Mehr Platz fürs Zentrum: Borker Bürger empfehlen Abriss des Kirchrings

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Komplettabriss statt Erhalt: Über dieses Ergebnis ihrer fast achtmonatigen Beratung war die Interessengemeinschaft Borker Bürger selbst überrascht.

Bork

, 10.11.2018, 11:45 Uhr / Lesedauer: 4 min

Fünf Gebäude drängen sich an die Nordseite der St.-Stephanus-Kirche: ein geklinkerter Riegel zwischen Hauptstraße und Kirchplatz. Die Wohn- und Geschäftshäuser stammen zumeist aus den 1950er- und -60er-Jahren. „Und wenn wir ehrlich sind: Schön sind sie alle nicht“, sagt Norbert Wesselmann, Sprecher der Interessengemeinschaft Borker Bürger (IGBB). Im Stadtentwicklungsausschuss am Donnerstagabend hat er erstmals öffentlich mitgeteilt, was sich die überparteiliche Arbeitsgruppe mehrheitlich wünscht: „Komplettabriss.“ Der sogenannte Kirchring solle aber dennoch erhalten bleiben - nur in anderer Form.

Norbert Wesselmann macht vor den Kommunalpolitikern des Ausschusses und den fast zehn Borkern im Zuhörerraum klar, „dass wir und zu Beginn unserer Beratungen dieses Ergebnis auch nicht gedacht hätten“. Ursprünglich hätte die Mehrheit der rund 40 Borkerinnen und Borker, die dem Aufruf zur Mitarbeit in der IGBB gefolgt sind, bestenfalls ein oder zwei Häuser abreißen wollen. „Dann haben wir aber erkannt, dass nach Abwägung aller Argumente die große Lösung am besten ist.“ Welche vier Argumente das sind, zählt er auf.

„Zentralen Platz für alle Bürger schaffen“

1. Die fünf Häuser könnten Platz machen für etwas, das derzeit schmerzlich fehle: „ein zentraler Platz für alle Borker“, so Wesselmann: die Möglichkeit, um den Wochenmarkt abzuhalten, sich zu versammeln und zu feiern. Der einstige Marktplatz, der vor rund 40 Jahren am westlichen Ende der Hauptstraße geschaffen worden war, ist inzwischen verschwunden: von der Stadt an die Caritas verkauft, die dort 2019 ein Altenheim mit 40 Plätzen sowie ein weiteres Haus mit 12 bis 15 Tagespflegeplätzen errichten will.

850.000 Euro für den Erwerb der Häuser

2. Die für den Abriss empfohlenen Häuser sind laut IGBB „von schlechter Bausubstanz und historisch nicht erhaltenswert, denn es sind Nachkriegsbauten“. Zwei der fünf Häuser hat die Stadt Selm bereits erworben. Ihr Ziel ist es, in den Besitz aller zu kommen. Dafür stehen 850.000 Euro bereit. Er wisse, dass es „etwas komisch“ klinge, zu empfehlen, von der Stadt gerade erworbenes Eigentum abzureißen, so Wesselmann. Umgekehrt sei aber auch zu bedenken, dass die Stadt viel Geld hineinstecken müsste, um die Wohnhäuser zu sanieren. Zu Erinnerung: Die Stadt hatte die Häuser gekauft, um freie Hand zu haben bei der Gestaltung des Ortskerns, wie Bürgermeister Löhr im Frühjahr gesagt hatte. Allerdings hatte er damals auch etwas anderes gesagt, das er am Donnerstag wiederholt: „Egal, was wir dort machen werden: Es geht nur in enger Abstimmung mit der Denkmalbehörde.“

„Kirchring als Wohnraum kaum attraktiv“

3. Es sei nicht schade um die Häuser am Kirchring, meint Norbert Wesselmann - nicht nur wegen der Bausubstanz. „Die Wohnlage ist nicht attraktiv“, sagt er: Es sei laut und Gärten fehlten. „Außerdem besteht genügend Wohnraum im Ortskern.“ Zurzeit nutzt die Stadt die Gebäude, um auch Flüchtlingen dort Wohnraum anzubieten.

„Wir wollen Leerstand vermeiden“

4. Nichts schlimmer als leerstehende Häuser im Zentrum, wie die IGBB meint. Diesem Schicksal werde der Kirchring aber entgegendämmern. Schließlich fehlten Investoren, die bereit seien, Geld in die Hand zu nehmen, um die Häuser zu renovieren und umzubauen - etwa zu einem Treffpunkt für Vereine oder für Gastronomie.

Trotz der vier Argumente für den Abriss: Ganz auf den Kirchring verzichten, will die IGBB auch nicht. „Wir haben ja nach wie vor den großen Kirchring“, meint Wesselmann und verweist auf die Häuserzeile auf der anderen Seite der Hauptstraße. Selbst der kleine Kirchring, den die Mehrheit der IGBB dem Abriss preisgeben will, soll erhalten bleiben - „nur anders“. Wie dieses „anders“ aussehen könnte, solle ein Architektenwettbewerb zeigen, so Wesselmann. Auf Anfrage nennt sein Mitstreiter, Gregor Franzen, bereits einige Beispiele: An die Stelle der Häuser könnten zum Beispiel Bäume gepflanzt werden, Fachwerkfassaden seien denkbar, Stahlgestelle, Arkaden oder Markierungen auf dem Pflaster, die die Baulinie nachzeichnen.

Es gibt auch Kritik

Die IGBB hatte vier Arbeitsgruppen gebildet, die sich seit April mit der Zukunft des Kirchrings beschäftigt haben. Jede habe ein Szenario durchgespielt zwischen Komplettabriss und Kompletterhalt und dabei Chancen und Risiken abgewogen. „Wir haben uns dann immer wieder getroffen und die Ergebnisse diskutiert“ - und am Ende abgestimmt: Die Mehrheit war für Abriss.

Maria Lipke, Mitgründerin der IGBB, gehört nicht dazu. „Der Kirchring ist historisch gewachsen“, sagt sie auf Anfrage. Ihn abzureißen, sei ein extremer Eingriff in die Borker Baugeschichte. Ihr Vorschlag: die bestehenden Gebäude auch mit öffentlichen Fördermitteln sanieren und schön gestalten.

Das sagt der Pfarrer dazu

Pfarrer Claus Themann kann sich beides vorstellen: Erhalt und Abriss. „Einen neuen Platz an der Kirche zu gestalten, kann ich mir reizvoll vorstellen“, sagt er auf Anfrage. Allerdings: Mit der Zustimmung der Denkmalbehörde werde es seiner Meinung nach schwierig werden.

Ideen für den Verkehr im Zentrum

Auch andere Behörden müssen sich noch äußern. Denn bei den Vorschlägen der IGBB geht es nicht nur um de Kirchplatz. Die Interessengemeinschaft schlägt vor, die Waltroper Sraße im Zentrum zur Fahrradstraße umzugestalten, auf der zwar Autos fahren dürfen, Fahrräder aber Vorrang haben. Aus dem Zentrum soll der Durchgangsverkehr verbannt werden - auch durch eine neue Ampel, die den Verkehr auf der Umgehungsstraße, der Gutenbergstraße, regeln soll.

Löhr: „Jetzt die Realisierbarkeit prüfen“

Die Vertreter der einzelnen Fraktionen im Stadtplanungsausschuss bedanken sich am Donnerstagabend für die Arbeit der IGBB und für ihre Vorschläge. In die Diskussion eingestiegen sind sie aber noch nicht. „Bevor es darum geht, ob die Ideen gut oder schlecht sind, sollte die Verwaltung sie erst einmal auf ihre Realisierbarkeit hin prüfen“, so Bürgermeister Mario Löhr am Abend. Dafür seien mehrere Behörden zu beteiligen. Dafür hat Selm inzwischen mehr Zeit als erhofft: Anders als geplant, hatte die Stadt in diesem Jahr noch keine Fördermittel für das 20-Millionen-Euro-Projekt erhalten. „Wir werden 2019 erneut welche beantragen“,so Bürgermeister Mario Löhr.

Mitwirken bei der weiteren Planung

Mit dem Geld - die Hälfte muss Selm selbst finanzieren - sollen in den nächsten etwa zehn mehrere Bereiche des Ortes neu gestaltet werden: das Zentrum an der Kirche, der Vorplatz des Amtshauses und das Bahnhofsgelände. Auch dafür ist das Mitwirken der IGBB weiter gefragt. „Bei uns sind alle Interessierten eingeladen, mitzuarbeiten“, sagt Gregor Franzen. Das nächste Mal besteht dazu am 29. November, 19.30 Uhr, Gelegenheit im Haus Dörlemann, Hauptstraße.

So kommentiert Redakteurin Sylvia vom Hofe

Wie einst der große Alexander

Alexander der Große hat es vorgemacht. Anstatt lange herum zu friemeln, hat er den Gordischen Knoten mit einem Schwerthieb zerschlagen. Die Borker Interessengemeinschaft scheint sich daran ein Beispiel zu nehmen: Lieber den ganzen Gebäuderiegel abreißen als sich im Klein-Klein zu verlieren auf der Suche nach einer Lösung für ein attraktiveres Zentrum.

Ich musste schlucken, als ich das hörte. Abriss ist ein Wort, das den Verantwortlichen in Selm für meinen Geschmack allzu leicht über die Lippen geht. Dieses Mal sind es aber engagierte Bürger, die es formulieren. Alle, die jetzt diese Empfehlung kritisieren, seien daran erinnert: Sie hätten ja selbst in dem langwierigen Arbeitsprozess mitwirken können.

Auch wenn mich der radikale Borker Alexander-Schlag noch nicht so recht zu überzeugen vermag: Was Bürger ehrenamtlich erarbeiten, verdient Respekt und eine ernsthafte Prüfung in aller Ruhe. Gut, dass das Politik und Verwaltung jetzt beherzigen. Vor wenigen Monaten, als sich Bürger stark machten für den Erhalt der Lutherschule, sah das noch anders aus.

Wer an der Umgestaltung ihres Ortsteils aktiv mitarbeiten möchten, ist bei der IGBB willkommen. Interessierte können sich melden bei Norbert Wesselmann, Tel.0173/4 99 15 95, oder Gregor Franzen, Tel. 0162/1 75 55 59.
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