Wer kennt diese Frau? Privatfahndung aus Werne könnte Verursacherin ins Gefängnis bringen

dzFahndung bei Facebook

Fahndung per Facebook: Immer häufiger gibt es Hetze im Netz. Auch nach der Schlägerei unter vier Frauen in Werne gab es einen Zeugenaufruf mit Foto im Internet - der schlägt nun hohe Wellen.

Werne

, 08.08.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es wird getuschelt, manche Bürger drehen sich weg, andere suchen die Konfrontation. Wer öffentlich an den Pranger gestellt wird, geht mit anderen Gefühlen durch die Stadt. Soziale Netzwerke wie Facebook werden immer häufiger eine Plattform für Beleidigungen, Verleumdungen oder öffentliche Fahndungen. Doch welche Konsequenzen drohen den Verfassern?

„Wer kennt diese Frau?“

Auch in einer Werner Facebook-Gruppe mit rund 2000 Mitgliedern ist diese Entwicklung zu beobachten und fand nun einen traurigen Höhepunkt. „Wer kennt diese Frau?“ Diese Frage stellte ein Nutzer in der Gruppe und veröffentlichte gleichzeitig ein Bild, dass die Frau mit unscharfem, verpixeltem Gesicht zeigt.

Hintergrund sei die Schlägerei zwischen vier Frauen nach dem Blaulichtsommerfest, geht aus dem Post weiter hervor. Die Personalien aller Beteiligten nahm die Polizei nach der Schlägerei am frühen Sonntagmorgen (4. August) allerdings auf. Dennoch gab es den öffentlichen Aufruf bei Facebook.

Post war ein Zeugenaufruf

Damit wolle man Zeugen finden, hieß es auf Nachfrage der Redaktion. Als genügend Hinweise eingegangen seien, sei der Post auf eigenen Wunsch etwa eine Stunde nach der Veröffentlichung wieder entfernt worden. Doch ist ein solcher öffentlicher Aufruf mit einem Foto erlaubt?

Als Privatperson ist das sehr grenzwertig, sagt Presserechtler Sebastian Fricke. Zunächst müsse geklärt werden, ob das gezeigte Foto die Person wirklich unkenntlich darstellt. „Eine Person ist identifizierbar durch verschiedene Merkmale. Das kann auch ein markantes Tattoo oder eine bestimmte Kleidung sein“, sagt der 35-Jährige.

Eine Frage der Identifzierbarkeit

Wenn man die Person dennoch ausmachen kann, sei das bearbeitete Foto genauso zu behandeln, als hätte man es ohne Verfremdung gezeigt, so der Anwalt weiter.

In dem konkreten Fall ist eine Frau mit verpixeltem Gesicht, aber auffälliger Frisur zu sehen. Wenn es dem Verfasser nur darum gegangen sei, Zeugen zu suchen, hätte man auch auf das Foto verzichten können und nur Tatort und Tatzeit benennen können, so Fricke weiter.

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Anzeige wurde bereits gestellt

Die Person, die durch das Foto möglicherweise identifizierbar ist, kann eine zivilrechtliche Anzeige wegen einer Persönlichkeitsverletzung erstatten oder eine Unterlassungsklage auflegen. Wer Bilder ohne Einwilligung veröffentlicht, macht sich auch laut Kunsturhebergesetz strafbar.

Auch im aktuellen Fall aus Werne habe die gezeigte Frau eine Anzeige wegen übler Nachrede gestellt und eine Unterlassungsklage auferlegt, wie die Redaktion auf Nachfrage erfuhr. Das Gesetz sieht hier eine Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr oder eine Geldstrafe vor.

Art der Diffamierung verlagert sich

Solche Aufrufe sind keine Einzelfälle. „Es wird mehr. Die Art der Diffamierung verlagert sich verstärkt ins Internet“, sagt Vera Howanietz, Pressesprecherin der Polizei des Kreises Unna. Die Polizei, die die Beiträge in Gruppen selbst nicht verfolgt und kontrolliert, bekommt laut Howanietz häufiger Anfragen und Anzeigen zu dieser Problematik.

Ob solche Fotos später als Beweismittel dienen können, entscheidet die Justiz. „Bis die Polizei selbst ein Lichtbild für eine Fahndung veröffentlicht, muss viel passieren. Dafür gibt es hohe Hürden. Es ist nur auf richterliche Anordnung erlaubt“, sagt Howanietz.

Polizei fahndet nie über Facebook

Solche Fotos würden nie über soziale Netzwerke wie Facebook geteilt. Zu schwer sei es, das Foto schnell von der Plattform löschen zu lassen. „Und das Internet vergisst nicht. Deshalb gibt es von uns nie eine Fahndung über Facebook“, erklärt Howanietz. Es scheint so, als wollten immer mehr Privatpersonen das übernehmen.

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