Seit September ist Jorina Engelkemeier als Polizistin in Lünen auf Streife. Das war ihr Wunsch - auch, weil sie aus Lünen stammt. Wie fühlt sich das an, in der Heimat auf Streife zu sein?

von Kristina Gerstenmaier

Lünen

, 13.10.2019, 09:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Bei ihrem bisher aufwühlendsten Einsatz wurde Jorina Engelkemeier zu einem Tatort gerufen, an dem ein Mann seinem Bruder mit einer Axt ein Fenster zertrümmerte. „An diesem Tag habe ich auch zum ersten Mal im Dienst meine Waffe gezogen“, erinnert sich die 24-Jährige. „Da war ich schon sehr aufgeregt. Wir wussten nicht, ob der Mann noch vor Ort war.“

Seit etwas über einem Monat bereichert die 24-Jährige nach frisch abgeschlossener Ausbildung zur Polizeikommissarin die Lüner Wache. Damit ist sie eine von acht neuen Polizisten - darunter sowohl erfahrene Beamte, als auch Berufsanfänger wie Jorina Engelkemeier -, die Anfang September in der Lippestadt ihren Dienst aufnahmen.

Mindestens ein Jahr lang wird sie im Streifendienst tätig sein. Wahrscheinlich länger: „Ich möchte gerne drei bis vier Jahre hier bleiben und dann in die Hunderterschaft wechseln“, sagt sie.

Selbstbewusstsein als Grundvorraussetzung

Die 24-jährige junge Frau spricht gedämpft und wählt jedes ihrer Worte mit Bedacht. Immerhin war Kommunikation, auch non-verbale, wesentlicher Bestandteil ihrer dreijährigen Ausbildung. Die hohe Kunst sei, dass man allein mit Worten zum Ziel kommt.

Groß, rot-blonde lange Haare, dezent geschminkt und sportlich, wirkt sie auf den ersten Blick nicht wie jemand, der sich in einer Hundertschaft behaupten kann, nicht wie jemand, der sich in einer Gruppe alkoholisierter jugendlicher Ruhestörer Gehör verschaffen kann.

Und doch überzeugt es, wenn sie die Frage, wie sie sich selbst charakterisieren würde, so beantwortet: „In unserem Beruf darf man sich nicht so viel zu Herzen nehmen. Man sollte widerstandsfähig und stressresistent sein und vor allem muss man selbstsicher rüber kommen. Außerdem muss man in vielen Einsatzsituationen auch eine gute Zuhörerin sein, um den Opfern beizustehen. Das alles versuche ich zu befolgen.“ Sie glaubt, dass man schon sehr selbstsicher rüber kommen muss, um diesen Beruf gut ausüben zu können.

Härte zeigen, auch mal seine Stimme erheben, klare Ansagen machen und im nächsten Moment feinfühlig und sanft zu sein, das ist einer der Reize, die die junge Frau in ihrer Berufswahl beeinflussten. Das Gefühl als Frau nicht ernst genommen zu werden, hatte sie bei ihren Einsätzen, sei es in der Praktikumszeit während der Ausbildung oder seit Dienstantritt, noch nie.

Dabei zählt sie als weibliche Polizistin in Lünen noch immer zu einer Minderheit: Nach Angaben von Frank Schulz, Erster Polizeihauptkommissar und Leiter der Polizeiwache Lünen, liegt die Verteilung in der Lippestadt bei einem Drittel zu zwei Dritteln; Tendenz zu einem ausgeglichenen Geschlechterverhältnis steigend.

In Lünen aufgewachsen, in Lünen geblieben

Außerdem ist Jorina Engelkemeier Teil einer weiteren Minderheit: „In Lünen zu wohnen, hier Praktikum zu machen und dann hier eingesetzt zu werden, ist eine absolute Ausnahme“, weiß Polizeihauptkommissar Schulz.

Mit drei Jahren zog die junge Beamtin mit ihren Eltern nach Lünen, Abitur machte sie am Gymnasium Altlünen. Nach zwei Jahren Bundeswehr in Köln und der anschließenden Ausbildung zur Polizeikommissarin in Dortmund, während der sie auch ein Praktikum in Lünen absolvierte, ist sie nun wieder hier. Wenn es darum geht, wo man eingesetzt werden möchte, dürfen Absolventen drei Wünsche äußern.

Bei Jorina Engelkemeier stand ihre Heimatstadt auf Platz 1, vor Bochum und Recklinghausen.

Lünen als kriminalistischer Querschnitt

„Lünen ist einfach eine schöne Stadt“, sagt die junge Polizeikommissarin. „Es ist in jeder Hinsicht ein schöner Querschnitt: Es ist gleichzeitig städtisch und ländlich, es ist komplett bunt gemischt, man hat mit sehr vielen verschiedenen Menschen zu tun, diese Stadt bildet einfach alles ab.“

Mit ihrem Rundumschlag durch alle Kriminalitätsbereiche und menschlichen Daseinsformen sei die Lippestadt perfekt für den Einstieg. Und wenn sie sich in ein paar Jahren weiter entwickeln möchte, biete die Zugehörigkeit zum Polizeipräsidium Dortmund viele Möglichkeiten.

Neben der Hundertschaft könnte sie sich zur Kriminalkommissarin, als Teil eines Sondereinsatzkommandos oder der Reiterstaffel, als Verkehrspolizistin weiterbilden - insgesamt hat sie über 50 Möglichkeiten.

Ausbildung

Polizisten werden drigend gesucht

Wer sich für an dreijähriges duales Studium interessiert, kann sich online informieren. Im Zwei-Wochen-Takt findet im Polizeipräsidium Dortmund, zu dem auch Lünen gehört, eine Inforunde Runde statt. Nächster Termin ist Mittwoch, 9. Oktober, 16 Uhr. Das Studium besteht aus Theorie (u.a. Rechtsfächer, Ethik, Psychologie oder Einsatzlehre), Training (u.a. Schieß- und Einsatztraining) und Praxis (drei Praktika). Einstellungsvorrausstetzungen sind Teamfähigkeit, (sportliche) Belastbarkeit, Kommunikationsfähigkeit und Neutralität. Ab dem 9. Oktober ist eine Bewerbung für einen Ausbildungsbeginn 2021 möglich.

„Dass man zur Arbeit fährt und noch nicht weiß, was der Tag bringt, das finde ich besonders reizvoll.“ Ich glaube dieser Beruf wird, besonders in Lünen, einfach nie langweilig. Und ich sehe natürlich die Chance, etwas verändern und helfen zu können.“

Austausch als bester Ausgleich

Die größte Herausforderung sieht Jorina Engelkemeier keineswegs darin, eventuell ihre Waffe einsetzen zu müssen. Immerhin war der Einsatz der Waffe wesentlicher Bestandteil ihrer Ausbildung. Und das nicht nur in Form von Schießtraining, sondern vor allem die Entscheidung, ob geschossen werden soll oder nicht, die Konfrontation mit Überraschungsmomenten und blitzschnelles Entscheiden nahm einen hohen Stellenwert ein. Die größte Herausforderung besteht auch nicht darin, eventuell in Gewissens- oder Loyalitätskonflikte zu geraten: Freunde, Verwandte oder Bekannte habe sie bei ihren Einsätzen noch nie getroffen.

Nein, die größte Herausforderung sieht sie im Schichtdienst: früh, spät und nachts. Und darin, Familie und Freunden nicht alles aus ihrem Berufsalltag erzählen zu dürfen. Dafür tauscht sie sich oft und gerne mit Kollegen aus. Das bringt Jorina Engelkemeier den Ausgleich zu stressigem Berufsalltag.

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