Eigentlich wollte eine Gruppe von SPD-Mitgliedern Straßburg besichtigen und abends schön essen gehen. Was sie dann erlebten, wird alle wohl noch einige Zeit beschäftigen.

Lünen

, 15.12.2018 / Lesedauer: 4 min

Stefanie Lippelt (37) und Hans-Georg Fohrmeister (71) tun sich hörbar schwer, über die Ereignisse von Dienstagabend (11. Dezember) zu reden. Von dem Abend, an dem bei dem Anschlag auf den Straßburger Weihnachtsmarkt vier Menschen getötet und zwölf Personen unterschiedlich schwer verletzt wurden. Eines der Todesopfer haben Lippelt und Fohrmeister gesehen.

„Wären wir nur fünf Minuten später in dem Restaurant gewesen, nicht auszuschließen, dass es einen von uns getroffen hätte“, sagt Stefanie Lippelt im Telefongespräch mit unserer Redaktion am Freitag (14.). Mit „uns“ meint die stellvertretende Lüner SPD-Stadtverbandschefin 47 Genossen der SPD-Unterbezirke Unna und Bochum, die sich seit Montagnachmittag (10.) auf Einladung des Europa-Abgeordneten Dietmar Köster (SPD) zum Informationsaustausch in Straßburg aufhielten. Neben Lippelt und dem SPD-Ratsherrn Hans-Georg Fohrmeister kommen sieben weitere Parteimitglieder aus Lünen.

„Zwei Knallgeräusche gehört“

Stefanie Lippelt versucht, sich „so gut es geht“, zu erinnern. Das fällt der 37-Jährigen nicht leicht, immer wieder ringt sie nach den „richtigen Worten“, bricht mitten im Satz ab. „Gegen 15 Uhr am Dienstag haben wir uns von unserem Hotel aus mit dem Bus auf den Weg zum Europaparlament gemacht. Dort hatten wir eine Führung und ein paar Gespräche mit Abgeordneten“, sagt Stefanie Lippelt. Von dort sei es dann um 19.15 Uhr in die Nähe des bei Touristen überaus beliebten Stadtteils Petite France (Kleines Frankreich) gegangen - zum gemeinsamen Abendessen.

In einem Restaurant, „den Namen weiß ich nicht mehr“ (Lippelt), mit Blick auf das „Kleine Frankreich“, wie Fohrmeister sagt, sind mehrere Tische für die 47-köpfige Reisegruppe reserviert. Es ist kurz vor 20 Uhr: „Wir waren gerade dabei, Mäntel und Jacken abzulegen, an den reservierten Tischen in der ersten Etage des Restaurants Platz zu nehmen, da hörten wir auf einmal zwei laute Knallgeräusche“, sagt Lippelt: „Natürlich dachten wir zunächst an Feuerwerkskörper oder ähnliches.“

„Mann bricht zusammen, bleibt liegen“

Kurz nach den Knallgeräuschen geht das Licht in dem kleinen Restaurant aus. Niemand weiß, was los ist. Das Personal schweigt, Gäste schauen aus dem Fenster und sehen, „dass ein Mann auf einer Brücke, vielleicht hundert Meter entfernt, zusammenbricht, einfach so liegen bleibt“. Mittlerweile herrscht rund um das Restaurant reges Treiben. Polizei- und Militärkräfte ziehen auf, Sirenen heulen.

„Wir haben uns alle gefragt, was bloß los ist“, sagt Hans-Georg Fohrmeister. Informationen über Smartphones fließen nur spärlich. Dass etwas Schreckliches passiert ist, wird den Gästen des Restaurants spätestens in dem Augenblick klar, als, genau wissen das Lippelt und Fohrmeister nicht, irgendwelche Menschen den verletzten Mann von der Brücke ins Treppenhaus des inzwischen wiederbeleuchteten Restaurants schleppen.

„Dort hat man noch versucht, ihn wiederzubeleben, vielleicht war er aber auch schon tot“, sagt Lippelt: „Der hatte einen Schuss im Hinterkopf.“ Der Tote sei dann später von französischen Sanitätern und der Polizei, die das Restaurant zwischenzeitlich komplett abgeriegelt hat, abtransportiert worden. „Keiner von uns durfte die Räumlichkeiten verlassen.“

Nur noch nach Hause

Panik herrscht keine in dem Restaurant: „Es war ziemlich ruhig, natürlich war einigen anzusehen, dass sie Angst haben, aber richtig durchgedreht ist keiner“, sagt Fohrmeister: „Irgendwie war das alles völlig unrealistisch.“ Gegen 1.15 Uhr dann, sagt Stefanie Lippelt, „wurden wir von der Polizei grüppchenweise zu unserem Bus gebracht. Vorher haben die aber noch von uns allen die Personalien aufgenommen.“ Auf der Busfahrt nach Appenweier (Baden-Württemberg) wird kaum gesprochen. „Das Geschehene musste jeder für sich erstmal verarbeiten“, sagt Fohrmeister. Das gilt auch bei der Ankunft im Hotel gegen 3 Uhr morgens. „Wir sind alle sofort auf unsere Zimmer.“

Schon etwas mehr gesprochen wird am nächsten Morgen, am Mittwoch (12.), beim Frühstück. „Da wurde uns allen erst richtig bewusst, was für ein Glück wir hatten“, sagt Lippelt. Auf den Rest des geplanten Programms verzichten alle Teilnehmer der Reise gerne, wollen nur noch nach Hause. Der Bus Richtung Heimat startet um 11 Uhr in Appenweier, erreicht gegen 17.30 Uhr sein Ziel, den Busbahnhof in der Dortmunder Innenstadt. Lippelt, Fohrmeister und die anderen sieben Genossen aus der Lippestadt fahren nach Lünen weiter.

Mutmaßlicher Attentäter tot

Der mutmaßliche Attentäter Chérif Chekatt wurde zwar Donnerstagabend (13. Dezember) bei einer Razzia im Viertel Neudorf südöstlich des Straßburger Zentrums getötet. Das hilft Stefanie Lippelt und Hans-Georg Fohrmeister bei der Aufarbeitung der Ereignisse aber nicht wirklich weiter. Im Gegenteil: Ihnen mache es vielmehr bewusst, wie sie unisono sagen, in welch‘ gefährlicher Lage sie und „all die vielen anderen Menschen“ waren.

„Je mehr Informationen man bekommt, desto bewusster wird einem, wie schlimm das Ganze war“, sagt Fohrmeister - drei Tage nach dem Attentat. Und Stefanie Lippelt? Die 37-jährige Lünerin „kann immer nocht nicht begreifen, so nah einen Terroranschlag miterlebt zu haben“.

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