Dass es Lieferengpässe bei Medikamenten gibt, ist nicht neu. Manche Patienten in Selm haben den Eindruck , dass sich die Situation noch weiter verschärft hat. Kein Trugschluss.

Selm

, 03.12.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Lage auf dem Medikamentenmarkt ist angespannt. Viele Medikamente, die Patienten dringend benötigen, sind nicht lieferbar, fehlen also in den Apotheken. Wie schlimm ist die Lage. Eine Frage, die die Redaktion Volker Brüning gestellt hat. Er ist Apotheker mit Apotheken in Lünen und Selm und zudem Sprecher der Apothekerschaft im Nordkreis Unna. Wenn einer den Überblick über die heimische Lage hat, dann er.

„Wir sind mittlerweile bei 500 Medikamenten, die fehlen“, sagt Brüning. Sprich: 500 Medikamente können nicht in die Apotheken geliefert werden. Es geht um verschreibungspflichtige Arzneimittel. Mittel, die der Arzt dem Patienten verordnet und die der Patient dann in der Apotheke mit einem Rezept holt.

Unter den Medikamenten, die nicht greifbar sind, sind nicht nur Exoten. „Es sind auch zum Beispiel das Blutdruckmedikament Irbesatan, das Schilddrüsenmedikament Novothyral oder Shingrix, ein Impfstoff gegen Gürtelrose“, erklärt der Selmer Apotheker. Das seien ganz normale Arzneien. Arzneien, die normalerweise täglich über die Theke der Apotheken gehen, wenn sie denn da snd.

Im Einzelfall mit dem Arzt sprechen

Der 51-Jährige und seine Kolleginnen und Kollegen suchen nach Auswegen, um die Patienten nicht ohne Hilfe wegzuschicken. „Wir kommunizieren dann auch schon mal mit dem Arzt, ob auch ein anderes Medikament möglich ist oder ob auch eine andere Packungsgröße geht“, sagt er.

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Läuft die Kommunikation auch umgekehrt? Fragen Ärzte bei Apotheken nach, ob ein bestimmtes Medikament, das der Arzt gern verschreiben würde, vorrätig ist? „Nein, Arzt und Apotheker müssen unabhängig voneinander arbeiten“, antwortet Volker Brüning. Selbst wenn es in diesem speziellen Fall zum Wohle der Patienten wäre, um ihnen Wege zu ersparen.

Kontakt zu Großhändlern und Herstellerfirmen

Welche Möglichkeiten haben Patienten denn angesichts der Lieferengpässe? „Wir versuchen alles, um ihm das benötigte Medikament zu besorgen“, versichert Brüning. So manche Apotheke könne verschiedene Großhändler kontaktieren. Manchmal gelingt auch der Kontakt direkt zu Herstellerfirmen.

„Für Impfungen wie mit Shingrix haben wir auch schon Wartelisten.“ Die Patienten hinterlegen ihre Telefonnummer und werden angerufen, wenn der Impfstoff verfügbar ist. „So vermeiden wir, dass der Patient reinkommt und der Impfstoff, der verfügbar war, ist schon wieder vergriffen.“

Preiskampf innerhalb Europas

Wie konnte es zu dieser großen Lücke in der Lieferkette kommen? Ein großer Erklärungsansatz ist laut Brüning: „Bei den verschreibungspflichtige Medikamenten gibt es Originale, also wo es wenige forschende Firmen gibt, die ein Patent darauf haben und einen hohen Preis für das Medikament nehmen. Den Preis gestalten die Firmen für einzelne Länder unterschiedlich.“ Es gebe in Deutschland Großhändlern, die deswegen nicht mehr an deutsche Apotheken verkaufen, sondern in Länder wie England und Frankreich, wo mehr gezahlt werde. „Und zwar das Doppelte oder Dreifache pro Packung.“, so Brüning.

Medikamente in Selm: Die Lieferengpässe bei Apotheken haben sich weiter verschlimmert

Nicht jedes Medikament ist zurzeit lieferbar. Apotheken versuchen aber, individuelle Lösungen für die Patienten zu finden. © picture alliance/dpa

Da könnte man ja sagen, dass die Hersteller einfach mehr Medikamente für den deutschen Markt produzieren sollen. „Die Hersteller haben vorab den Bedarf nach den Medikamenten geprüft und stellen dann eben nach Bedarf her und nicht darüber hinaus“, sagt der Apotheker.

Große Qualitätsprobleme

Neben den Preisunterschieden, die zu Lieferschwierigkeiten führen, seien es auch Qualitätsprobleme, die durchschlagen. „Packungsmäßig die meisten Medikamente sind diejenigen, bei denen das Patent abgelaufen ist“, berichtet Volker Brüning. Sie seien irgendwann entwickelt worden, hätten sich bewährt und nach zehn Jahren laufe das Patent ab. Statt einer Firma stellen dann mehrere Formen das Medikament her. Weil sie das dürfen.

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„Dann haben sie das Medikament zum Drittel des eigentlichen Preises auf den Markt gebracht“, führt der Apotheker aus. Krankenkassen seien dann dazu übergegangen, der billigsten Herstellerfirma den Zuschlag zu geben.

Hersteller kaufen in China und Indien

Das habe dazu geführt, dass die Ausgangsstoffe in China oder Indien gekauft werden. „Da hat es einen Riesenskandal gegeben, weil herausgekommen ist, dass dort unsauber hergestellt worden ist“, berichtet Brüning.

Teilweise seien Stoffe verwendet worden, die krebserregend sein können. Das habe Kreise gezogen, weil gleich mehrere Firmen vom selben Hersteller in China und Indien gekauft haben. Auf einen Schlag seien diese Medikamente vom Markt genommen worden. „Das kann man gar nicht auffangen“, sagt Volker Brüning.

„Solch eine Situation noch nie erlebt“

Preisunterschiede und Qualitätsprobleme: zwei gewichtige Gründe, warum in Apotheken so viele Medikamente fehlen. Es werde zwar ausgeliefert, aber in so geringen Mengen, „dass die Medikamente schnell wieder vergriffen sind“, so Brüning. „Eine solche Situation wie zurzeit habe ich noch nie erlebt.“ Immerhin ist Brüning bereits seit 23 Jahren selbstständiger Apotheker.

Hoffnungen setzt Brüning auf politische Bemühungen, „den Graumarkt auszuheben und hoffentlich die Qualitätsstandards wieder anzuheben“. Sein Appell: „Wichtig wäre, dass wir in Europa einheitliche Preise kriegen.“

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