedauer: 12 min

Vom Prozess aus Oldenburg berichtet Mark Geschonke von der Nordwest-Zeitung auch für uns.

Danuta Lysien, 56-jährige Polin aus dem Oldenburger Ortsteil Krusenbusch, ist tot.

Das ist zumindest die Überzeugung der Schwurgerichtskammer, die am Dienstagmittag Marek Glinski des Mordes aufgrund von einer Vielzahl Indizien schuldig sprach und den 57-Jährigen zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilte. Der Landsmann Lysiens nahm das Urteil regungslos hin, wird aber aller Voraussicht nach in Revision gehen. Über seine Chancen in einem sich dann anschließenden Verfahren vor dem Bundesgerichtshof kann nur spekuliert werden. Klar ist, dass die höhere Instanz das Urteil nur auf Grundlage der Sitzungsprotokolle bewerten und auf Rechtsfehler prüfen wird. Eine weitere Gelegenheit, sich zu präsentieren und der Öffentlichkeit weitere Lügen zu erzählen, erhält Marek Glinski nicht. „Wenn man bei der Vielzahl der Geschichten dann immer noch nicht zur wahren Geschichte kommt und alle anderen widerlegt wurden, dann ist die einzig wahre Geschichte, dass Sie es waren“, sagte Richter Sebastian Bührmann.

So viele Geschichten wie Regentropfen

Nein, das Gericht hatte es sich bei der Urteilsfindung offenkundig nicht leicht gemacht. Aber das hatte es Marek Glinski der Kammer ebenso wenig. Schon seit dem 13. Juni 2018, dem Tag seiner Verhaftung, tischte der Pole den Ermittlern zahllose Geschichten auf. „So viele wie Regentropfen“, sagte Richter Bührmann in seiner Urteilsbegründung. Mal war Danuta Lysien tot, mal quicklebendig. Mal war sie auf Weltreise unter fremdem Namen, mal von ihrem Nachbarn erschlagen und im Wald vergraben worden. Glinskis Erklärungen für das spurlose Verschwinden von Danuta Lysien waren mannigfaltig, ausschweifend und höchst lebendig. Von Danuta Lysien aber fehlt bis heute jedes Lebenszeichen.

Es gab keine Videoaufzeichnungen in den Bahnhöfen, die die Witwe laut Glinski für ihre angeblich anonyme Flucht genutzt haben soll. Keine Funkdaten zu ihrem Handy, keine Spuren im Haus, im Auto oder an sonstigen wegweisenden Orten. Im Gegensatz zu Marek Glinski. Überwachungskameras in Deutschland und Polen hatten den Mann verewigt, als dieser maskiert mit der EC-Karte von Danuta Lysien Geld von ihrem Konto abhob. Sein Autokennzeichen wurde an Grenzübergängen erfasst, SMS und Anrufe mit seiner Nummer im Tatzeitraum detailliert aufgeschlüsselt. Da waren Hotelbuchungen, Zeugenaussagen und nicht zuletzt „Aktivitäten“ in der rund ein Jahr später vollzogenen Untersuchungshaft, die ihn allesamt der Lüge überführten.

Täterwissen im schwachen Moment offenbart

Und da war jenes Täterwissen, das Glinski in einem schwachen Moment offenbar verraten hatte. Der Pole hatte aber dummerweise darin einen Polizisten bei der Transportfahrt als „Verräter“ ausgewiesen – der aber hatte (kurzfristig eingesprungen) selbst gar keine Ahnung von den Vorwürfen.

Mehrfach hatte der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann (auch federführend im derzeitigen Högel-Prozess) dem Angeklagten während des viermonatigen Prozesses verdeutlicht, dass er ihm nur schwerlich glauben kann. Chancen zur Klarstellung gab er ihm jedoch mehr als genug. Allein: Glinski vermochte keine von ihnen zu nutzen.

„Ich habe ihr Gold nicht genommen und auch ihr Geld nicht geklaut.“

Er verhedderte sich in Widersprüchen, nannte sich selbst einen Kopf-Chaoten, dementierte jeglichen Lügen-Vorwurf um diesen sogleich wieder ad absurdum zu führen, indem er sagte: „Ich wurde doch zum Lügen gezwungen“ - weil er von Polizei und Gericht angeblich unmenschlich behandelt worden sei. Diese Aussage wiederholte er auch in seinem Schlusswort am Dienstagvormittag. Und hatte Glinski noch in der letzten Verhandlung der Beweisaufnahme erklärt, dass Danuta Lysien tot sei, er aber nichts damit zu tun habe, sagte er nach den Plädoyers nun dies: „Es gab und es gibt keine Beweise, die bezeugen, dass Danuta Lysien nicht lebt – weil es keinen Mord gab. Ich habe ihr Gold nicht genommen und auch ihr Geld nicht geklaut.“ Und wieder nannte der 57-Jährige einen neuen Namen, der mit dem Verschwinden der Landsfrau zu tun haben solle. Na, was denn nun?

Prozess wurde zur One-Man-Show

So nachhaltig verwirrend wie beeindruckend und gleichsam überraschend kam dann auch das Plädoyer seines Pflichtverteidigers Torsten Rückoldt aus Brake daher. Dieser hatte im Prozessverlauf auffällig oft geschwiegen, eher Formalitäten denn inhaltliche Aspekte moniert. Der Grund für all das – und auch jene beachtliche erste wie letzte Direktansprache gen Glinski: „Der Großteil unserer Verteidigungsstrategie war ja schon nach dem ersten Prozesstag Makulatur“, sagte Rückoldt, „weil es hier ganz anders gelaufen war als ich es gedacht habe.“ Glinski hatte wie berichtet aus dem Prozess eine Ein-Mann-Show gemacht. Die Quittung dafür bekam er im Plädoyer seines Verteidigers. Der hatte darauf gehofft, dass der Angeklagte vor Gericht schweigen würde - „aber das hat keine 5 Minuten gehalten.“ Ja, jeder Mensch habe ein Recht, verteidigt zu werden, deshalb hätte er das Pflichtmandat übernommen – während sich der Wahlverteidiger plötzlich von dannen gemacht hatte, Glinskis Unterlagen unkommentiert hinterlassen hätte.

Was dann folgte, sei „abenteuerlich“ gewesen. Ob jeder neue Vortrag seines Mandanten denn eine neue „Episode aus Glinskis Märchen“ sei, habe er sich häufiger gefragt. Glinski lauschte, würdigte Rückoldt aber keines Blickes. Und auch im Zuschauerbereich gab es irritierte Gesichter. Ein Verteidiger, der gleich noch Lebenslang für seinen Mandanten fordert? Von wegen: „Ich beantrage Freispruch.“ Und die Begründung lieferte er gleich dazu: „Ob so viel Abenteuerlichkeit als Basis für eine Verurteilung in einem Tötungsdelikt genügt?“

Rückoldt verwies auf die zahlreichen Geschichten und Lügen, aber auch auf die intensiv verhandelten Nebenschauplätze, die mit den Geschehnissen an jenem 24. Juni 2017 eigentlich nicht in Verbindung gebracht werden könnten. „Ich will das Schlaglicht auf einen Aspekt legen: Dass wir hier unheimlich viel gehört haben an Dingen, die wir nicht glauben. Aber Herr Glinski glaubt sie.“

Gutachten bescheinigt Schuldfähigkeit

Die psychiatrischen Gutachten, die allesamt eine Schuldfähigkeit des Angeklagten auswiesen, wolle er indes nicht in Abrede stellen. So eindeutig, wie dies alles zurückblickend gegen Glinski klingen und auch sprechen mag, war es tatsächlich nicht. Bauchgefühle sind zwar in vielen Lebenslagen ein guter Ratgeber – vor Gericht aber braucht es Fakten. Und so hatten die Ermittler wie Richter über viele, viele Monate hinweg (auch noch während der Verhandlung) einen ganzen Rollwagen voller Akten voller Indizien für einen Mord gesammelt. Kleinstarbeit, detailliert und überzeugend zugleich. Richter Bührmann wird dies im Urteil als „exzellente Polizeiarbeit unter Führung von Lena Bohlken, mit langem Atem“ bezeichnen. Und das völlig zu Recht.

Die alles entscheidende Punktlandung aber, das letzte Quäntchen zur Klärung des Geschehens, war nicht geglückt: Danuta Lysiens Leichnam ist bis heute nicht gefunden worden. Und auch Marek Glinski hatte seine wohl letzte große Auftrittsmöglichkeit in diesem Prozess nicht zur Offenlegung des besagten Ablageortes genutzt.

Ihr Grab will er ausgehoben haben

Ob Danuta Lysien überhaupt jemals gefunden wird, die letzten Angehörigen ihre Trauer beschließen können, ist ungewiss – und abhängig wohl einzig und allein vom Wohlwollen Glinskis, so hatte es die Staatsanwaltschaft schon früh kund getan. Zur Erinnerung: Der Pole hatte in einigen Erklärungsvariationen ausgesagt, das „Grab“ für Danuta Lysien in einem Waldstück nahe Oldenburg ausgehoben zu haben, für ihren Tod aber nicht verantwortlich zu sein. An den Standort könne er sich nicht mehr erinnern – die besagte Nacht war dunkel und regnerisch. Und die unstrukturierte Fahrt zum finalen Ablageort mit dem Leichnam Lysiens im Kofferraum eine langwierige... Vielleicht war dies einer der ganz wenigen halbwegs ehrlichen Momente Glinskis. Denn Danuta Lysien soll laut Gericht in Oldenburg oder umzu begraben, höchstwahrscheinlich sogar getötet worden sein. In ihrer Wohnung fanden sich zumindest keine Hinweise auf eine Tötung vor Ort.

Drei Prozesse mit Mord ohne Leiche

Einen „Mord ohne Leiche“ - so wie es nun auch das Urteil in diesem Fall besagt – hat es oft in der Geschichte der Rechtssprechung gegeben. Jüngstes und regionalstes Beispiel ist das Verschwinden von Jutta Fuchs. Sie sollte 1993 in Bremen von ihrem Lebensgefährten ermordet worden sein, so der Verdacht. Im vergangenen Jahr wurde nun also in einer spektakulären Ermittlungsaktion der Tietjensee zur Leichensuche leergepumpt. Ohne Erfolg. Der heute 58-Jährige wurde kürzlich freigesprochen.

Eine ähnliche Situation, ein anderer Fall: Im Jahr 2000 wurde Hartmut Crantz in Lüneburg für den Mord an seiner Frau verurteilt – deren Leichnam aber nicht gefunden wurde. Crantz tötete sich drei Jahre später im Gefängnis selbst. Und dann war da noch der Fall einer spurlos verschwundenen Philippinin, für den ihr Ehemann, dessen Schwester und ihr Schwager im Jahr 2009 des Mordes verurteilt worden waren. Der Bundesgerichtshof hatte das Urteil gegen die beiden Letztgenannten Jahre später aus Mangel an Beweisen aufgehoben.

Drei Morde ohne Leiche, drei höchst unterschiedliche Urteile.

„Sie haben Danuta Lysien getötet“

Im nun vor dem Oldenburger Landgericht beendeten Prozess begründete Richter Bührmann das seinige folgendermaßen: „Am 24. Juni nach 16 Uhr stirbt Danuta Lysien. Sie ist von Ihnen getötet worden, auf von uns nicht festzustellende Weise. Sie haben Danuta Lysien getötet, um an Wertgegenstände zu kommen. Sie haben aus Habgier gehandelt. Mit hoher Wahrscheinlichkeit haben Sie mit einem Komplizen gehandelt. Sie haben die Leiche an einen Ort verbracht, den wir nicht auffinden konnten.“ Und zur weiteren Erklärung: „Vieles in ihrem Leben sieht einfach nicht echt aus und wirkt auch nicht echt. Einmal kann Zufall sein, zweimal auch. Sieben, acht, neun Zufälle sind dann kaum erklärlich. Sie waren nicht der gute Freund von Frau Lysien.“

Drei Häuser am Dießelweg gehörten Danuta Lysien hier im Ortsteil Krusenbusch nach dem Tod ihres Mannes allein. Die Polin galt in der Nachbarschaft als wohlhabend, hatte sich ohne ihren voluminösen Goldschmuck kaum aus dem Hause gewagt. Rund 800.000 Euro Schwarzgeld in Bar habe der verstorbene Gatte im Haus gesichert, an verschiedenen Stellen versteckt, so hieß es aus gut unterrichteten Kreisen. Gleiche besagen, dass Danuta Lysien nach der Beerdigung nach und nach das Geld in Kissen eingenäht über die Grenze nach Polen gebracht haben soll. Ob zur raffgierigen Verwandtschaft, wie es hieß, oder doch zur Sicherung des eigenen späteren Lebens – das blieb und bleibt wohl ungeklärt. Im Haus wurde weder Bargeld noch wertvoller Schmuck gefunden. Dafür aber eine Quittung von Rossmann und einige Hygieneartikel, die Danuta Lysien Stunden vor ihrem Verschwinden noch im Kaufpark Kreyenbrück erworben hatte und damit eine rhetorische Frage unbeantwortet lässt: Wenn ein Mensch über Wochen den Ausstieg plant, sich absetzen und ein neues Leben beginnen möchte – lässt er dann seine gerade erworbenen Gegenstände einfach zurück und die Kontoauszüge offen herumliegen?

Häuser wurden mehrfach durchsucht

Gleich mehrfach wurden die drei Häuser „unter Einsatz technischer Mittel“, wie es damals hieß, nach Spuren durchsucht. Kampfspuren. Blutspuren. Jeglichen noch so kleinsten Hinweis auf den möglichen Verbleib von Danuta Lysien. Wonach immer wieder gesucht wurde, was schon bei den ersten Durchsuchungen im Frühsommer 2017 nicht ins Auge sprang oder als mögliches Beweismittel in Betracht hätte kommen können? „Es gab einen vagen Hinweis darauf, dass dort die Leiche versteckt sein könnte“, so hatte Oberstaatsanwalt Thomas Sander damals auf NWZ-Nachfrage geantwortet. Das bestätigte sich aber offensichtlich nicht.

Gut ein halbes Jahr später steht Sander im Landgericht, fordert dennoch eine lebenslängliche Haftstrafe wegen Mordes an Danuta Lysien: „Ich könnte stundenlang referieren über das Ergebnis der Beweisaufnahme – und könnte am Ende doch nur einen groben Abriss geben.“ Schließlich waren die Ermittlungen über alle Maßen umfangreich, aber eben auch nötig. Denn: „Der Angeklagte hat uns so oft angelogen, wie ich im ganzen Leben noch nicht angelogen worden bin“, sagte Sander, „das Blaue vom Himmel. Es war unfassbar. Ein Netz aus Lügen.“

Eine ergebnislose Suche nach der anderen schloss sich an, dies alles war aber ganz bewusst so vom Angeklagten Marek Glinski initiiert. Denn der hatte mit den Ermittlern dank immer neuer Geschichten und „Erinnerungen“ Katz und Maus gespielt, sie von einem Ort zum anderen geschickt, von einem angeblichen Täter zum nächsten. Gleich mehrere Tatverdächtige hatte die Polizei so im Laufe der Ermittlungen im Fokus, manche deutlich intensiver als andere. Am Ende aber kristallisierte sich immer wieder Marek Glinski als der wahrscheinlichste heraus.

Glinski zum Reden bringen

Bis zum quasi letztmöglichen Tag der maximal sechsmonatigen Untersuchungshaft wurde der Pole in der JVA Kreyenbrück „bei Laune“ gehalten. Umgekehrt galt das genauso. Schließlich wurde Anklage zu Dezember erhoben. Möglicherweise wurde der Zeitrahmen voll ausgereizt, um weitere Spuren zu verfolgen, um auf neue Erkenntnisse zu hoffen. Um Glinski ins Reden zu bringen. Das tat er auch, allerdings auf anderem Terrain als erwartet.

Der Pole wusste und weiß die Klaviatur der Öffentlichkeitsarbeit in eigener Sache durchaus gut zu spielen, hatte gleich zu Prozessbeginn am 4. Dezember 2018 einen Schwung an Kopien von Presseartikeln,die ihn als guten Mann auswiesen, unter den anwesenden Journalisten verteilt. Artikel, die er vor einigen Jahren regelrecht „in Auftrag“ gegeben hatte. Denn Glinski stand schon einmal im Fokus der Öffentlichkeit.

Schon einmal wegen Mordes verurteilt

Als im Dezember 1994 ein deutscher Versicherungsvertreter brutal nach einem Gelage in einem Hotel in Polen getötet wird, gilt Glinski als der Haupttäter. Zwei Beteiligte beschuldigen ihn des Mordes, Glinski wird per internationalem Haftbefehl gesucht. Am 13. Juni 1995 stellt er sich der Polizei, ein polnisches Gericht verurteilt ihn zu 25 Jahren Haft.

Über 20 davon verbringt er in mehreren polnischen Gefängnissen, dann wird er schließlich entlassen. Als „unschuldig“, wie er stets beteuert. Nur: Das damalige Urteil ist nach wie vor rechtskräftig. Glinski gilt in Polen weiterhin als Mörder.

In Polen und auch in deutschen Boulevardmedien dreht er fortan das große Rad. Die spielen die traurigschöne Geschichte vom lieben Kerl, der 20 Jahre unschuldig im Gefängnis saß, mit. Glinski bekommt so in gewisser Weise eine neue Identität, gilt nicht als brutaler Killer, sondern als Mann, dem übel von der polnischen Justiz mitgespielt wurde. So wird er dann auch in der neuen und einstigen Interims-Heimat Schwerte gut aufgefangen.

Ein Umstand, der auch Verteidiger Torsten Rückoldt unangenehm aufstieß. „Eine große Boulevardzeitung hatte die Geschichte von Marek Glinski zu seiner Zeit in Polen gebracht – das war ganz anstrengend, überhaupt nicht gut“, sagte er am Dienstag, „denn der Mensch fing an, selbst zu glauben, was er da selbst lanciert hatte. Das war nicht hilfreich.“

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Mit den Medien gespielt

Doch Glinski – ausgebildeter KfZ-Mechaniker und erfolgreicher Kaminbauer – konnte so seinen Traum und seine Geschichte weiterleben, fortstricken. In der neuen alten Heimat wird er Altenpfleger und Krankentransportfahrer, erzählt hüben wie drüben jedem von seiner unschuldigen Inhaftierung, dass er nun aus dieser Zeit Profit schlagen und über eine Entschädigungszahlung Millionär werden möchte. Die wohlwollenden Artikel im Boulevard seinerzeit sind da in der öffentlichen Wahrnehmung sicherlich nicht hinderlich. Hier ein paar Gelegenheitsjobs, dort wieder neue andere Geschäftsideen. Geld hat er immer. Mal mehr, malweniger. Oft genug leiht er sich große Summe von Bekannten, zahlt diese aber wohl auch irgendwann wieder voll zurück.

Und trotzdem gibt es da Aktivitäten und Ereignisse, die zumindest seltsam erscheinen. Seinen wechselnden Lebenspartnerinnen drängt er Lebensversicherungen auf, die im Fall der Fälle zu seinen Gunsten dann wirken sollen. Das aber geht nicht wirklich auf. Plötzlich verschwinden Wertgegenstände hier wie dort. Glinski aber hat immer Erklärungen dafür.

Hat Glinski auch etwas mit dem Tod seines Vaters zu tun?

Und schließlich jener Vorfall mit seinem Vater: Bei einem Spaziergang am Fluss in Belgien wird sein Vater – ebenfalls kurz zuvor mit einer hohen Lebensversicherung zugunsten Mareks ausstaffiert – plötzlich ins Wasser geweht, so erklärte es der 57-Jährige. Der Anfang vom Ende. Glinski wird ausbezahlt, zumindest von einer der beiden abgeschlossenen Lebensversicherungen. Ein Vertreter der anderen großen Versicherung aus Münster, die noch nicht überwiesen hatte, sitzt am Freitag in der Verhandlung und hört ganz fokussiert zu.

„Sie haben nach meiner Auffassung nach auch Ihren Vater ermordet“, sagte da Oberstaatsanwalt Thomas Sander, „und wir werden unsere Erkenntnisse an die belgischen Behörden weiterleiten.“ Sprich: Möglicherweise wird auch dieser als Unglück eingestufte Todesfall noch einmal neu beleuchtet. Selbst Glinskis Verteidiger erschien die Erzählung vom in den Kanal gewehten Vater vorsichtig formuliert als schwer nachzuvollziehen. „Fremdenlegion, Liebesgeschichten, mysteriöse Todesfälle, ja selbst sein Arbeitsunfall: Das Geschehen habe mir beim besten Willen nicht vorstellen können – wieso passiert einem einzelnen Menschen so viel Ungewöhnliches?“

Vermögensverhältnisse, Geldverstecke und tristes Witwen-Dasein

Bei seinen Jobs hinterlässt Glinski nicht immer einen guten Eindruck. Vor allem die Pflege eines älteren Paares in Oldenburg endet abrupt mit der Demission Glinskis und seiner damaligen polnischen Partnerin. Einerseits, weil Geld auf seltsame Weise verschwindet, Glinski zudem deutlich mehr fordert. Andererseits, weil er mit seiner Pflegeperson zur Bank fährt und dort viel Geld von deren Konto abheben will. Dazu kommt es nicht, weil der Bankangestellte aufmerksam ist, die offizielle Betreuerin informiert.

Glinski verliert seinen Job. Aber anscheinend nicht das neue Ziel aus den Augen. Hat er sich doch für ein paar Wochen in einer Wohnung von Danuta Lysien eingemietet und weiß ziemlich schnell über ihre Vermögensverhältnisse, die Geldverstecke und deren tristes Witwen-Dasein Bescheid. Auch wenn er eine Liaison dementierte, so soll er doch an einem engeren Austausch interessiert gewesen sein, so Zeugen. Sprich: Glinski habe sich Danuta Lysien „schnappen“ wollen, „dann geht es mir gut.“

Genug sei Glinski nie genug gewesen, so Sander in seinem Plädoyer. Dass Danuta Lysien nicht unvermögend war, sei ihm früh klar gewesen. Entsprechend habe er sie mehrfach besucht. Doch nicht nur das. Laut Zeugen scheint klar, dass Glinski derjenige war, der Danuta Lysien „aggressiv bedrängte“. Auch habe Glinski die Krusenbuscherin mal mit verstellter Stimme angerufen, wollte mit russischem Akzent Geld von ihr haben. Das aber hätte Lysien durchschaut. Allein: Zu helfen wusste sie sich nicht. Angeblich hatte die Krusenbuscherin Angst vor dem Mann, wollte ihm zuerst nichts vermieten. Warum es dann doch geschah – ungewiss. Es tut aber wohl auch nichts mehr zur Sache.

Beide blieben also in Kontakt, auf welche Initiative auch immer. Bis es dann am 24. Juni 2017 zum Unglück jedweder Art gekommen sein muss und schließlich darin mündete, dass sich Glinski mehrfach binnen weniger Stunden am Konto von Danuta Lysien bediente.

Viele Geschichten, unzählige Fragen

Nein, man wisse nicht, wo die Frau „unter Zement“ begraben sei, und auch nicht, ob Glinski Hilfe hatte. Dass er der Hauptverantwortliche für ihren Tod ist, davon war die Staatsanwaltschaft bis zuletzt überzeugt. Selbst wenn es weitere Täter gebe, von denen Glinski immer mal wieder sprach, so würde es kaum seinem „Naturell entsprechen“, auf Beteiligte zu hören. Sander dazu: „Warum ein Chefkoch wie Sie sich von einem Hilfskoch eine Geldabnahme befehlen lässt“, entschließe sich ihm nicht. Überhaupt: Warum er die Kleidung entsorgt habe, die er in der Bank getragen hatte, wenn er doch unschuldig sei? Weshalb er sich dazu überhaupt maskierte? Warum hat er aus seinen fein säuberlich geführten Kalendern nur den 24. und 25. Juni 2017 entfernt, alles andere aber vorbildlich gepflegt? Und warum ist Glinski der einzige Mensch weit und breit, der so viel vom angeblichen neuen Verehrer Danutas wusste, mit der sie nun unerkannt auf Weltreise sein sollte? Fragen über Fragen, deren Beantwortung vermutlich nur einen Schluss zuließen.

„Da komme ich gleich auf Betriebstemperatur, wenn ich daran denke“, holte Sander weiter aus, „es war alles erstunken und erlogen. Es gibt keine Reise – nur eine Reise in den Tod. Und die haben sie organisiert.“

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Bei der Fremdenlegion als Scharfschütze ausgebildet

Und noch ein nicht ganz unwichtiges Detail macht ihn zwar noch nicht zu einem potenziellen Mörder, zeigt aber, dass Glinski zumindest theoretische Möglichkeiten hätte, einen Tod still herbeizuführen und auch Tote spurlos verschwinden zu lassen: Vier Jahre lang war Glinski in der französischen Fremdenlegion aktiv, hier zum „Sniper“ (Scharfschütze) ausgebildet, wie er selbst sagte. Für ihn sei es ein Lebensabenteuer gewesen. Kaum verwunderlich – gehen Fremdenlegionäre während ihrer Ausbildung zur Elitetruppe doch durch die sprichwörtliche Hölle, werden bis zur totalen Erschöpfung abgehärtet. Physisch wie auch psychisch. Eine neue Identität ist da schnell angenommen, ein neuer Eindruck.

Um so weniger überraschend, wie unterschiedlich sich Marek Glinski doch vor Gericht zu geben wusste. Manchmal jovial, charmant und laut. Andere Male dann wieder still, teilnahmslos. Nicht nur hinter vorgehaltener Hand, sondern auch in offiziellen Verlautbarungen der Behörden wurde immer wieder von seiner bedrohlichen, teils impulsiven Weise gesprochen. Mit ein Grund, weshalb Glinski schon im September in Einzelhaft verlegt wurde. Er versuchte, Mithäftlinge zu beeinflussen, versprach ihnen neue Identitäten – oder drohte ihnen und ihren Familien mit schrecklichen Folgen. Einmal habe er einen Mitinsassen aufgefordert, dass dieser seine Frau in Brasilien anweisen soll, sich via Telefonanruf bei der deutschen Polizei als Danuta Lysien auszugeben. Um so seine eigene Haut zu retten.

Narzisstischer Charakter

„Sie sind zum Tatzeitpunkt voll schuldfähig gewesen, Herr Glinski. Die Gutachter haben Ihnen eine narzisstische Betonung nachgewiesen, da wäre ich aber selbst auch drauf gekommen“, sagte Thomas Sander dann im finalen Schlussakt, „Kurzum: Sie sind ein schlechter Mensch. Und ein Mörder.“

Blieb Glinski weitestgehend still und zurückhaltend, brach es zwischendurch dann aber doch wieder aus ihm heraus. Ganz ähnlich wie an früheren Verhandlungstagen. Einmal sprang er auf, beleidigte vulgär ins Publikum und musste von den Wachtmeistern gestoppt werden. Richter Bührmann erließ sogleich Fußfesseln – bis zum Ende des Prozesses. Und auch am letzten Verhandlungstag wurde Glinski ungemütlich, als die Sprache auf den möglichen Mord an seinem Vater kam. „Das ist zu viel, das ist zu viel!“, schrie er und sprang kurz auf.

Kein direkter Nachweis ohne Leiche

Überhaupt: Werden Angeklagte sonst zumeist von zwei Wachtmeistern begleitet, waren es hier von Beginn an derer vier. Offenbar zur Vorsicht. Weil man weiß, wen man da vor sich hat und was passieren kann? In der Theorie und so vielleicht ja auch in der Praxis.

Nahezu all seine Lügen wurden aufgedeckt, die meisten seine Geschichten vollends widerlegt und die Ermittlungskreise dank umfangreicher Indizien immer enger und enger gezogen. Nur den Mord, den konnten sie Marek Glinski nicht direkt nachweisen – weil der Leichnam Lysiens fehlt.

Es dürfte Glinskis gewichtigstes wie auch einzig verbliebenes Argument für ein Revisionsverfahren sein. Ein erfolgreiches? Das sei dahingestellt. Bis auf weiteres.

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