Annika und Tobias aus Selm sind mit gerade mal 16 Jahren Eltern geworden - und Annikas Mutter Oma mit 41. Wie es ist, ein Kind großzuziehen - und selbst eigentlich noch ein Kind zu sein.

Selm

, 05.10.2018, 18:37 Uhr / Lesedauer: 5 min

Sandra Weber (*) kann sich noch genau an den Moment erinnern. Auf einmal stehen Annika und ihr Freund vor ihr. Sie erzählen, dass sie zweimal einen Schwangerschaftstest gemacht haben. Und dass der Test zweimal positiv war. Annika ist ihre zweitälteste Tochter. Sie ist 16 Jahre alt - wie ihr Freund Tobias. „Ich musste erst mal tief durchatmen“, sagt Sandra Weber. Ihre Tochter mit 16 eine Mutter. Sie selbst mit 41 eine Oma.

Der Freund ihrer Tochter erinnert sich so: „Wir dachten erst, sie reißt uns den Kopf ab.“ Aber Sandra Weber bleibt ruhig. Drei Töchter hat sie zur Welt gebracht - 21, 16 und 9 Jahre alt. Vor drei Jahren kam schließlich ein Junge dazu. Nun also das erste Enkelkind? Am Abend setzt sie sich mit ihrem Mann (41) - Annikas Stiefvater - zusammen und erzählt ihm die Neuigkeit.

„Sie weiß, was sie will“

Für beide ist klar: Sie werden Annika unterstützen, wie auch immer die 16-Jährige sich entscheidet. Für Annika steht da schon fest, dass sie das Lebewesen, das da in ihr heranwächst, bekommen möchte. „Wir haben zu ihr gesagt, es ist ihre Entscheidung und egal was sie tut, es ist für uns auch in Ordnung“, sagt Sandra Weber.

Auch für den Freund der Tochter, Tobias, steht sofort fest, dass er seine Freundin unterstützen will. „Sie weiß, was sie will“, sagt Tobias über seine Freundin. Seit drei Jahren sind Annika und er ein Paar. „Und wenn sie etwas will, dann will sie es immer sofort.“ Mit 16 schon Mutter werden, das wollte sie eigentlich nicht. Das war nicht geplant, das ist passiert. Aber jetzt, da es passiert ist, will sie es gut machen.

Mit der Sackkarre zu Ikea

„Annika hat ihren eigenen Kopf. Wenn sie sich etwas vorgenommen hat, dann kann man sie nicht davon abringen“, sagt Sandra Weber. So wie damals, kurz vor der Geburt. Eine Kommode muss her, für das Babyzimmer. Normalerweise keine große Sache. Für ein Pärchen, das weder über ein Auto noch über einen Führerschein verfügt, allerdings schon.

Mit einer Sackkarre ausgestattet brechen Annika und Tobias in Selm auf. Mit dem Bus bis nach Kamen zu Ikea. Nach rund zwei Stunden verlassen sie den Möbelladen, mit einem großen Karton, unter dem die mitgebrachte Sackkarre droht, zusammenbrechen. Und wieder in den Bus. Während Tobias den Karton mit der Babykommode sichert, wird Annika immer blasser. Ihr ist schlecht. Während ihrer gesamten Schwangerschaft kämpft sie mit extremer Übelkeit. An diesem Tag müssen sie mehrmals die Fahrt unterbrechen, weil die 16-Jährige sich übergeben muss. „Sie hat gekotzt, wie ein Dinosaurier“, sagt Tobias.

Wenn es wieder besser geht, nehmen sie den nächsten Bus. Und wieder die Sackkarre mit der schweren Kommode rein in den Bus. Irgendwann, nach rund sieben Stunden, sind sie zurück in Selm. Mit der Babykommode.

Mutter mit 16: Zwischen Windeln wechseln und Schulabschluss

Felix auf dem Schoß seiner Mutter. Nachts schläft er in der Regel durch. © Sabine Geschwinder



Von der Mama zur Oma

Im April dieses Jahres ist es schließlich so weit. Felix kommt auf die Welt. Annika liegt genau in dem Krankenhaus und in dem Zimmer, in dem auch ihre Mutter vor drei Jahren Annikas kleinen Brudder zur Welt brachte. Für die 16-Jährige ist es selbstverständlich, dass ihre Mutter bei der Geburt dabei sein soll.

Sandra Weber hat schon mehrmals einen Kreißsaal von innen gesehen. Als werdende Oma dabei zu sein, ist aber eine Premiere. Sie hat Schokolade mitgebracht, bietet sie dem jungen werdenden Vater, der Hebamme und ihrer Tochter an. Annika ist aber nicht nach Schokolade. Sie kämpft gegen ihre Schmerzen an.

Nach sechs Stunden ist es schließlich geschafft. Felix ist da. „36 Zentimeter Kopfumfang, 54 Zentimeter groß und 3710 Gramm schwer“, diese Zahlen kennt Annika genau. Als die Hebamme ihr Felix in den Arm legt, ist die 16-Jährige nach den Stunden der Schmerzes vollkommen still. „Ganz unwirklich war das, als der Kleine plötzlich da war“, sagt Tobias.

Sandra Weber ist nun Oma - und versorgt ihre Freunde in diversen Whatsapp-Gruppen mit den Bildern ihres gerade geborenen Enkelkindes. „Ich war so stolz“, sagt sie.

Turbulentes Alltagsleben

Stolze Großmutter mit 41 - mit vier Kindern und einem Enkelkind. Sandra Weber versucht vor allem, das Positive zu sehen. „Wir sind eine lustige Familie“, sagt sie, „bei uns ist immer was los, so wie bei den Wollnys.“ Die Wollnys, das ist eines dieser Reality-Formate von RTL II.

Es geht dabei um das turbulente Alltagsleben einer 13-köpfigen Patchworkfamilie, allen voran die kodderschnäuzige Mutter Silvia Wollny. Eine lockere Atmosphäre und Patchwork, das gibt es auch bei den Webers. „Kinder halten jung, die halten einen in Bewegung“, findet sie. „Wäre meine Bandscheibe nicht, ich würde mich fühlen wie 20.“

Nicht nur locker

Doch Sandra Weber ist nicht nur die lockere Oma, sondern auch der Vormund ihres Enkels Felix. Denn: „Nach der Geburt eines Kindes informiert das zuständige Standesamt das Amtsgericht Lünen über die Geburt und Anmeldung des Kindes bei vorliegender Minderjährigkeit der Mutter“, erklärt Benedikt Sträter, Abteilungsleiter Soziale Dienste bei der Stadt Selm. Bis die Mutter dann volljährig ist, bestellt das Gericht einen Vormund für das Kind. „In der Regel wird in diesen Fällen das Jugendamt als Vormund für das Kind eingesetzt“, so Sträter. „Das hängt ganz stark mit der Situation in der Familie zusammen“, sagt er.

In den vergangenen Jahren wurde in Selm bei minderjährigen Müttern meistens ein Vormund vom Jugendamt eingesetzt. In Annikas Fall ist es anders. Sandra Weber hat die Vormundschaft für Felix, bis Annika 18 Jahre alt ist. Das spielt im Alltag kaum eine Rolle sagt Sandra Weber, bisher musste sie nur unterschreiben, als es darum ging, Felix impfen zu lassen, sagt sie. Aber sie stellt auch die Regeln für ihr Kind auf. 18 ist die magische Grenze, auch wenn man, wie Annika selbst, schon Mutter geworden ist.

Annika wohnt nach wie vor in der Wohnung ihrer Mutter und ihres Stiefvaters. Tobias ist fast jeden Tag bei seiner Freundin und seinem Sohn. Übernachten darf er aber nur einmal die Woche bei Annika. „Damit es nicht zu unruhig wird“, sagt Sandra Weber. Annika verbringt mit Felix auch mal die Nacht im Haus von Tobias und seinen Eltern, aber das kommt seltener vor.

Gerne würden Annika und Tobias zusammenwohnen, doch das kommt erst mal nicht in Frage. „Das geht nicht“, sagt Sandra Weber. Zwar ist vollkommen klar, dass Annika nachts aufsteht, wenn das Baby schreit, dass sie die Windeln wechselt und die vollgespuckten Babytüchter wäscht, aber Sandra Weber möchte alles im Blick haben - zumindest bis ihre Tochter 18 Jahre alt ist. „Ich bin da sehr gewissenhaft“, sagt sie.

Wenige minderjährige Mütter

Was Annika und Tobias fehlt, ist der Kontakt zu Gleichaltrigen. Zwar gibt es bei der Stadt Selm verschiedene Angebote für Eltern. Doch diese Eltern sind meist Mitte Zwanzig oder älter. „Das ist schon ein ziemlicher Unterschied“, finden Annika und Tobias.

„Wir haben immer wieder versucht, ein Angebot für minderjährige Mütter oder für gerade 18-Jährige zu bieten“, sagt Benedikt Sträter. „Allerdings gibt es nur sehr wenige minderjährige oder gerade 18-jährige Mütter - und die müssten das Angebot dann ja erst mal annehmen.“

Wie wenige minderjährige Mütter es in Selm gibt, zeigen die Zahlen: Im Jahr 2018 brachten bislang insgesamt zwei junge Frauen unter 18 Jahren ein Baby zur Welt. Zwar steige die Zahl der Geburten, wie Sträter sagt, die Zahl bei den unter-18-jährigen Müttern sei aber relativ gleichbleibend, im Jahr 2016 waren es drei Frauen, 2017 nur eine.

Auf ganz NRW bezogen ist die Zahl in den vergangenen Jahren ebenfalls konstant geblieben. Laut Statistischem Jahrbuch hat es im Jahr 2104 genau 1056 Geburten von minderjährigen Müttern gegeben - 1071 Geburten waren es 2015. Bezogen auf alle jungen Mädchen im Alter von 10 bis 18 Jahren im Jahr 2015 macht das einen Anteil von 0,15 Prozent aus.

Ein Hund, das wär’s

Mutter mit 16: Zwischen Windeln wechseln und Schulabschluss

Tobias legt seinen Sohn ins Reisebettchen im Wohnzimmer. © Sabine Geschwinder

Genau wie andere Teenager überlegen Tobias und Annika, was sie mit ihrem Leben anfangen wollen, wie es weitergehen soll. Annika und Tobias kennen sich beide von der Förderschule. Tobias ist jetzt fertig mit der Schule. Einen Abschluss hat er nicht. Er möchte seinen Hauptschulabschluss nachholen und eine Ausbildung zum Mechatroniker machen.

Annika konnte ihr letztes Schuljahr nicht zu Ende bringen - wegen der Beschwerden während der Schwangerschaft. Mit der Schule soll es für Annika aber spätestens im kommenden Jahr weitergehen, wenn Felix in die Kita kommt. „Dann wird es hier wieder ruhig“, sagt Sandra Weber ein bisschen wehmütig, „das ist gar nicht mehr so lange...“

Annikas Vorstellung vom privaten Glück sieht so aus: Eine Wohnung mit Tobias und Felix. Und einen Hund. Das wär’s.

* Wir haben alle Namen in dieser Geschichte auf Wunsch der Familie geändert.

Schwanger und jetzt? Diese Beratungsangebote gibt es: - Der SkF (Sozialdienst katholischer Frauen) in Lüdinghausen bietet eine kostenlose Beratung rund um das Thema Schwangerschaft. Ansprechpartnerin für Selm ist die Sozialpädagogin Anna Dewenter, mehr Infos gibt es auf dieser Seite.
- Auch das Jugendamt ist eine Anlaufstelle. „Jeder Minderjährige hat ein Recht auf Beratung“, sagt Benedikt Sträter. Auch anonym. - Die Stadt Selm bietet einen Neugeborenendienst an, zwei Sozialarbeiterinnen besuchen dann die neuen Selmer Bürger und stellen ihnen eine Mappe mit Informationen zur Verfügung. Sie können auch als Schnittstelle dienen, wenn eine Familie noch Unterstützung benötigt und zum Beispiel einen Termin in der Familienbildungsstätte vereinbaren. - Als Angebot der Stadt gibt es zudem die Möglichkeit, eine Kinderkrankenschwester zu kontaktieren, sie begleitet Familien bis zum ersten Lebensjahr und kann ergänzend zur Hebamme tätig werden. Kontakt über Benedikt Sträter, Tel. (02592) 69256. - Vom Bundesministerium für Familie gibt es eine Informationsseite, die auch eine schnelle Online-Beratung und eine Notfallberatung am Telefon bietet: 0800 - 40 40 020. - Die Familienbildungsstätte in Selm bietet kostenlose Teilnahme an Spiel- und Babygruppen sowie Ermäßigungen auf Kinderbetreuungsgruppen, Kiddix und Pekip-Kurse, wenn die Mutter drei oder mehr Kinder hat, eine Behinderung hat, alleinerziehend ist oder der Hauptverdiener arbeitslos ist. Mehr Infos dazu gibt es direkt bei der Familienbildungsstätte.
- Die Seite Familie in Selm bündelt ebenfalls Informationen zum Thema. - Ein Notfalltelefon für Kinder- und Jugendliche gibt es unter: (0800) 111 0 333 oder 116 111.
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