Lügde: Opfer-Anwalt schockiert über Jugendamts-Akten

Trotz früher Hinweise auf Pädophilie übertrug der Landkreis Hameln einem Dauercamper die Pflegschaft für ein Kindergartenkind. Eltern von weiteren Opfern des Mannes wollen die Behörde deshalb verklagen. Auf Hamelns Landrat Bartels (SPD) wächst der Druck.

21.03.2019, 02:49 Uhr / Lesedauer: 2 min
Lügde: Opfer-Anwalt schockiert über Jugendamts-Akten

Tjark Bartels (SPD), Landrat des Kreises Hameln-Pyrmont, spricht bei einer Pressekonferenz im Kreishaus. Foto: Julian Stratenschulte/Archiv

Der Opfer-Anwalt Roman von Alvensleben ist schockiert, dass früheren Hinweisen auf Pädophilie bei den Missbrauchsfällen von Lügde nicht konsequent nachgegangen wurde. „Es ist eine gruselige Situation“, sagte der Hamelner Jurist der Deutschen Presse-Agentur mit Blick auf die neu offengelegten Jugendamts-Akten im Fall des tausendfachen Kindesmissbrauchs. Selbst in den Akten tauche das Wort Pädophilie auf. „Das Jugendamt hat den primären Auftrag, Kinder zu schützen“, betonte er. Hier seien offensichtlich Amtspflichten verletzt worden.

Der Landkreis Hameln-Pyrmont hatte trotz mehrfacher Hinweise auf Pädophilie und sexuell übergriffiges Verhalten einem Campingplatz-Bewohner Anfang 2017 die Pflegschaft für ein kleines Mädchen übertragen. Der Mann soll das Kind selbst missbraucht sowie ausgenutzt haben, um andere Opfer anzulocken. Der Ende 2018 festgenommene 56-Jährige gilt als Hauptverdächtiger in dem monströsen Fall von sexuellem Kindesmissbrauch und Kinderpornografie.

Von Alvensleben vertritt eine heute Zehnjährige aus Bad Pyrmont. Seine Mandantin sei im Sommer 2018 Opfer geworden, sagte der Anwalt. Ihr hätte das Leid erspart bleiben können, wenn die Behörden ordentlich gearbeitet hätten. Der Jurist erhielt bereits Anrufe von Eltern anderer Opfer, die sich der geplanten Klage auf Schadenersatz und Schmerzensgeld anschließen wollen.

Hamelns Landrat Tjark Bartels muss sich heute den Fragen der Abgeordneten im Sozialausschuss des niedersächsischen Landtags stellen. Der SPD-Politiker hatte am Dienstag erklärt, die Jugendamtsmitarbeiter hätten die einzelnen Hinweise nicht zusammengeführt und einen „Tunnelblick“ gehabt. Zudem musste er einräumen, dass eine Mitarbeiterin vor der Beschlagnahme der Akten durch die Staatsanwaltschaft ein von ihr selbst erstelltes so genanntes Genogramm gelöscht hatte. Es wurde von den Ermittlern rekonstruiert. Darin wird beschrieben, dass der heute 56-Jährige immer wieder Kontakt zu jungen Mädchen suche und sie in ein Abhängigkeitsverhältnis bringe.

Die Grünen im niedersächsischen Landtag fordern eine gemeinsame Initiative von Justiz- und Sozialministerium zur Prävention und Aufdeckung von Kindesmissbrauch. Auch wenn die Jugendämter im Verantwortungsbereich der Landkreise agierten, reiche es nicht aus, wenn eine niedersächsische Sozialministerin mit dem Zeigefinger auf die Fehler vor Ort zeige, sagte Fraktionschefin Anja Piel. „Ich erwarte von den zuständigen Ministerinnen Reimann und Havliza ein gemeinsames Konzept, wie derartige Fehler in Zukunft vermieden werden können.“

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