Leben, wo andere Urlaub machen. Mike Elbrecht hat es wahr gemacht. Vor allem aber, weil seine Ärztin ihm dazu riet. Doch deutschen Eigenarten begegnet er auch der Costa Blanca.

Schwerte

, 01.10.2018, 05:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Sonne ohne Ende. Vorm Haus der Strand, dahinter die Berge. Palmen, wohin das Auge blickt. Ein Pool im Garten lädt zur Abkühlung ein. Was sich wie Urlaub anhört, ist für den ehemaligen Schwerter Friseurmeister Mike Elbrecht alltäglich geworden: Er ist zusammen mit seinem Mann John Elbrecht-Jones nach Spanien ausgewandert, nachdem er seinen Friseursalon an der Ostenstraße an seine jahrelange Mitarbeiterin Klarissa Eickelmann übergeben hat.

Existenzielle Krise in Deutschland, abschalten in Spanien

Elbrecht lebt nun – nach 23 Jahren Selbstständigkeit in Schwerte – in dem kleinen Ort El Verger an der Costa Blanca. „Ich liebe Deutschland, aber ich musste nach Spanien, um abzuschalten“, verrät der 52-Jährige. „Mir ging es in den letzten Jahren sehr schlecht. Ich habe mehrmals Menschen vertraut, die mich sehr enttäuscht haben, und mir ist dadurch ein großer finanzieller Schaden entstanden. Dies führte zu einer existenziellen Krise, die ich mit meinem Super-Team durch Geduld und harte Arbeit gemeistert habe. Die Krise hat sich aber auch auf meine Gesundheit ausgewirkt. Ich bin vor allem in Spanien, um wieder gesund zu werden.“

Nach existenzieller Krise in Schwerte will Friseur Mike Elbrecht in Spanien gesund werden

In Schwerte führte Mike Elbrecht einen Friseursalon. Das Foto aus dem Jahr 2011 zeigt ihn bei der Arbeit © Bernd Paulitschke

Elbrecht ist viel mit dem Roller unterwegs. Der Sommer sei einfach nur „wow“, aber er fühle sich durch den warmen Wind oft wie in einem Umluftherd. Gerade lerne er viel Spanisch, denn in Deutschland habe er immer gesagt: „Wer bei uns lebt, der sollte auch unsere Sprache sprechen.“ Diese Forderung wolle er nun selbst einlösen.

Spanier sind liebenswürdig und hilfsbereit

Was das Thema Gewissenhaftigkeit beträfe, so müsse er sich erst mal daran gewöhnen, dass in „Spanien die Uhren anders ticken. Man wartet hier ewig, bis ein Handwerker kommt oder der Roller repariert wurde und wird auf Nachfrage immer wieder vertröstet. Da merkt man, dass man sehr deutsch ist.“ Dafür seien die Spanier unglaublich liebenswürdig, freundlich und hilfsbereit.

Nach existenzieller Krise in Schwerte will Friseur Mike Elbrecht in Spanien gesund werden

Mike Elbrecht und sein Mann John erkunden ihre neue Heimat gemeinsam. © Elbrecht

Anders als viele Deutsche, die vor Ort eine Art eigene Siedlung hätten. Elbrecht schämt sich für seine Landsleute: „Die Deutschen, die hier fest leben, sind total muffig. Sie behandeln die Spanier von oben herab und jammern an der Supermarktkasse, wie viel besser doch alles in Deutschland sei. ‚Na dann ziehen sie doch wieder zurück‘, sag ich dann immer. Jetzt kauf ich nur noch in spanischen Läden ein und knüpfe Kontakte zu den Einheimischen.“

Berufliche Zukunft ist noch offen

Auf die Frage, ob er in Spanien noch mal beruflich weiter machen möchte, sagt der Friseurmeister, dass ihm als Angestellten maximal fünf Euro pro Stunde gezahlt würden. Da wolle er sich lieber als mobiler Frisör selbstständig machen. Dies stehe aber im Moment nicht im Vordergrund. Oftmals vermisse er sein ehemaliges Team aus Schwerte: „Ich liebe meine Angestellten. Ich habe ja alles mitbekommen. Erste Liebe und erstes Unglück, Hochzeit und Kinder. Zusammen lachen, zusammen weinen. Das fehlt mir schon sehr.“

Es sei aber nicht nur die Sehnsucht nach Ruhe und Erholung gewesen, die ihn nach Spanien getrieben habe, sondern auch das zunehmend feindselige gesellschaftliche Klima in Deutschland: „Wenn man sehr sensibel ist für Zwischenmenschliches, dann kann einen dieser raue Umgangston gegenüber Fremden und Minderheiten und auch die rechte Gewalt in Deutschland ganz schön mitnehmen. Das möchte ich in meinem Leben einfach nicht mehr haben.“

Erkundungstouren ins Umland und neue Freunde

Jetzt sei er erst mal beschäftigt mit Umbauten an der Wohnung und müsse noch einige Sachen mit den Ämtern regeln. Ansonsten mache er sich auf die Suche nach netten Menschen und erkunde mit seinem Mann das Umland: „Am Wochenende haben wir mit einer Freundin, die wir hier kennengelernt haben, eine Tour in die Berge gemacht und uns die Region mal von oben angeschaut“, so der Friseurmeister.

Ob er für immer auf der iberischen Halbinsel bleiben möchte, weiß er noch nicht. Er lebe nur im „Jetzt“ und versuche, weder an Gestern noch an Morgen zu denken.

Staatsangehörige eines EU-Landes können ohne jegliche Formalitäten nach Spanien einreisen und dürfen sich dort bis zu neunzig Tage aufhalten. Es ist lediglich ein gültiger Personalausweis oder Reisepass für die Einreise notwendig. Wer beabsichtigt, länger als drei Monate in Spanien zu verbringen, muss beim Einwohnermeldeamt einen spanischen Wohnsitz beantragen. Das Ausländeramt oder das jeweilige Polizeikommissariat trägt einen dann in das Zentralregister der Ausländer ein. Hier erhalten Ausländer zudem ihre NIE (Numero de Identificacion de Extranjeros): Diese ist zum Leben in Spanien notwendig. Für die Beantragung ist ein deutscher Reisepass sowie ein Nachweis über eine Wohnung (in Form eines Mietvertrages) nötig. Weitere Infos unter: www.auswandern-weltweit.info
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