Nächster Stopp: Eingangstür. So barrierefrei ist Lünen

dzBarrierefreiheit

Seit über zehn Jahren sitzt Jutta Schlierkamp im Rollstuhl. Seitdem sieht sie Lünen mit anderen Augen. Als Mitglied des Behindertenbeirates setzt sie sich für die Teilhabe von Kindern ein.

von Kristina Gerstenmaier

Lünen

, 10.02.2019, 06:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Langsam rollt Jutta Schlierkamp durch die Lüner Fußgängerzone. „Sehen Sie, hier überall kann ich nicht rein“, sagt sie und zeigt auf Gaststätten, bei deren Betreten der Gast Stufen zu überwinden hätte. „Und selbst wenn nicht, sind häufig die Toiletten im Keller oder die Tische stehen zu eng.“ Also geht die 62-Jährige während der Wintermonate nicht aus. Im Sommer ist es leichter, da stellen die Lokale ihre Tische und Stühle ins Freie. Die Kehrseite: Der innenstädtische Bürgersteig gleicht dann einem Hindernisparcours quer durch Aufsteller, Stuhlbeine und kleine Baustellen. „Ganz häufig habe ich ein Türproblem“, erzählt sie. Denn die wenigsten Türen öffnen sich automatisch.

Unüberwindbare Metallkante
Nächster Stopp: Eingangstür. So barrierefrei ist Lünen

Die Lüner Innenstadt ist für Menschen mit Behinderung oft ein Hindernisparcours. Jutta Schlierkamp auf ihrem Weg vorbei an Aufstellern, Baustellen und Außentischen. © Kristina Gerstenmaier

Vielmehr schwingen sie häufig nur zu einer Seite; da gibt es für Schlierkamp mit ihrem Rollstuhl - trotz Elektronik - kein Durchkommen. „Da bleibe ich regelmäßig stecken.“ Zum Beispiel, wenn sie ins Jugendamt in der Franz-Goormann-Straße möchte, wegen dessen schwergängiger Tür und hoher Metallkante. Oder ins Gesundheitshaus am Roggenmarkt. Das unebene Kopfsteinpflaster mag zwar optisch schön sein, aber komplett Rollstuhl- und auch Blinden- und Gehstock-ungeeignet. „Da bin ich dann auf Hilfe angewiesen“, sagt Schlierkamp. Das ärgert sie, sie ist gerne unabhängig. „Ich möchte meine Eigenständigkeit behalten und eben nicht ständig auf Hilfe angewiesen sein, sonst geht die Lebensqualität verloren.“

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Behindertenbeirats-Vorsitzender Wolfgang Bennewitz bleibt mit seinem Gehstock in den unregelmäßigen Fugen der Pflastersteine am Roggenmarkt hängen. © Kristina Gerstenmaier

Seit 2008 sitzt die gelernte Erzieherin und ehemalige Leiterin einer Kindertageseinrichtung nun im Rollstuhl; eine Spätfolge der Kinderlähmung, an der sie in jungen Jahren erkrankte. „Mit Mitte 40 verließen mich meine Kräfte“, erinnert sie sich. Doch zu resignieren oder sich zu verkriechen kommt für sie nicht in Frage. „Ich sage immer zu anderen: Geht raus, zeigt euch. Das ist ein Menschenrecht und man sollte dieses Recht auch wahrnehmen können.“

Und dafür kämpft sie. Als Mitglied und zweite stellvertretende Vorsitzende des Behindertenbeirats Lünen setzt sie sich seit 2014, auch wegen ihres früheren Berufs, für die Belange von behinderten Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein. Für sie möchte sie ein Sprachrohr sein. Die städtischen Spielplätze zum Beispiel sind zur Zeit eines ihrer Themen: hierbei ist sie in die Planungen involviert, entwickelt bestimmte Standards um die Freizeitgelände möglichst barrierearm zu gestalten: Eingangstüren sollen zu beiden Seiten schwingen und farbig markiert sein, Sand gegen Häcksel ausgetauscht werden, mindestens ein niedriges Klettergerät vorhanden sein.

Umsetzungsplan soll bald kommen

„Und wir haben in Lünen schon ganz schön viel geschafft“, sagt sie strahlend, „Das öffentliche Bewusstsein für die Belange von Menschen mit Behinderung hat sich verändert. Aber natürlich muss man immer präsent sein.“

Und das ist sie. Ständig ist sie unterwegs durch Gremien, Ausschüsse, Stadtteilkonferenzen. Allerdings meist mit dem Auto, das sie noch gut fahren kann. Denn die öffentlichen Verkehrsmittel sind nach wie vor die größte „Baustelle“ in der Stadt. „Hier gibt es den größten Handlungsbedarf“, sagt Wolfgang Bennewitz, Behindertenbeirats-Vorsitzender. So sieht es das Personenbeförderungsgesetz des Bundes zwar vor, den öffentlichen Nahverkehr bis 2022 barrierefrei zu gestalten. Die Haltestellen liegen dabei im Aufgabenbereich der Städte, die Fahrten an sich bei den Verkehrsbetrieben. Jutta Schlierkamp engagiert sich bei dem Projekt JederBus des VKU. Auf den Inklusionspreis, der dem Projekt 2015 verliehen wurde, ist sie besonders stolz. Trotzdem fährt sie selbst selten Bus, denn tatsächlich sind erst diejenigen Haltestellen barrierearm oder -frei, an denen im vergangenen Jahr ohnehin gebaut wurde. Nicht nur die Bordsteine müssten angehoben, auch taktile und Farbleitsysteme oder akustische Informationen eingeplant werden, so wie es bei der jüngst eröffnete Haltestelle am Bürgerplatz in Lünen-Süd der Fall ist.

Bei niedrigem Bordstein sei die buseigene Rampe oft so steil, dass sie sie mit ihrem Rollstuhl nicht überwinden könne, ohne zu kippen, erzählt Schlierkamp. „Aber noch in diesem Quartal werden wir gemeinsam mit der Stadt einen Umsetzungsplan vorlegen“, stellt Bennewitz in Aussicht.

Hinterher wird´s teurer
Nächster Stopp: Eingangstür. So barrierefrei ist Lünen

Auf der Salfordbrücke führt das Blinden-Leitsystem ans Geländer, anstatt zu den Bänken. © Kristina Gerstenmaier


„Und Zug fahr ich erst gar nicht“, sagt Schlierkamp, „da gibt es einfach zu viele Barrieren. Auch wenn sie die Hürden am Hauptbahnhof oder noch schlimmer am Bahnhof Preußen - dort funktioniere vanadalismusbedingt der Aufzug so gut wie nie - überwände, blieben die nicht einschätzbaren Barrieren beim Ausstieg. „Im Verkehrsbereich gibt es wirklich einen riesigen Nachholbedarf“, sagt die Rollstuhlfahrerin.

Definition

Barrierefreiheit

Als barrierefrei wird bezeichnet, was für alle Menschen jeglicher Behinderung nutzbar ist. Dazu gehört unter anderem, dass Räume taktil erfassbar, auch für Menschen mit verminderter Sehfähigkeit durch kräftige, kontrastreiche Farben wahrnehmbar oder dass Informationen hörbar sind.

Ein weiterer Punkt über den sie und ihre Kollegen vom Behindertenbeirat sich aufregen, sind fehlerhafte Blindenleitsysteme quer durch die Innenstadt. An der Alstedder Straße führt das Leitsystem zum Beispiel direkt auf die Fahrbahn, auf der Selfordbrücke werden Blinde anstatt zu den Bänken, direkt ans Geländer geleitet. Oder an der Haltestelle Graf-Adolf-Straße: dort führt das Leitsystem zu dicht am Fahrbahnrand entlang. Und vielerorts fehlen farbige Kontraste, die für Menschen mit noch gering vorhandener Sehfähigkeit wichtig sind.

Interessenvertretung

Der Behindertenbeirat

Der Behindertenbeirat ist die Interessenvertretung von Menschen mit Behinderung gegenüber Politik und Verwaltung, als beratendes Gremium für Verwaltung und Institutionen und für Wünsche, Anregungen und Anträge von Menschen mit Behinderungen zuständig. Er setzt sich aus 23 Mitgliedern aus Vereinen und Verbänden zusammen, darunter der Blinden- und Sehbehindertenverein Lünen, der Gehörlosen Automobil und Freizeitclub, Caritas, Awo, DRK und die Herzsportgruppe Lünen. Oftmals wird er in bauliche Planungen einbezogen. Im Juni feiert der Beirat sein 40-jähriges Bestehen. An jedem dritten Dienstag im Monat findet von 10 bis 12 Uhr im Foyer des Rathauses eine Sprechstunde statt.

„Für uns wäre es einfach wichtig, dass jemand, der Bauvorhaben beauftragt, die auch konsequent betreut“, sagt Schlierkamp. „Mit Zwischendurch-Kontrollen könnten solche Dinge nicht passieren. Hinterher wird es meist viel teurer.“ Werde von vornherein Barrierefreiheit in Bauplanungen einbezogen, mache das nur etwa ein Prozent Mehrkosten aus, ergänzt Behindertenbeirats-Vorsitzender Wolfgang Bennewitz.

Bezahlbaren Wohnraum gibt es nicht

Ein weiterer großer Posten auf der Agenda des Behindertenbeirats ist es, mit dafür zu sorgen, dass bezahlbarer barrierefreier Wohnraum in der Lippestadt geschaffen wird. Der im vergangenen Jahr fertig gestellte Lippepark beispielsweise sei zwar barrierefrei, aber eben nicht bezahlbar. „Bezahlbares gibt es in Lünen bisher leider nicht“, beklagt Bennewitz. Gemeinsam mit der Stadt wird aber weiter am „Masterplan Wohnen“ gearbeitet.

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