Mit Urlaub ist es nicht getan: Immer mehr Menschen gehen für längere Zeit ins Ausland. Das sind vor allem junge Erwachsene - aber auch für Berufstätige oder Senioren gibt es Angebote.

Lünen

, 02.11.2018, 12:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Manchmal hat Kathlen Schabram noch richtig Appetit auf Maisbrei mit Bohnen und Kohl. So wie sie ihn ein Jahr lang immer wieder in Malawi gegessen hat. „Ich hätte das Maismehl dafür auch gerne mit nach Hause gebracht, aber im Koffer war kein Platz mehr“, erzählt die 22-Jährige. Zwölf Monate lebte die 22-Jährige aus Lünen-Horstmar in dem südostafrikanischen Land, das gut 18 Millionen Einwohner hat. Kathlen war als Missionarin auf Zeit dort, hat in einem von Franziskanerinnen geleiteten Hospital gearbeitet.

„Ich wollte immer schon mal ins Ausland, aber nicht als Urlauberin, sondern richtig mit den Menschen dort leben.“ Ihre Tante entdeckte bei einem Kurs in einem Kloster Infomaterial über das Projekt in Malawi. Die junge Heilerziehungspflegerin bewarb sich. Ein Jahr lang wurde sie mit unterschiedlichen Seminaren auf das Abenteuer Ausland vorbereitet.

Gespräch mit ehemaligen Teilnehmern ist wichtig

Und das ist wichtig, weiß Thomas Terbeck, der im Jahr 2000 „Weltweiser“ gründete, einen unabhängigen Bildungsberatungsdienst als Mittler zwischen allen Informationssuchenden und den zahlreichen Anbietern von Austauschprogrammen. „Weltweiser“ organisiert inzwischen 54 Jugendbildungsmessen in der ganzen Bundesrepublik und gibt Ratgeber heraus, die sich mit den zahlreichen Möglichkeiten eines Auslandsaufenthaltes beschäftigen. „Man sollte jenseits eines Preis-Leistungs-Vergleichs gerade bei Freiwilligendiensten immer auch versuchen, im Vorfeld mit ehemaligen Programmteilnehmern zu sprechen“, rät Terbeck.

Lünerin (22) erfüllte sich den Traum vom Abenteuer Auslandsaufenthalt

Thomas Terbeck von "Weltweiser" und seine Kollegen geben viele Informationen zum Thema Auslandsaufenthalte. © Beate Rottgardt

Er kennt sich mit Auslandsaufenthalten aus, war selbst für ein halbes Jahr Austauschschüler in den USA. Nach dem Abitur reiste er vier Monate lang durch Südamerika, nach dem Zivildienst dann neun Monate durch Südostasien, Neuseeland und Australien. Während des Studiums hat er ein Erasmus-Jahr in Frankreich verbracht. Allerdings sind es seit Jahren übrigens wesentlich mehr junge Frauen als gleichaltrige junge Männer, die ins Ausland gehen. Etwa zwei Drittel zu einem Drittel beträgt die Quote.

Kochen über dem offenen Feuer

Kathlen Schabram war mit Anfang 20 schon eine der Älteren im Vorbereitungsseminar: „Die meisten Teilnehmer waren 18, sind direkt nach dem Abi nach Malawi gegangen.“ In den Seminaren lernte Kathlen auch die Grundlagen von „Chichewa“, der Sprache, die in Malawi gesprochen wird. Vertiefen konnte sie die Kenntnisse auch vor Ort mit Lehrern der Schule vor Ort. „Im Krankenhaus war es schon gut, die Sprache zu sprechen, weil die meisten Patienten kein Englisch können.“

Lünerin (22) erfüllte sich den Traum vom Abenteuer Auslandsaufenthalt

Kathlen Schabram vor dem Hospital, in dem sie während ihres Aufenthaltes gearbeitet hat. © Kathlen Schabram

Auch wenn ihre Mutter nicht gerade begeistert von der Idee war, dass ihre Tochter ein Jahr im „warmen Herzen Afrikas“ lebt, ließ sich Kathlen Schabram nicht von ihrem Plan abbringen. Sie hat es nicht bereut. „Es ist ein wirklich friedliches Land und wir wurden auch super aufgenommen.“ Mit anderen Projektteilnehmerinnen lebte die Lünerin bei zwei deutschen und zwei indonesischen Schwestern im Franziskanerinnen-Konvent, zu dem das Hospital und die Schule gehören. „Der Standard war für Malawi hoch.“

Lünerin (22) erfüllte sich den Traum vom Abenteuer Auslandsaufenthalt

Oft war Kathlen Schabram mit dem Fahrrad in Malawi unterwegs. © Schabram

Oft fiel dennoch der Strom für mehrere Stunden aus. Da half es, dass Kathlen gelernt hatte, auf offenem Feuer zu kochen. Im Krankenhaus arbeitete Kathlen zuerst in der Aufnahme, um erst einmal besser mit der Sprache klar zu kommen. Temperatur und Blutdruck messen waren die ersten Aufgaben. Dann arbeitete sie in einer Abteilung, in der Patienten ab 14 Jahren behandelt wurden. Aber auch viele ältere Menschen. „Dort machen die Ärzte und Pfleger das Beste daraus mit den Mitteln, die sie haben. Viele Medikamente kamen aus den USA, waren aber nicht immer vorhanden.“

Vorurteile der Einheimischen

Die Ärzte waren „sehr offen und freundlich. Man hat mich auch viel gefragt, wie wir manche Sachen in Deutschland machen würden.“ Schwierig waren die Vorurteile der Einheimischen, die glaubten, wenn man weiß ist, dann habe man auch viel Geld: „Das waren schon verquere Vorstellungen.“

Deshalb ist es wichtig, sich im Vorfeld genau über das Land und die Menschen zu informieren. „Man unterscheidet zwischen geförderten Freiwilligendiensten und nicht geförderter Freiwilligenarbeit“, so Terbeck. Bei den Programmen „Weltwärts“ (Entwicklungshilfeministerium), dem Internationalen Jugendfreiwilligendienst, dem Europäischen Freiwilligendienst oder „Kulturweit“ (Auswärtiges Amt) - aus Mitteln des Bundes oder der EU finanziell geförderte Freiwilligendienste - beträgt der Vorlauf mindestens ein Jahr. Bei der nicht geförderten Freiwilligenarbeit ist der Vorlauf kürzer, dafür sind die Kosten deutlich höher.

Lünerin (22) erfüllte sich den Traum vom Abenteuer Auslandsaufenthalt

Bei einem Ausflug auf den Malawisee. © Schabram

„Die Bandbreite der Möglichkeiten reicht von einer Sprachreise für jüngere Schüler in den Ferien über den Austausch während der Schulzeit bis zu längeren Aufenthalten nach dem Abschluss“, so Terbeck. Viele junge Leute entscheiden sich auch für „Work and Travel“, einer Kombination, bei der man eine Zeit lang in einem Land Jobs annimmt und zwischendurch als Tourist herumreist Terbeck: „Das ist kostenintensiver als Freiwilligenarbeit und Au Pair, weil man sich ja zwischen den Jobs selbst finanzieren muss.“

Als Berufstätiger oder Rentner ins Ausland

Obwohl es natürlich die meisten jungen Leute eher während oder nach dem Schul-, Studien- oder Berufsabschluss in die Ferne zieht, weil sie da mehr Zeit haben, können sich auch berufstätige Erwachsene ihren Traum vom Auslandsaufenthalt erfüllen. Terbeck: „Ein Sabbatjahr ist am einfachsten im Öffentlichen Dienst zu realisieren.“ In anderen Berufsgruppen empfiehlt er Berufstätigen Sprachreisen, die es mittlerweile auch in Kombination mit anderen Themen gibt. Beispielsweise mit Schwerpunkten wie Kochen, Sport oder Kultur.

Und wenn man dann in Rente ist und weiter vom Auslandsaufenthalt träumt, hat man weitere Möglichkeiten. Beispielsweise als „Granny Au Pair“ oder als Senior-Experte in verschiedenen Bereichen bei Projekten in Schwellenländern.

Kathlen Schabram, die im August aus Malawi zurückgekehrt ist, arbeitet mittlerweile wieder als Heilerziehungspflegerin bei der Firma, bei der sie vor ihrem Auslandsjahr ihr Anerkennungsjahr absolviert hatte. „Ich war mit meinem Arbeitgeber auch immer in Kontakt.“

Lünerin (22) erfüllte sich den Traum vom Abenteuer Auslandsaufenthalt

Beim Zubereiten des traditionellen Maisbreis. © Schabram

Die 22-Jährige kann sich gut vorstellen, wieder nach Malawi zu reisen, um ihre Freunde dort zu besuchen. Und sie würde es „jedem raten, der die Möglichkeit und den Mut dazu hat, auch ins Ausland zu gehen.“ Sie empfiehlt aber auch, „sich vorher genau mit dem Thema auseinander zu setzen, sonst kommt man dort an und ist unglücklich. Man muss wissen, wie man sich verhalten, was man anziehen soll. Da kann man sonst in viele Fettnäpfchen treten.“

Sie hat ihren Mut nicht bereut, auch wenn sie sieben Mal an Malaria erkrankt ist und nun noch ins Tropeninstitut nach Hamburg muss, um testen zu lassen, ob der Erreger noch vorhanden ist. Ihr Taschengeld hat sie gerne genutzt, um durch das Land zu reisen. „Aber ich habe längst nicht alles gesehen, will auch deshalb noch mal nach Malawi. Gerne erinnert sie sich auch an Treffen in der deutschen Botschaft in Malawis Hauptstadt Lilongwe - zum Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober oder während der Fußball-WM bei den deutschen Spielen, als im Garten der Botschaft eine Leinwand aufgebaut war.

Da gab es dann Currywurst und Pommes, als Abwechslung zum Maisbrei.

  • Beim Schüleraustausch liegen die USA als Gastland immer noch ganz weit vorn. Es folgen Kanada, Neuseeland, Großbritannien, Australien und Irland.
  • Rund jeder fünfte Austauschschüler wechselt im Laufe seines Aufenthaltes seine Gastfamilie.
  • Seit der Einführung des G8-Abiturs in NRW sind die Zahlen beim Schüleraustausch rückläufig, aber im internationalen Vergleich noch immer hoch. Gleichzeitig steigen aufgrund der Abschaffung des Wehr- und Zivildienstes die Teilnehmerzahlen bei Freiwilligen Diensten im Ausland.
  • Die meisten Freiwilligendienste im Ausland kann man erst volljährig antreten.
  • Die nächsten Jugendbildungsmessen (Eintritt frei) in der Nähe finden am 10. November in Bochum (Hildegardis-Schule, Klinikstr. 1) und am 24. November in Münster (Gymnasium Paulinum, Am Stadtgraben 30) von 10 bis 16 Uhr statt
  • Mehr Infos gibt es auf der Weltweiser-Homepage.
Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Jetzt mal unter uns

Die Diskussion um Parkplätze an der Rundturnhalle hätte man sich sparen können

Hellweger Anzeiger Forensik-Streit

Forensik in Lünen: Baurecht für RWE-Fläche rückt näher - wie vom Land NRW gefordert

Meistgelesen