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Einsamkeit im Alter - ein Schreckgespenst in unserer Gesellschaft. Aber man kann etwas gegen Einsamkeit im Alter tun. Das zeigen die Beispiele von fünf Lünern.

Lünen

, 23.07.2018 / Lesedauer: 5 min

Spielenachmittag im Seniorenladen an der Bebelstraße 67. Hedwig Hock fühlt sich wohl in den gemütlichen Räumen und der fröhlichen Runde. Die 85-Jährige war 60 Jahre lang verheiratet, dann starb ihr Mann. Bewusst entschied sie sich jetzt dafür, neue Kontakte zu knüpfen. Warum sollte das mit Mitte 80 nicht mehr funktionieren?

Ähnlich denkt auch der gleichaltrige Otto Prahl. Nach vielen Jahrzehnten Ehe hat er seine Frau verloren. Mit den drei Kindern, den Schwiegerkindern und Enkeln versteht er sich gut, aber „die jungen Leute haben ihr eigenes Leben.“ Eine Zeitlang war Prahl allein, jetzt will er wieder unter Menschen. Als er vom Spielenachmittag im Seniorenladen hört, geht er einfach mal hin.

Ein Paar geworden

Das ist mittlerweile fünf Jahre her. Heute haben Hedwig Hock und Otto Prahl nicht nur Beide ihren 90. Geburtstag gefeiert (was man ihnen nicht ansieht). Sie sind auch ein Paar. „Hedwig hat noch ihre eigene Wohnung aber meistens ist sie bei mir“, erzählt Otto Prahl. Im Seniorenladen fühlt sich das Paar wie daheim. „Auch bei anderen Senioren haben sich Freundschaften entwickelt. Man telefoniert und besucht sich untereinander, trifft sich zu gemeinsamen Aktivitäten wie Spaziergängen oder Ausflügen. Einige Senioren fahren auch zusammen in den Urlaub“, so Ulrike Eul, Leiterin des Seniorenladens, einer Einrichtung des Evangelischen Altenzentrums in Kooperation mit dem Bauverein.

Lüner Senioren geben Einsamkeit keine Chance

Marianne Stahlberg rät: "Man sollte sich engagieren." So hat Einsamkeit keine Chance.

Dass man im Alter selbst aktiv sein muss, um nicht einsam zu werden, sieht auch Marianne Stahlberg so: „Wenn man sich einigelt, ist man einsam.“ Einigeln war nie ihr Ding. Ganz im Gegenteil. Ihr war ehrenamtlches Engagement immer wichtig, das hat sich bis heute nicht verändert. „Natürlich hängt es auch von der körperlichen Verfassung ab, aber auch, wenn man nicht mehr so beweglich ist, muss das nicht bedeuten, das der Fernseher der einzige „Gesprächspartner“ bleibt.“

Kirchengemeinden und Wohlfahrtsverbände bieten unterschiedliche Veranstaltungen für Senioren an. An denen auch Menschen teilnehmen können, die nicht mehr so fit sind. Oder man entscheidet sich für eine Wohnform, die im Alter immer beliebter wird. So wie Gertrud Domaszewski.

Lüner Senioren geben Einsamkeit keine Chance

Gertrud Domaszewski ist froh, sich vor elf Jahren entschieden zu haben, in eine Wohnung eines Service-Wohnen-Anbieters gezogen zu sein. © Beate Rottgardt

Die heute 85-Jährige lebt seit fast elf Jahren in einem Haus, das Service-Wohnen anbietet. Als ihr früherer Vermieter ihre Wohnung benötigte, gab er ihr zwei Jahre Zeit, etwas Neues zu finden. Das ging dann schneller als gedacht. Bei einer Info-Veranstaltung sah sie sich das Haus, in dem sie heute wohnt, an und erfuhr, dass eine Wohnung frei war, die ihr gefiel.

Weil das Haus viel näher an der Innenstadt liegt als ihre frühere Wohnung, entschied sie sich auch, ihr betagtes Auto zu verkaufen. „Ich hab darüber mit meinem Sohn gesprochen und mich dann dafür entschieden.“ Beim Service-Wohnen wird Gedächtnistraining angeboten, wer mag, kann an Sitzgymnastik, Kaffeetrinken Ausflügen und Festen teilnehmen. „Wenn man möchte, macht man mit. Wenn nicht, ist das auch, kein Problem,“ so die 85-Jährige. Seit ein paar Monaten ist ihre ältere Schwester ihre Nachbarn. Vor 28 Jahren starb Gertrud Domaszeweskis Mann, einsam ist sie aber nie gewesen - dank ihrer Kontaktfreudigkeit.

Mittagstisch im Seniorenladen

Ralf Siebert dagegen fühlt sich schon manchmal einsam - seit dem Tod seiner Frau vor vier Jahren. 25 Jahre waren sie ein Paar, bevor sie heirateten. Nach 15 Jahren Ehe war der 79-Jährige allein. „Zum Glück haben wir eine tolle Nachbarschaft, die sich auch um mich kümmert.“ In der Woche nutzt er den Mittagstisch im Seniorenladen: „Ich bin da immer der Erste.“ Am Wochenende, wenn der Seniorenladen geschlossen ist, könnte er zum Mittagstisch ins Evangelische Altenzentrum gehen. Doch da hilft er sich mit fertigen Eintöpfen aus einer Fleischerei oder wird von einer netten Nachbarin zum Sonntagsbraten eingeladen. Zehn Jahre, bis zu ihrem Tod, hat der frühere Bergmann seine Frau gepflegt. Siebert ist kein Mensch, der sich hängen lässt, auch wenn er an manchen Tagen traurig ist. Mit seinem E-Bike ist er viel in Lünen unterwegs. Und im Sommer fährt er mit, wenn der Seniorenladen wieder eine Reise anbietet. So wie im vergangen Jahr. Darauf freut er sich schon, denn die Reise im vergangenen Sommer in netter Gesellschaft hat ihm gut gefallen.

„Haben uns gut verstanden“

Bei einer solchen Reise hat es vor fünf Jahren zwischen Hedwig Hock und Otto Prahl gefunkt. „Wir saßen zusammen an einem Tisch und haben uns gut verstanden,“ erinnert sie sich. Seitdem sind sie zusammen, unternehmen viel und kommen immer noch gerne zu den Spielenachmittagen in den Seniorenladen. „Wir spielen aber auch zuhause, zum Beispiel Romme Cup“, sagt die 90-Jährige. „Aber sie schummelt immer so viel“, lacht ihr Partner.

Wie Ralf Siebert sind in diesem Sommer auch die Beiden wieder bei der Urlaubsfahrt dabei, die Ulrike Eul organisiert und begleitet.

Reisen mag auch Marianne Stahlberg. Eine ehrenamtliche Aufgabe, die der Geschäftsführerin des Arbeitskreises Namibia, führte sie schon mehrmals in das südwestafrikanische Land. Seit Oktober 2004 ist die Sozialpädagogin in Rente. Langeweile kennt sie nicht. So kümmert sie sich seit Oktober 2013 ehrenamtlich um den Besuchsdienst für ältere Gemeindeglieder im Stadtbezirk 1 der evangelischen Kirchengemeinde Lünen: „Zu manchen Leuten habe ich schon fast eine familiäre Beziehung, die warten schon an ihrem Geburtstag auf mich.“

Mit dem Alleinleben zurechtkommen

Sich ehrenamtlich für andere Menschen zu engagieren, hilft gegen drohende Einsamkeit, rät Marianne Stahlberg. Schon als sie noch berufstätig war, kümmerte sie sich ehrenamtlich um Menschen mit psychischen Problemen oder Flüchtlinge: „Das zieht sich so durch. Man muss mit dem Alleinleben zurechtkommen, sich aufrfaffen, rausgehen.“

Samstags ist sie im Café im Turm der Stadtkirche im Einsatz, zusammen mit zwei jungen, engagierten Frauen: „Die beiden sind mit Begeisterung dabei und wenn wir Zeit haben, erklärten sie mir auch noch mein Smartphone.“

Man müsse auch nicht unbedingt ehrenamtlich arbeiten, um nicht zu vereinsamen: „Man kann ja auch Angebote nutzen , von AWO, Diakonie oder Caritas und den Kirchengemeinden.“ Davon, Menschen zwangsweise aus einer selbst gewählten Isolation herauszuholen, davon hält Marianne Stahlberg nichts: „Es gibt auch Menschen, die sich selbst genug sind, die klagen aber auch nicht.“ Und sie weiß von hochaltrigen Geburtstagskindern:

„Leute, die auf die 100 zugehen, sagen oft, dass sie einsam sind, weil die meisten ihrer Freunde und Bekannten gestorben sind.“

Gute Gene

Über 100 - wenn Gertrud Domaszeweski die Gene ihrer Mutter geerbt hat, könnte sie das auch schaffen: „Meine Mutter ist 102 geworden. Das kann ich mir auch vorstellen.“ Weil sie ihr Leben trotz einiger altersbedingter Einschränlungen genießt und das auch ausstrahlt.

So wie auch Hedwig Hock und Otto Prahl, seitdem sie sich bei der Urlaubsreise des Seniorenladens kennengelernt haben. Als Prahls Frau starb, hätte er nicht gedacht, dass er im hohen Alter noch mal eine neue Partnerin finden würde. Seit Hedwig Hock in sein Leben trat, geht es dem gelernten Schreiner und früheren Bergmann wieder richtig gut. Auch seine drei Kinder sind damit einverstanden, dass der Vater wieder eine Frau an seiner Seite hat, haben die 90-jährige Lünerin voll akzeptiert. „Ich verstehe mich gut mit ihnen“, freut sich Hedwig Hock.

Wochenende ist ein großes Problem

Nicht alle Senioren haben so viel Glück oder trauen sich aus den unterschiedlichsten Gründen nicht, sich noch mal auf eine neue Partnerschaft einzulassen. Das Problem alleinstehender Senioren sind vor allem die Wochenenden und die Feiertage. Dann hat der Seniorenladen geschlossen, auch andere Gruppen treffen sich eher in der Woche. Die Kinder leben oft aus beruflichen Gründen weit entfernt. Ulrike Eul: „Wir bekommen oft Anrufe von erwachsenen Kindern, die sich nach Angeboten bei uns erkundigen, damit ihre Eltern etwas unternehmen können und nicht immer so alleine sind.“

Aber auch selbst aktiv werden hilft gegen Einsamkeit im Alter, wie die Beispiele der fünf Senioren zeigen.

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