Zwei Jugendkontaktbeamte leisten in Lünen Präventionsarbeit. Als einer ging, schickten Schulleiter einen Brandbrief an den Polizeipräsidenten. Der Brief benennt die Probleme ungeschminkt.

Lünen

, 08.11.2018, 05:45 Uhr / Lesedauer: 5 min

Der vom Sprecherkreis der Lüner Schulleiter verfasste Brief an den Dortmunder Polizeipräsidenten Gregor Lange liegt unserer Redaktion in Auszügen vor. Er gleicht einem Hilferuf in höchster Not. Darin heißt es: „Wir können in unseren Schulen folgende Veränderungen feststellen:

  • Zunehmende emotionale Verwahrlosung von jungen Menschen.
  • Zunahme von Kindern, die Kritik oder auch Regeln nicht mehr annehmen können oder wollen.
  • Zunahme übler Beleidigungen und Bedrohungen vornehmlich in den sozialen Netzwerken.
  • Auffällige Zunahme von Kindern und Jugendlichen, die medikamentös eingestellt sind oder in ihren jungen Jahren bereits Klinikaufenthalte hinter sich haben.
  • Zunahme von erziehungsunfähigen und inkonsequenten Eltern.
  • Zunehmende unreflektierte und unbeaufsichtigte Mediennutzung (Handy, Internet) unserer Schülerinnen und Schüler.
  • Zunehmendes Sinken der Hemmschwelle zur Gewalt.
  • Nachlassender Respekt gegenüber Obrigkeiten, Behörden, Weisungsbefugten u.a.m.“

In einer der letzten Sitzungen (des Sprecherkreises der Schulleiter, Anmerkung der Redaktion), habe die Leiterin einer Lüner Grundschule fünf Messer ihrer Schüler auf den Tisch gelegt. Im Brief heißt es weiter: „Immer öfter stehen wir hilflos und sprachlos im Geschehen und trotz hervorragender Präventions- und Schulsozialarbeit hätten wir ohne die unkomplizierte und zeitnahe Hilfe und Unterstützung der beiden Jugendkontaktbeamten viele Vorfälle an unseren Schulen nicht aufklären oder verhindern können. In einigen Fällen sind die Jugendkontaktbeamten unsere letzte Möglichkeit, Straftaten zu verhindern bzw. bei Straftaten den Geschädigten zu ihrem Recht zu verhelfen.“

Stelle wurde wieder besetzt

Immerhin, eine Sorge weniger haben die Schulen: Nachdem der Jugendkontaktbeamte Peter Feldmann zur Ordnungspartnerschaft von Stadt Lünen und Polizei wechselte, ist seine Stelle wieder besetzt worden. Feldmanns Nachfolger wurde zum 1. September Polizeihauptkommissar Mark Poltrock (37). Er steht an der Seite von Polizeioberkommissarin Katja Wittmann-Jodscheit (47), die den Job der Jugendkontaktbeamtin seit drei Jahren macht. Beide sind nicht nur für alle weiterführenden Lüner Schulen zuständig, sondern auch für Schulen in einigen Dortmunder Stadtteilen wie zum Beispiel Scharnhorst.

Doch wie läuft das eigentlich ab, wenn die Jucops eine Schule besuchen, um Präventionsarbeit zu leisten? Wir waren in der Heinrich-Bußmann-Schule dabei. „Guten Morgen“, ruft Wittmann-Jodscheit der Klasse 7 c. zu „Guten Morgen, Frau Polizei“, rufen die Schüler. Die Beamtin schlägt zunächst einen lockeren Ton an: „Das ist ´ne richtig coole Schule, an der ihr seid, es gefällt mir immer gut hier.“

Messer sogar in der Grundschule - Schulleiter schreiben Brandbrief an Polizeipräsidenten

Dieser Chat, der in der Klasse diskutiert wurde, erfüllt gleich mehrere Straftatbestände. © Peter Fiedler

Dann geht es schnell ans Eingemachte. Bei der Frage, wer ein Handy hat, zeigen fast alle auf. Bei der Frage, wer Messenger-Dienste wie WhatsApp, Instagram oder Snapchat nutzt, auch. Ein Chat mit üblen Beschimpfungen wird an die Leinwand geworfen: Arsch, Kackfresse, Opfer. Solche Begriffe tauchen auf. Den Schülern ist die Begriffswelt vertraut. Mühelos nennen sie weitere Schmähworte: Hackfresse, Missgeburt, Hure. Aber einige wissen genau, was das ist. „Eine Beleidigung“, sagt ein Junge.

„Dann kommen wir sofort“

„Das ist eine Straftat“, sagt die Oberkommissarin. Und listet auf, dass der kurze Chat gleich fünf Straftatbestände erfüllt. Die Drohung, „ich steche dich ab“ ist der gravierendste. „Wenn jemand das schreibt, dann kommen wir sofort“, erklärt Wittmann-Jodscheit. Ein Schüler weiß: „Weil das eine Morddrohung ist und das könnte jemand wahrmachen.“

Um Fotos geht es auch, mal eben im Freibad gemacht und fix im Messenger geteilt. „Bikini verrutscht oder Penis raus bei der Arschbombe. Wollt ihr solche Bilder von Euch sehen?“ fragt die Polizistin. Nein, wollen die Schüler nicht. Und Wittmann-Jodscheit macht deutlich: Solche Fotos ohne Einverständnis der Betroffenen zu machen und zu verbreiten, ist - eine Straftat.

Messer sogar in der Grundschule - Schulleiter schreiben Brandbrief an Polizeipräsidenten

So beschreibt die Polizei, was Mobbing ist. © Peter Fiedler

„Ist Mobbing eine Straftat?“, fragt die Polizistin. Ja, glauben alle. Falsch, klären die Jucops auf, aber die Mittel des Mobbings seien häufig Straftaten. Und Straftaten, daran lässt Katja Wittmann-Jodscheit nicht den leisesten Zweifel, „sind scheiße“. Sie macht den Schülern die Konsequenzen klar: „Erst sitzt euch die Schule im Nacken, dann kommt die Polizei und schreibt eine Strafanzeige, das Jugendamt spricht mit euren Eltern und am Ende kommt ein Gerichtsurteil.“

„Du bist ab morgen strafmündig“

„Wie alt seid ihr eigentlich?“, fragt die Beamtin. „Ich werde morgen 14“, sagt ein Mädchen. „Na herzlichen Glückwunsch, dann bist du ab morgen strafmündig“, erwidert Wittmann-Jodscheit. Und erläutert, dass man mit 14 vom Gericht in die Jugendarrestanstalt geschickt werden kann. „Glaubt mir, da wollt ihr nicht hin“ so die Polizistin. „Morgens, mittags und abends Wasser und Brot“, meint ein Schüler. „So schlimm ist es nicht“, erklärt die Jugendkontaktbeamtin, aber: „Kein Fußboden glänzt so wie der in der Jugendarrestanstalt. Da wird nämlich geputzt. Und vom wem wohl? Von den Inhaftierten.“

„Die machen das sogar freiwillig, weil sie dann nämlich aus ihrer Zelle heraus dürfen“, sagt Polizeikommissar Mark Poltrock. Wer noch nicht 14 sei, solle aber nicht glauben, er könne machen was er will. „Es wird alles auf den Deckel geschrieben, die Rechnung kommt dann irgendwann.“

Mit einem Film zum Thema Mobbing neigt sich die Doppelstunde ihrem Ende zu. Mucksmäuschenstill ist es in der Klasse, als der im Video gemobbte Schüler so verzweifelt zu sein scheint, dass er seinem Leben ein Ende setzen will.

Messer sogar in der Grundschule - Schulleiter schreiben Brandbrief an Polizeipräsidenten

Die Schüler sollen schätzen, wieviel wohl der Gürtel von Polizistin Katja Wittmann-Jodscheit mit all der Polizeiausrüstung wiegt. 7 Kilogramm, lautet die richtige Antwort. © Peter Fiedler

In der anschließenden Fragerunde interessiert die Schüler aber nur eins - die Ausrüstung der Polizisten. Katja-Wittmann Jodscheit lässt ihre Handschellen in der Klasse herumgehen und legt einigen Schülern ihren Gürtel auf den ausgestreckten Arm. Der knickt sofort ein. Denn sieben Kilogramm Ausrüstung tragen Polizisten am Gürtel mit sich herum. Locker, wie er begonnen hat, endet der „Unterricht“ mit den Jucops. Die Schüler klatschen die Polizisten ab, dann gehen sie in die Pause. „Bleibt sauber“, ruft ihnen Wittmann-Jodscheit hinterher. Ihr Fazit: „So wie heute läuft es eigentlich immer ab.“

Messer sogar in der Grundschule - Schulleiter schreiben Brandbrief an Polizeipräsidenten

Die Jucops Katja Wittmann-Jodscheit und Mark Poltrock vor der Heinrich-Bußmann-Schule. „Eltern sollten mehr mit ihren Kindern reden“, appellieren sie. © Peter Fiedler

„Wir Lehrer können da noch so viele Zettel hochhalten, wenn aber Polizisten in Uniform kommen, ist das etwas völlig Anderes“, lobt Frank Heustädter, Klassenlehrer der 7c, die Arbeit der Jucops. „Sie sind so wichtig für die Schulen“, sagt Schulleiterin Ulrike Kleber. Für die 5., die 7. und die 9. Klassen versuche man Termine mit den Jugendkontaktbeamten zu bekommen, „aber die Kapazitäten sind begrenzt“, so Kleber.

Die Schulleiterin betont, dass erfolgreiche Präventionsarbeit auch die Eltern einbeziehen müsse. Eigentlich. Die Hauptschule habe deshalb zu einer Elternveranstaltung mit den Jucops eingeladen. Die Resonanz allerdings war mehr als enttäuschend: „Wir haben circa 400 Schüler, und zehn Elternteile sind gekommen. Das ist nicht akzeptabel, das geht überhaupt nicht“, fühlt sich Ulrike Kleber allein gelassen.

„Das Böse, das steckt oft schon im Handy“

Viele Eltern, das ist auch die Erfahrung der Jugendkontaktbeamten, wüssten zu wenig darüber, wie ihre Kinder das Smartphone nutzen. „Mehr miteinander reden“, lautet daher der Appell, den Wittmann-Jodscheid und Mark Poltrock an die Eltern richten.

„Wenn Eltern mir sagen, wie wichtig das Handy für ihre Kinder ist, falls ihnen auf der Straße ein Mann Böses will, dann sage ich: Das Böse, das steckt oft schon im Handy“, berichtet Wittmann-Joscheit. Das allergrößte Problem seien die Messenger-Dienste. Und das nicht allein, weil sie häufig als Instrumente für Mobbing unter Schülern dienen. Die Dienste sind nämlich nach den Erfahrungen der Polizei auch Einfallstor für Kriminelle, die sich unter Vorgaukeln einer falschen Identität das Vertrauen von Kindern und Jugendlichen erschleichen. Bis zur Erpressung sei es dann oft nur ein kleiner Schritt.

Schulen als handyfreie Zonen „wären mein Traum“, bekennt Katja Wittmann-Jodscheit. Über ihren Job als Jucop sagt sie: „Das ist eine Arbeit, die Sinn macht und die Spaß macht.“

Schulleiter zweifeln

Der Sprecherkreis der Lüner Schulleiter meldet in seinem Brandbrief an den Polizeipräsidenten Zweifel an, ob in Zukunft zwei Jucops reichen, circa 12.000 Schülerinnen und Schüler in Lünen und eine Gesamtschule in Dortmund-Scharnhorst mit 2400 Schülern zu unterstützen. Die Pressestelle der Dortmunder Polizei erklärte dazu auf Anfrage, es sei davon auszugehen, dass sich vorerst nichts ändern werde.

Laut NRW-Innenministerium entscheiden die örtlichen Polizeibehörden selbst über den Einsatz von Jugendkontaktbeamten, „der immer den örtlichen Gegebenheiten angepasst wird“. Eine Übersicht über die Zahl der landesweit eingesetzten Jucops gebe es daher nicht.

Das sind die Lüner Jucops
  • Polizeikommissarin Katja Wittmann-Jodscheit (47) ist seit 27 Jahren Polizistin und seit 3 Jahren Jucop. Sie wohnt in Lünen, ist verheiratet und hat zwei Töchter. Kontakt: Tel. (0231) 132-3161 oder per Mail an katja.wittmann-jodscheit@polizei.nrw.de
  • Polizeikommissar Mark Poltrock (37) war zunächst Lehrer und sattelte dann u auf den Polizeiberuf. Seit sechs Jahren arbeitet er für die Polizei, seit dem 1. September 2018 als Jucop. Er wohnt in Waltrop, ist verheiratet und hat einen Sohn. Kontakt: Tel. (0231) 132-3162 oder per Mail an markjohannes.poltrock@polizei.nrw.de
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