Mit einer besonderen Aktion erinnern Lüner Schüler an die Ermordung jüdischer Bürger vor 80 Jahren. Das Gedenken erhält durch die Situation in Politik und Gesellschaft eine neue Dimension.

Lünen

, 09.11.2018, 05:45 Uhr / Lesedauer: 4 min

„Eingang nur für rothaarige Schüler“ oder „Eingang nur für Schüler mit blauen Augen“. Zettel mit diesen Aufschriften kleben an den Eingangstüren des Altlüner Gymnasiums. Jüngere Schüler halten sich tatsächlich daran, nehmen einen Umweg zu einem anderen Eingang in Kauf. Ältere Jugendliche lesen, schütteln ungläubig den Kopf und gehen dann doch den gewohnten Weg. Auch wenn sie nicht rothaarig oder blauäugig sind.

Aus der Jahrgangsstufe 11 heraus organisiert

Die Aktion haben Schülerinnen aus der Jahrgangsstufe 11 organisiert. Sie sind 16 Jahre alt und engagieren sich in der AG „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage“ von Lehrerin Juliane Schlienz. Die AG gibt es schon im fünften Jahr. Die Lehrerin für Englisch und Sozialwissenschaften ist seit einem Jahr an der Schule. Sie freut sich über das Engagement der Schülerinnen, die sich auch gegen Alltagsdiskriminierung einsetzen.

Lüner Schüler erinnern an den Nazi-Terror - und haben eine mahnende Botschaft

Lehrerin Juliane Schlienz (v.l.) mit den engagierten Schülerinnen Paula Krolla, Lorina Losch, Lea Teutenberg, Tuana Sahin und Lena Holtrup an einem der Info-Plakate zum Thema Pogrom. © Beate Rottgardt

In dieser Woche, in der daran erinnert wird, dass die Pogromnacht vor 80 Jahren stattfand, haben sich die Schülerinnen eine Menge Aktionen einfallen lassen. Nicht lauthals, sondern dauerhaft wollen sie ihre Mitschüler zum Nachdenken bringen. Die Türschilder empfingen die Jugendlichen und auch die Lehrer am Montagmorgen. Jeden Tag kommt eine Durchsage mit einem Zitat zum Thema als Denkimpuls. „Dann ist es tatsächlich richtig ruhig im Englisch-Leistungskurs gewesen. Ich finde es schön, dass sich die Leute die Anregungen zu Herzen nehmen“, so Tuana Sahin.

„Wenn ich das höre, wird mir angst und bange“

In einer Zeit, in der sich vier von zehn Deutschen ein autoritäres Regime vorstellen können, ist die Erinnerung an den Terror von damals besonders wichtig. Vor allem, weil diejenigen, die das Schreckensregime miterlebt haben, immer weniger werden. Einer der letzten Zeitzeugen ist Kurt Glodny (89) aus Brambauer, der seine Erinnerungen auch im Buch „So war es – Erlebnisse eines oberschlesischen Vorkriegskindes“ festgehalten hat. „Wenn ich sehe und höre, was heute wieder gesagt und getan wird, wird mir angst und bange. Es erinnert mich an das, was damals passiert ist.“

Genau deshalb will Glodny möglichst vielen Menschen seine Erlebnisse schildern, um jedem unmissverständlich klarzumachen, welche Folgen Populismus, Rassismus und Faschismus am Ende haben können. Viele Schulen in Lünen und Dortmund hat er bereits besucht, doch es können seiner Meinung nach nicht genug sein: „Immer, wenn ich irgendwohin komme und aus meinem Buch lese, merke ich, wie sehr das Thema die Schüler beschäftigt.“

Aus der Perspektive von Ermordeten

So geht es auch Lorina Losch (16). Die Schülerin des Gymnasiums Altlünen wird am 9. November im Rahmen der städtischen Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht um 17 Uhr an der Lippebrücke eine eigene Geschichte vorlesen. „Ich hab sie aus der Perspektive der drei Lüner geschrieben, die in der Pogromnacht ermordet wurden“, so Lorina. Die Recherche dazu hat sie tief bewegt: „Ich habe gewusst, dass damals in Lünen was passiert ist, aber nicht, dass es so schlimm war.“ Für die Feier wird sie ihren Text über Waldemar Elsoffer lesen. Den gesamten Text will Juliane Schlienz kopieren und an dem Abend verteilen. Schülersprecherin Jolina Specht übernimmt die einführenden Worte an der Brücke.

Hutaktion der Stein-Schüler

Schon ab 10.30 Uhr sind an der Lippebrücke Schülerinnen und Schüler des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums präsent. „Kippa, Kappe, Kopftuch…“ heißt ihre Aktion. Sie wollen Klartext sprechen und „ihren Hut in den Ring werfen“: gegen Intoleranz und gegen Rassismus. Ausgangspunkt der Überlegungen zur Aktion waren die gewaltsamen und antisemitischen Übergriffe auf jüdische Kippa-Träger in Berlin und Düsseldorf in diesem Jahr.

Daher stehen für die Oberstufenschüler die unterschiedlichen Arten der Kopfbedeckung im Mittelpunkt. Geplant ist u.a. eine Hut-Modenschau zum Themenbereich „Rassismus“, begleitet von Musik der Schülerband.

Gebäck aus verschiedenen Kulturbereichen wird von den Schülern gebacken und auf der Brücke an Bürger verschenkt. Zudem werden selbst gebastelte Papier-Hüte als symbolische Erinnerungsstücke verteilt: „Der Hut nicht als Zeichen der Abgrenzung und Isolierung oder gar Stigmatisierung wie im Mittelalter, sondern Kopfbedeckungen als Zeichen der bunten Vielfalt in unserer Gesellschaft“, erläutert der verantwortliche Religionslehrer Martin Loer.

NS-Zeit auf dem Lehrplan - doch es fehlen Lehrer

Doch auch abseits des offiziellen Gedenkens ist die Pogromnacht in Lünen ein Thema. In dieser Woche informieren die AG-Schülerinnen am Altlüner Gymnasium mit Info-Plakaten darüber, was Antisemitismus und Rassismus bedeuten, und beleuchten auch die aktuelle Entwicklung in Deutschland. Am 9. November können sich interessierte Schüler ab der 9. Klasse den Film „Kinder der Turnstunde“ des Lüner Regisseurs Michael Kupczyk ansehen. Im Anschluss diskutiert Jochen Otto von der Bürgermeister-Harzer-Stiftung mit den Jugendlichen.

Kupczyk selbst wird in der Käthe-Kollwitz-Schule sein und dort eine auf Lünen-Süd zugeschnittene Version seines Films zeigen. Anschließend steht auch er den Gesamtschülern für eine Diskussion zur Verfügung. Die Erinnerung an den NS-Terror sei fester Bestandteil an der KKG, wie Lehrer Franz-Josef Thöne erklärt: „Wir unternehmen zum Beispiel Gedenkstättenfahrten mit den zehnten und elften Klassen.“ Angedacht sei auch eine Fahrt nach Berlin mit dem 13er-Jahrgang, in dessen Rahmen eine KZ-Gedenkstätte besucht wird.

Dass die Verbrechen des NS-Regimes und sein Aufstieg zur Macht in Vergessenheit geraten könnten, befürchtet Thöne nicht: „Die NS-Zeit ist genauso wie die Weimarer Republik ein fester Teil des Lehrplans.“ Theoretisch müsste also jeder Schüler mit dem Thema in Berührung kommen. Einziges, aber nicht gerade kleines Problem laut Thöne: „Es fehlen Lehrkräfte. Im Bereich der Sekundarstufe I haben wir deshalb viele Kolleginnen und Kollegen, die Geschichte fachfremd unterrichten.“

„Daran erinnern, wohin das alles führen kann“

Das ist natürlich Wasser auf die Mühlen von Kurt Glodny: „Ich habe den Eindruck, dass viele Jugendliche die Gefahr, die von der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Situation ausgeht, gar nicht einschätzen können.“ Deshalb halte er es für unabdingbar, dass zusätzlich zum Unterricht weitere Projekte angestoßen werden - natürlich auch Zeitzeugenberichte, für die er weiterhin zur Verfügung stehe. „Und nein, ich verdiene damit kein Geld. Ich möchte einfach nur daran erinnern, wohin das alles führen kann.“

Das haben Lorina, Tuana und ihren Mitschülerinnen aus der AG am Gymnasium Altlünen definitiv erkannt. Ihnen ist wichtig, dass Erinnerung und Aufklärung nicht mit der Gedenkstunde beendet sind. „Wir haben uns deshalb entschieden, auch das Thema Mobbing aufzugreifen, weil das auch eine Art von Diskriminierung ist, die leider oft auch in Schulen vorkommt“, so Tuana.

Lüner Schüler erinnern an den Nazi-Terror - und haben eine mahnende Botschaft

An diesem Info-Brett stehen Hashtags, Info-Plakate und die Einladung zum Film „Die Kinder der Turnstunde“. © Beate Rottgardt

Die Resonanz anderer Schüler macht ihnen Mut. „Ich bin schon mehrmals angesprochen worden, dass viele das Thema wichtig finden und dass unsere Durchsagen mit den Zitaten Eindruck hinterlassen“, so Lea Teutenberg.

Für Lorina ist es wichtig, aus der Geschichte für die Zukunft zu lernen: „Wenn man viele kleine Dinge an vielen kleinen Orten tut, kann man das Gesicht der Welt verändern. Deshalb wollen wir Menschen zum Nachdenken bringen.“

Und das soll weitergehen - auch nach dem 9. November. Tuana kann sich gut vorstellen, mit anderen „Schule ohne Rassismus“-AGs aus Lüner Schulen Kontakt aufzunehmen: „Wir könnten zusammen eine Instagram-Page oder einen Twitter-Account einrichten, dort Zitate posten oder über unsere Aktionen informieren.“

Damit Themen wie Mobbing oder Diskriminierung im Bewusstsein bleiben.

Kurt Glodny steht für Lesungen und Diskussionen zur Verfügung. Kontakt unter Tel. (0231) 8779169 oder per E-Mail an k.glodny@t-online.de
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