Neuer Inhaber führt die älteste Apotheke der Stadt ab 2. Januar weiter

dzSchwerter Geschäftswelt

Seit 1751 gibt es die Adler-Apotheke. In den vergangenen 35 Jahren hat sie das Berufsleben von Sigrid Bohr geprägt. Sogar ihren Ehemann lernte sie dort beim Aspirin-Verkaufen kennen.

Schwerte

, 28.12.2018 / Lesedauer: 4 min

Hinter der stadtprägenden Fassade am Eingang der Hüsingstraße beriet sie ihre Kunden, verbrachte sie bei den Bereitschaftschaftsdiensten die Nächte auf dem ausziehbaren Bett, lernte sie sogar ihren Ehemann kennen: Die Adler-Apotheke hat 35 Jahre lang das Berufsleben von Sigrid Bohr geprägt. Am 2. Januar geht der Betrieb an den Dortmunder Apotheker Carsten Schumacher über, der bereits die Neue Apotheke am Postplatz führt. Betriebsleiterin vor Ort wird Katharina Porwol.

Kriegskamerad half dem Vater

„Es war mein Herzenswunsch die Adler-Apotheke in neue Hände zu geben“, freut sich Sigrid Bohr. Es sollte ihr nicht so ergehen wie vielen historischen Apotheken in Großstädten, die angesichts der Internet-Konkurrenz aufgeben. „Alle 38 Stunden stirbt in Deutschland eine Apotheke“, sagt die 74-Jährige. Auch in Schwerte machten während ihrer Berufszeit zwei Betriebe dicht – an der Bahnhofstraße und im City-Centrum.

Die Situation war noch ganz anders, als sich ihr Vater Theo Surmann nach seinem Pharmazie-Studium selbstständig machen wollte. Einfach eine neue Apotheke zu eröffnen, war vor der Einführung der Niederlassungsfreiheit im Jahre 1958 nicht möglich. „Da gab es noch die privilegierte Apotheke“, berichtet Sigrid Bohr: „Es war normal, dass sie vererbt oder in sie eingeheiratet wurde.“

Beides machte Theo Surmann nicht. Ihm half ein Kriegskamerad aus dem Zweiten Weltkrieg. Bei der Wehrmacht hatte er einen Schwerter Zahnarzt kennengelernt und ihm schließlich zur Flucht aus einem Gefangenenlager in Frankreich verholfen. Der konnte sich mit einem Tipp revanchieren, als er hörte, dass der damalige Besitzer der Adler-Apotheke einen Nachfolger suchte.

Späterer Ehemann kam zur Tür herein

Nach einem Jahr zur Probe konnte Theo Surmann die Adler-Apotheke pachten und später kaufen. 1960 holte er seine Ehefrau und die Kinder nach Schwerte, wo Sigrid Bohr 1964 ihr Abitur ablegte. Anschließend studierte sie Pharmazie in Bamberg und Münster, bevor sie 1971 die Approbation erlangte. Schon in den Semesterferien half sie jeweils in der Adler-Apotheke aus. Ein Glück, denn eines Tages kam ihr späterer Ehemann Jürgen Bohr zur Tür herein. Schwer bepackt mit den Einkaufstaschen, die er seiner Mutter vom Markt nach Hause schleppte. Gesehen hatten sich die beiden schon einmal in Marburg. Doch in diesem Moment sollte es funken.

„Ich habe ihn beim Aspirin-Verkaufen kennengelernt“, weiß Sigrid Bohr noch ganz genau. Das Paar heiratete auf einer Burg an der Lahn, lebte in Hannover und Gießen. 1982 übernahm Sigrid Bohr dann die Adler-Apotheke von ihrem Vater. Damals wurden noch viele Dragees und Stärkungsmittel vor Ort produziert. Mittlerweile liefert die Industrie Medikamente für fast jeden Zweck.

Alle Nacht-Bereitschaftsdienste selbst geleistet

Wie eh und je geblieben sind jedoch die Nacht-Bereitschaftsdienste, die Sigrid Bohr stets selbst geleistet hat – früher jeden zwölften Tag, aktuell einmal im Monat. 45 Stunden pro Woche arbeitete die Chefin von acht Mitarbeitern bis zuletzt: „Ich erledige auch die Buchführung und Überweisungen immer selber.“ Umso mehr freut sich die Bald-Ruheständlerin auf das Mehr an freier Zeit, das es ihr erlaubt, öfter mal ihre drei Enkel in Leipzig zu sehen.

Mit der Ära Bohr endet ein weiteres Kapitel in der langen Geschichte der ältesten Apotheke der Stadt, die 1751 von Ludolf Lange im Haus Brückstraße 1 (jetzt Standort des Kodi-Markts) gegründet worden ist. 1905 zog sie in den repräsentativen Neubau an der Hüsingstraße 1 um. „Er wurde von drei Berliner Architekten entworfen, deshalb ist jede Etage anders“, weiß Sigrid Bohr.

Doppelhaus mit dem ersten Kaufhaus der Stadt

Das Gebäude bildete eine Doppelhaus-Einheit mit dem angrenzenden Geschäftshaus Hüsingstraße 1a, das damals auf zwei Etagen das erste Schwerter Kaufhaus beherbergte. Kurios: Der Neubau musste mit seiner Front weiter von der Hüsingstraße zurückbleiben. Denn die war noch Durchgangsstraße und sollte irgendwann verbreitert werden, wie Nachbar Klaus Dieter Heinz berichtet.

Bei einem Verkauf der beiden Häuser in den 1940er-Jahren wurden die Grundstücke getrennt. Der Apothekergarten auf der Rückseite, in dem einst Heilkräuter angebaut wurden, gehört seitdem dem Nachbarn. Geblieben ist die steinerne Nachteule an der Fassade. Sie zeigt mit ihrem Licht an, wenn der Apotheker im Hause ist.

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