Die Bahn war Vorreiter bei Elektromobilität. Schon seit 55 Jahren fahren E-Loks durch Schwerte, allerdings nur in Richtung Hagen und Hamm. Jetzt gibt es Pläne für die Strecke nach Dortmund.

Schwerte

, 13.10.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Kein Kohlenqualm mehr, auch kein Dieselruß. Auf Elektromobilität setzte die Bahn in Schwerte schon vor 55 Jahren. Zum Fahrplanwechsel im Sommer 1964 - so erinnert Wolfgang Güttler von den Eisenbahnfreunden Schwerte - rollte der erste von einer E-Lok gezogene Zug auf seinem Weg von Hagen nach Hamm durch den Bahnhof.

Es sollte bis heute die einzige Strecke durch die Ruhrstadt bleiben, die eine Oberleitung erhielt. Doch im Zuge der Energiewende kommt Bewegung in das Thema. Der Zweckverband Nahverkehr Westfalen-Lippe (NWL) hat eine Machbarkeitsstudie für die Regionalbahn 53 Dortmund-Schwerte-Iserlohn in Auftrag gegeben, wie die stellvertretende Pressesprecherin Anne Zimmermann auf Anfrage bestätigt.

Neue Idee: Oberleitungs- und Akku-Betrieb kombinieren

Untersucht wurde die bauliche Machbarkeit von Oberleitungen entlang des Schienenstrangs, der einen „sehr hohen finanziellen Aufwand“ erfordere. Schließlich führt die Strecke auch durch einen langen, niedrigen Tunnel unter dem Schwerter Wald. Deshalb lässt der NWL derzeit zusätzlich Möglichkeiten für eine Kombination aus Oberleitungs- und Akku-Betrieb ausloten.

„Grundsätzlich ist vorgesehen, für alle Netze Antriebskonzepte zu erarbeiten“, sagt Anne Zimmermann. Für jede Linie werde geprüft, ob Oberleitung, Nachladestationen oder vielleicht doch der Dieselmotor die bessere Lösung sei. Eine Frage sei, wie 40 bis 50 Kilometer lange Strecken ohne Nachlademöglichkeiten mit Akku-Fahrzeugen befahren werden können - diese Batterie-Reichweite entspreche derzeit dem Stand der Technik. Danach muss allerdings nicht unbedingt im Stand nachgeladen werden. Das könnte auch schon unterwegs erfolgen, wenn der Zug über einem Streckenabschnitt mit Oberleitung rollt. Umgekehrt wäre das kurzfristige Umschalten auf Akku auch eine Möglichkeit, in Tunnels auf aufwendige Oberleitungen zu verzichten.

Müssen die neuen Dieseltriebwagen nach Dortmund umweltfreundlichen Elektrozügen weichen?

Ein montagefertiger Gittermast (r.) liegt im Jahre 1963 neben der Dampflokomotive, die unter der Brücke am Kirschbaumsweg dem Bahnhof Schwerte entgegenstampft. Links vom Bahndamm ist ein Betonsockel für einen Masten gegossen worden. © Eisenbahnfreunde Schwerte

Am weitesten vorangetrieben hat der NWL seine Elektrifizierungs-Pläne für die Regionalbahn 32 Wesel-Bocholt, berichtet Anne Zimmermann. Die Feinplanung läuft, der Bau könne fast beginnen. Damit wird eine Lücke in der Direktverbindung Bocholt-Düsseldorf geschlossen. Untersuchungen laufen außerdem für die beiden Linien 64 Münster-Enschede und 73 Bielefeld-Lage-Lemgo.

In Schwerte ist ein zusätzliches ein Problem zu berücksichtigen: Bei der Regionalbahn 53 ist der NWL noch bis Ende 2029 vertraglich gebunden, weiß die Sprecherin. Die Strecke wird von der Deutschen Bahn mit neuen Dieseltriebwagen betrieben, die gerade erst bei dem Hersteller Pesa in Polen beschafft worden sind. Das heiße aber nicht, dass nichts möglich sei.

Lokführer-Gewerkschaft fürchtete um Arbeitsplätze

Bleibt also die Chance, dass irgendwann wieder eine geschmückte Premieren-E-Lok in den Bahnhof einfährt wie an jenem 31. Mai des Jahres 1964. Auch damals waren lange Planungen vorausgegangen, wie Bahnchronist Wolfgang Güttler den Aufzeichungen des gestorbenen Eisenbahnfreundes Klaus H. Huhn entnahm.

Schon Ende 1949 habe der damalige NRW-Ministerpräsident Karl Arnold die Elektrifizierung des Bahn-Streckennetzes als „besonders dringlich“ eingestuft. Nicht nur, weil die nach den Kriegsfolgen wieder wachsende Industrie schnelle Transportwege brauchte. Auch sollte die Bahn Kosten für Lokomotivkohle einsparen, die jährlich mit rund 38 Millionen Mark zu Buche schlug. „Ein erster Schwerpunkt im hiesigen Raum war die Elektrifizierung der Strecke Hamm-Dortmund-Düsseldorf“, berichtet Wolfgang Güttler. Im Sommer 1957 sei dort der erste elektrische Triebwagen auf die Reise geschickt worden.

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Die Brücke Holzstraße und die Eisenbahnbrücke zum Schwerter Profilwerk mussten für die Elektrifizierung angehoben werden. Die zur Erhöhung auf die Bruchsteinpfeiler gegossene Betonschicht ist immer noch gut zu erkennen. © Eisenbahnfreunde Schwerte

Zwei Jahre später wurden die Planungen auch für Schwerte konkreter. Bei den Bahn-Beschäftigten wurden sie kontrovers aufgenommen. Die Gewerkschaft Deutscher Bundesbahnbeamten forderte bei einer Bezirkstagung im Mai 1959 ein komplettes Netz aus elektrifizierten Strecken und erhielt vom NRW-Verkehrsminister die Zusage, das Geld für die Montage auf der Linie Köln-Hagen-Schwerte-Holzwickede zu beschaffen.

Nur wenige Wochen später gab es im Waldrestaurant Freischütz bei der Bezirkstagung der Gewerkschaft der Lokomotivführer gemischte Gefühle. Man fürchtete Personalabbau, weil E-Loks keinen Heizer mehr als zweiten Mann im Führerstand benötigten. Die Zweifel waren angebracht. „Im hiesigen Raum wurden durch die Elektrifizierungen rund 37 Prozent des gesamten Fahr- und Werkstättenpersonals im Zugbetrieb überflüssig“, erklärt Güttler mit einem Blick auf die Statistik von 1965. Auch das große Eisenbahn-Ausbesserungswerk in Schwerte-Ost sollte bald nicht mehr benötigt werden.

Brücken angehoben, Tunnel ausgebuddelt

Die Arbeiten für die Elektrifizierung des Abschnitts Hagen-Hengstey-Schwerte-Holzwickede begannen im März 1961. Um den Fahrdraht aufhängen zu können, mussten mehrere Brücken mit hydraulischen Pressen um rund einen Meter angehoben werden: von der Holzstraße in Wandhofen bis zum Kirschbaumsweg und der Ostberger Straße. Noch heute sind die damals aufgesetzten Betonsockel dort auf den Bruchsteinpfeilern zu erkennen. Die Brücke an der Rettelmühle in Westhofen wurde durch eine Unterführung ersetzt. Und im 1864/1867 gebauten Ostberger Tunnel auf der Schwerterheide wurden aufwendig die Gleise tiefer gelegt, um Platz für die Oberleitung zu schaffen.

Für ihr Archiv haben die Eisenbahnfreunde Schwerte bislang nur sehr wenig Bildmaterial von den Elektrifizierungs-Arbeiten im Ruhrtal finden können. Deshalb fragen die Eisenbahnfreunde: Wer hat alte Fotos vom Einzug der elektrischen Züge in Schwerte? Kontakt zu den Eisenbahnfreunden Schwerte ist möglich per E-Mail an: ankunft@eisenbahn.schwerte.de
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