Wenn es sie nicht gäbe, müsste man sie erfinden. Diese jungen Helden übernehmen eine ganz wichtige Aufgabe. Und das zu einer Uhrzeit, zu der andere sich noch den Schlaf aus den Augen reiben.

Selm

, 03.10.2019, 16:25 Uhr / Lesedauer: 3 min

Verkehrshelfer nennen sie sich. Schülerlotsen nannte man sie früher. Jungen und Mädchen der Selma-Lagerlöf-Sekundarschule sorgen dafür, dass vor allem Kinder, aber durchaus auch Jugendliche und Erwachsene, sicher über die Straße kommen.

Die Verkehrshelfer stehen mit Warnweste und -kelle ausgerüstet zum einen direkt vor dem Schulzentrum an der Südkirchener Straße. Die Straße ist Umleitungsstrecke für die gesperrte Straße Auf der Geist und muss zurzeit mehr Verkehr aufnehmen als üblich. Zum anderen stehen die Schülerlotsen am Zebrastreifen an der Ludgeristraße gegenüber dem Gasthaus Suer. An einer Stelle also, an der Schulkinder zur Ludgerischule und zur Sekundarschule gehen, Eltern ihre Kinder per Auto vor den Schuleingang bringen, Schulbusse sich durch die enge Altstadt schlängeln.

Die Augen überall

Eine Gemengelage, die durchaus kniffelig sein könnte. Wenn da nicht die Verkehrshelfer wären. An diesem Morgen sind es Bayas und Lena, Neuntklässler, die am Zebrastreifen Dienst schieben. Wie sie das machen, muss einem Respekt abnötigen. Sie müssen den motorisierten Verkehr im Auge haben, aber auch aufpassen, ob jemand zu Fuß den Zebrastreifen überqueren muss. „Wir verständigen uns mit Blicken“, sagt die 14-jährige Lena. Ab und zu rufen sie sich auch mal etwas zu, wenn es nötig ist.

Selmer Schülerlotsen helfen in gefährlichen Verkehrssituationen

Bayas und Lena passen nicht nur auf die Autos auf, sondern haben auch die Kinder auf dem Zebrastreifen im Blick. © Arndt Brede

Höchste Aufmerksamkeit ist gefordert. Und die Verkehrshelfer liefern das. Zur Freude der Kinder, die die Verkehrshelfer freudig begrüßen. Zur Freude aber auch der Eltern, die ihre Kinder begleiten und den Schülerlotsen dankbare Blicke zuwerfen. Um diese frühe Uhrzeit ist der Verkehr enorm. Autos, Lastwagen, Schulbusse, Fahrradfahrer: Eine Anhäufung von Verkehrsteilnehmern, die möglichst zügig von A nach B kommen wollen.

Motivation: Anderen helfen

Was bewegt diese, sich eine halbe Stunde vor Schulbeginn bei Wind und Wetter an die Straße zu stellen und anderen das Überqueren des Zebrastreifens zu sichern? „Ich möchte den Grundschülern helfen“, antwortet Bayas. „Mein Bruder ist auch in der Grundschule.“ Bayas ist 15 Jahre alt. Die ein Jahr jüngere Lena gibt zu, dass es ihr Wunsch war, Verkehrshelferin zu werden, seit sie selber als Grundschülerin erlebt habe, wie Verkehrshelfer arbeiten. „Das wollte ich auch mal machen.“

Bayas und Lena sind zwei von insgesamt 16 Verkehrshelfern, die die Sekundarschule stellt. Es sind Neun- und Zehntklässler, berichtet Kevin Nicholson, Lehrer an der Sekundarschule. Ér betreut die Schülerlotsen. Welche Kriterien legt die Schule an die Auswahl der Verkehrshelfer an? „Es müssen Schüler sein, denen man vertrauen kann“, sagt der Lehrer. „Von denen man sagen kann, dass sie ein Maß an Selbstständigkeit und Respekt dem Verkehr gegenüber haben.“

Ausbildung mit der Polizei

Die geeigneten Kandidaten haben dann eine vierstündige Schülerlotsenausbildung mit zwei Polizisten aus Selm und Werne absolviert. Kevin Nicholson steht jeden Morgen auch an der Ludgeristraße. Als Ansprechpartner. Für die Lotsen, aber auch für die Verkehrsteilnehmer. An diesem Morgen spricht er zum Beispiel eine ältere Frau an, die ihr Rad über die Straße schiebt. Aber nicht, wie eigentlich vorgesehen, zwischen Bayas und Lena, die für sie schon die Gasse gebildet haben, sondern hinter dem Rücken von Bayas her. Nicholson macht die Frau darauf aufmerksam, dass das ja nicht Sinn der Sache sei. Die Frau nickt verständnisvoll.

Nachfolger gefunden Noch bis zum Ende des Schuljahres 2016/2017 hatten Achtklässler der Selmer Otto-Hahn-Realschule den Schülerlotsen-Dienst übernommen. Die als Schulform in Selm auslaufende Realschule hatte keine Achtklässler mehr, wodurch es eine Vakanz in dem Dienst gab. Nun haben mit dem neuen Schuljahr Neunt- und Zehntklässler den Schülerlotsen-Dienst übernommen. Es ist geplant, dass künftig auch wieder Achtklässler als Verkehrshelfer tätig sind.

Die meisten haben Verständnis fürs Warten

Verständnis haben auch die meisten Verkehrsteilnehmer auf zwei und vier Rädern, denen sich Bayas und Lena entgegen stellen, wenn es nötig ist. „Es gibt viel positives Feedback“, berichtet Frank Medger, Bezirksbeamter der Polizei Selm. Er und seine Kollegen stehen ebenfalls regelmäßig an der Stelle. Kevin Nicholson hat jedoch auch schon andere Erfahrungen gemacht: „Manche sagen, dass es sinnlos sei und der Verkehr aufgehalten werde.“

Solche Äußerungen seien aber Einzelfälle. Auch an diesem Morgen sieht man überwiegend freundlich lächelnde Autofahrer. Deren Anerkennung dürfte noch steigen, wenn sie erfahren, dass viele der Schülerlotsen per Rad und Roller aus Bork kommen. Also extra früher aufstehen, um anderen Menschen zu helfen. Einmal in der Woche treffen sich alle Schülerlotsen, um zu reflektieren, wie die Woche gelaufen ist und ob es irgendwo Verbesserungsbedarf gibt.

Freiwillig machen sie das. Ehrenamtlich. Neben dem Lächeln der Verkehrsteilnehmer und dem Dank von Kindern und Eltern gibt es für sie aber noch eine Art Lohn. „Sie erhalten eine Bemerkung auf dem Zeugnis, dass sie sich als Verkehrshelfer engagieren“, erklärt Kevin Nicholson. Das mache sich durchaus auch in der Bewerbungsmappe gut: „Viele Betriebe sehen es gern, wenn sich die Bewerber engagiert haben und zuverlässig sind.“ Die Sekundarschule stelle den jungen Schülerlotsen zudem auch Urkunden aus und die Ludgeri-Grundschule verteile unter den Schülerlotsen auch schon mal Eisgutscheine.

Gestärktes Selbstbewusstsein

Neben diesen eher materiellen Auszeichnungen gibt es aber einen Effekt der Arbeit als Schülerlotse, der nicht zu unterschätzen ist. Bezirksbeamter Frank Medger: „Diese Arbeit stärkt auch das Selbstbewusstsein der Schülerlotsen.“ Eine Einschätzung, die Verkehrshelferin Lena bestätigt: „Am Anfang hatte ich schon etwas Angst, weil ich nicht einschätzen konnte, ob ein Auto womöglich weiter fährt, wenn ich vor ihm stehe. Das ist jetzt anders, es ist normal und ich habe keine Angst mehr.“

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