Mord-Fall Michael S. - Warum die Plädoyers entfielen - Mit wem der Angeklagte bald spricht

dzLive-Ticker zum Nachlesen

Eigentlich wäre der Mord-Prozess gegen Michael S. (50) auf der Zielgerade. Doch am Montag entfielen die Plädoyers. S., der ein Ergste eine 72-Jährige umgebracht haben soll, will doch reden.

Schwerte

, 30.09.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Es sollte der vorletzte Tag sein im Mord-Prozess von Ergste nach dem gewaltsamen Tod einer 72-Jährigen in der Nacht von 8. auf 9. Januar 2019.

Die Beweisaufnahme war schließlich nach acht Verhandlungstagen beeendet - und es sollte um die Fragen gehen: Ist der vorbestrafte Mörder Michael S. (50) für die Tat verantwortlich? Falls ja: War es Mord oder Totschlag? Und welche Strafe wäre angemessen?

Urspünglicher Plan: Es stehen die Plädoyers an - von Staatsanwalt Michael Borggräf und von Verteidiger Martin Düerkop. Am Donnerstag, 10. Oktober, sollen die Richter um den Vorsitzenden Marcus Teich dann das Urteil fällen.

Doch dann kam alles ganz anders. Weil Michael S. nun plötzlich doch aussagen will.

13:06 Uhr - Schluss für heute - und zwei weitere Termine

„Also, was lange währt...“, sagt der Vorsitzende Richter Marcus Teich, nachdem er zurück ist an seinem Platz vorne im Gerichtssaal. Man habe sich auf weitere Termine geeinigt:

Am Donnerstag, 10. Oktober, geht es ab 9 Uhr weiter - aber nicht mit dem Urteil. Ist auch nicht möglich, denn auch die für heute angesetzten Plädoyers entfallen nach der Ankündigung von Michael S., doch noch auszusagen.

Am Mittwoch, 30. Oktober, ab 14 Uhr wird der Psychologe Pedro Faustmann dann im Saal vortragen, was der Angeklagte ihm bis dahin gesagt hat. Ob dann die Plädoyers anstehen, ist offenbar noch nicht letztendlich geklärt.

Am Mittwoch, 6. November, ab 11 Uhr soll dann das Urteil gesprochen werden.

Das bedeutet: Das Verfahren dauert dann mehr als zwei Monate länger als geplant. Urspünglich war das Urteil mal für 29. August vorgesehen gewesen.

12:43 Uhr - Verfahren dauert offenbar noch länger

Richter, Verteidiger, Staatsanwalt und Gutachter holen in der Sitzungspause die Terminkalender raus. Also ist der Zeitplan über den Haufen geworfen. Mit dem heutigen Termin und dem am 10. Oktober kommt man wohl nicht mehr hin bis zum Urteil.

Mit wenigen Minuten für die Absprache ist es offenbar nicht getan.

12:37 Uhr - Michael S. möchte über die Tat reden, aber nicht vor Publikum

Bereit zur Aussage über die Tat? Der Verteidiger sagt: Ja, schon. Aber Michael S. möchte nicht öffentlich aussagen, sondern sich gegenüber dem Psychologen Pedro Faustmann äußern. Der solle es anschließend wiedergeben.

Ja, wie macht man das am besten? Richter und Schöffen ziehen sich kurz zurück - wohl für wenige Minuten.

12:29 Uhr - Noch geht es nicht weiter

Wie geht es nun weiter? Welche Möglichkeiten gibt es für den Richter? Wie wahrscheinlich ist was? Viele der rund 20 Zuschauer diskutieren auf dem Flur darüber. Doch noch geht es nicht weiter.

11:47 Uhr - Der Richter hakt nach - Doch noch ein Geständnis?

Der Vorsitzende Richter Marcus Teich hat Michael S. bei den Ausführungen lange und, ohne eine Miene zu verziehen, in die Augen geschaut. Dann sagt er ruhig: „Und zum Leben draußen wollen Sie sich nicht äußern? Das wäre für uns sehr interessant.“

Erste Antwort von Michael S.: Nein.

Dann heißt es doch: Man wolle für eine halbe Stunde unterbrechen. Der Angeklagte und sein Verteidiger werden sich offenbar beraten.

Gibt es doch noch ein Geständnis? Oder zumindest irgendwelche Aussagen von Michael S. rund um den Tatvorwurf?

11:41 Uhr - Es geht weiter mit einer Aussage von Michael S.

Der Psychologe ist da, aber vorher möchte Michael S. noch einiges sagen. Generelles über sein Leben. Dass er schon als Kind eingesperrt worden sei und eigentlich immer wieder zurück wollte in diesen Käfig.

Dass ihm nie jemand gedankt habe, er sich alles immer habe selbst beibringen müssen, dass er nach der Entlassung aus der JVA in Schwerte nur „saufen, Drogen rumhuren“ wollte – „und irgendwann nicht mehr aufwachen, das war mein Ziel“.

Ist das jetzt die nächste von vielen, vielen Geschichten, die Michael S. im Laufe seines Lebens erzählt? Ist es eine Art Monolog wie im Theater, der Wunsch nach der Bühne? Oder ist das jetzt eine Wahrheit? Trägt das überhaupt bei zum Prozess?

11:23 Uhr - Warten auf den Psychologen

Die Sitzung wird kurz unterbrochen. Man wartet auf den psychologischen Gutachter, Professor Pedro Faustmann. Der hat zwar gerade dem Gericht gegenüber signalisiert, er sei schon in Hagen. Im Gericht ist er aber noch nicht.

11:17 Uhr - Sexuelle Hintergrund statt Körperverletzung

Die Staatsanwaltschaft beantragt, dass die Vorwürfe abgewandelt werden. Das Gericht stimmt zu.

Vereinfacht gesagt: Es geht jetzt um die Frage, ob Michael S. für ein Tötungsdelikt verantwortlich ist. Ob das Mord oder Totschlag sein soll, also vorsätzlich oder nicht - das lässt man sich offen.

Zudem: Es steht nicht mehr nur im Raum, ob die Tötung zur Verdeckung einer Körperverletzung oder eines Diebstahls geschah, sondern auch, ob es zur Verdeckung einer sexuellen Nötigung geschah.

Andere Vorwürfe - etwa der Diebstahl aus dem Haus der Getöteten - spielen keine Rolle mehr.

11:10 Uhr - Richter eröffnet den Verhandlungstag

Die Richter um den Vorsitzenden Marcus Teich sind im Saal. Der Prozesstag beginnt.

11 Uhr - Angeklagter mit neuer Frisur

Michael S. sitzt mit anderer Frisur auf der Anklagebank: Fast kahlgeschoren, mit einem kleinen Zopf im Nacken.

8:58 Uhr - Prozesstag beginnt doch erst zwei Stunden später

11 Uhr statt 9 Uhr - der Beginn von Prozesstag 9 ist um zwei Stunden nach hinten verschoben worden. Der Grund: Eigentlich hatte das Gericht noch einen Zeugen hören wollen, der sich aufgrund der Berichterstattung unserer Redaktion beim Gericht gemeldet hatte. Sein wesentliches Thema wäre wohl das Innenleben der JVA in Schwerte-Ergste gewesen.

Das Gericht befand allerdings nach einer Nachfrage dort: Zum eigentlichen Sachverhalt werde der Zeuge wohl nichts beitragen. Dem Gericht geht es ja nur um die Frage: Hat der Angeklagte die 72-jährige Frau umgebracht? Falls ja: War es Mord oder Totschlag? Sowie: Wie ist Michael S. psychologisch einzuschätzen?

Alles Weitere mag für die Öffentlichkeit interessant sein, für das Gericht allerdings nicht.

Jetzt lesen

5.00 Uhr - Vorab die Zusammenfassung von Tat und Aussagen

Michael S. schweigt im Prozess - abgesehen von einem Ausraster an einem der letzten Prozesstage, als er der JVA in Schwerte große Vorwürfe machte. Er habe sich gedemütigt gefühlt und man sei nicht genügend auf ihn eingegangen.

Zu den Vorwürfen aber sagte S. nichts. Er soll die 72-Jährige getötet haben, soll versucht haben, die Leiche anzuzünden, soll die Frau zudem bestohlen haben.

An verschiedenen Orten im Haus wurde die DNA von Michael S. gefunden - unter anderem auf der Unterhose der Toten. S. hatte nach einem Mord im Jahr 1990 fast drei Jahrzehnte in Gefängnissen gesessen - zuletzt von 2004 bis zu seiner Entlassung im Oktober 2018 in der JVA in Schwerte-Ergste, nur wenige Meter vom späteren Tatort also.

Nicht nur das DNA-Gutachten verheißt nichts Gutes für den Angeklagten. Der vom Gericht bestellte Psychologe schätzt, dass Michael S. eine Gefahr für die Allgemeinheit ist.

Umterm Strich geht es also auch um die Frage, ob im Urteil gegen Michael S. eine Sicherungsverwahrung steht. In diesemFall würde er nach Verbüßung seiner Haftstrafe so lange hinter Gittern bleiben müssen, bis gutachterlich bestätigt keine Gefahr mehr von ihm ausgeht.

4:53 Uhr - Ehemaliger Mithäftling von Michael S. äußert sich

Derweil geht es einem ehemaligen Mitinhaftierten von Michael S. darum, klarzustellen, dass die Vorwürfe aus dem Ausraster nicht der Wahrheit entsprächen. Dieter N.* in einem Brief an unsere Redaktion: „Anlass, mich hier zu äußern, ist seine an Dreistheit nicht zu überbietende Aussage, er sei zum Theaterspielen verpflichtet oder bedrängt worden, um ihn als Vorzeigegefangenen präsentieren zu können.“

Genau das Gegenteil sei der Fall gewesen. Michael S. „empfand sich als ‚der‘ Schauspieler, der auch in Freiheit an einer professionellen Bühne weitermachen wollte. Ebenso bestand er auf Hauptrollen.“

Dieter N. weiter: „Leid tut es mir um den Theaterpädagogen Dirk Harms, der ihm immer wieder Anerkennung gegeüber brachte.“ Und der nun selbst die Zielscheibe einer Verhaltensweise geworden sei, die Michael S. immer wieder gezeigt habe: „Aus jeder sich bietenden Gelegenheit eigene Vorteile zu ziehen.“

*: Name von der Redaktion geändert

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Tödlicher Verkehrsunfall

Tödlicher Unfall in Westhofen – Behörden lehnten Forderungen nach Beleuchtung ab

Hellweger Anzeiger Urteil zur Blitzer-Praxis

Sind Knöllchen vom Superblitzer an der A45 in Hagen-Garenfeld jetzt Makulatur?

Meistgelesen