Vom Rotlichtmilieu ins IS-Frauenhaus: Bochumerin sagt aus

Eine mutmaßliche IS-Terroristin aus Bochum steht in Düsseldorf vor Gericht. Jetzt hat sie ihren ungewöhnlichen Weg aus dem Rotlichtmilieu zum Islamischen Staat geschildert.

24.09.2019, 02:09 Uhr / Lesedauer: 2 min
Vom Rotlichtmilieu ins IS-Frauenhaus: Bochumerin sagt aus

Blick auf das Oberlandesgericht in Düsseldorf. Foto: Rolf Vennenbernd/Archivbild

Vom Dortmunder Straßenstrich zur vollverschleierten Frau eines IS-Terroristen: Eine Syrien-Rückkehrerin hat über ihren Weg aus dem Rotlichtmilieu zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS) berichtet. Sie habe die Schule in Bochum nach der neunten Klasse ohne Abschluss verlassen und im Alter von 17 Jahren in einer Dortmunder Disco einen Mann kennen gelernt, der sie zur Prostitution auf dem Straßenstrich gezwungen habe, berichtete die 27-jährige Derya Ö. am Dienstag im Hochsicherheitstrakt des Düsseldorfer Oberlandesgerichts.

Beim dritten Fluchtversuch habe sie ihrem brutalen Zuhälter entkommen können. Ihre Strafanzeige sei im Sande verlaufen. Später habe sie einen Duisburger Rocker kennengelernt und begonnen, freiwillig in Wuppertal als Prostituierte zu arbeiten - sechs Tage in der Woche. Etwa ein Jahr lang sei sie kokainabhängig gewesen und habe ihr Leben ändern wollen.

Sie habe sich getrennt, sei zu ihrer Mutter nach Bochum zurückgezogen, habe über Facebook IS-Kämpfer Mario kennengelernt und sich in ihn verliebt. Er habe sie nach Syrien gelockt. Dort angekommen, habe sie zunächst in einem IS-Frauenhaus wohnen müssen und den deutschen IS-Kämpfer Mario dann in einer provisorischen Prozedur geheiratet, weil zu der Zeit ein Angriff gedroht habe.

Vom IS habe sie in Deutschland nicht viel mitbekommen: „Ich wusste, die kämpfen, aber ich wusste nicht, wie extrem die sind“, sagte sie. Sie stamme aus einer nicht religiösen Familie und habe das Beten erst lernen müssen.

Ihr Mann habe neben einer Pistole und einer Kalaschnikow auch einen Sprengstoffgürtel besessen. Er sei zunehmend gewalttätig geworden. Sie habe sich schließlich von ihm getrennt, in der Türkei aber festgestellt, dass sie schwanger sei: „Er hat sich darüber gefreut. Ich bin wieder zu ihm zurück.“

Als der IS das Kalifat ausgerufen habe, sei sie in Rakka gewesen. Viele hätten vor Freude in die Luft geschossen und sie habe dann auch Schüsse in die Luft abgefeuert.

Ihr Mann sei weiter gewalttätig gewesen. Nachdem er sie einmal beinahe erwürgt habe, sei sie auf eigene Faust zu einem Richter gefahren und habe von den Übergriffen ihres Mannes berichtet. Ihr Sohn sei in Mossul nach einstündigem Fußmarsch unter Wehen in einem Krankenhaus auf die Welt gekommen.

Der „Bild“-Zeitung hatte Derya Ö. noch vor ihrer Festnahme im November 2018 Rede und Antwort gestanden und berichtet, dass ihr Ehemann Mario unter Spionageverdacht vom IS festgenommen, gefoltert und hingerichtet worden sei. Sie sei dann die Zweitfrau eines Scheichs geworden, der aber von einer Drohne getötet worden sei.

Einen Sprengstoffgürtel habe sie nur zur Selbstverteidigung besessen, schließlich sei sie oft auf sich alleine gestellt gewesen. Mit Terrorismus habe sie nichts zu tun haben wollen. Die Bundesanwaltschaft wirft der 27-jährigen Deutschen unter anderem Kriegsverbrechen und Verstöße gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz vor. Sie soll Sprengstoffgürtel anderen deutschsprachigen Frauen zum Kauf angeboten haben. Der Prozess wird fortgesetzt.

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