Volle Wartezimmer und leere Arztstühle: Das bekommen auch Lüner Patienten hautnah zu spüren. Eine Besserung ist laut Ärzteschaft nicht in Sicht. Im Gegenteil, es wird eher schlechter.

Lünen

, 14.11.2018, 05:50 Uhr / Lesedauer: 4 min

Regelmäßig ist vom Ärztemangel auf dem Land die Rede. Dabei gerät schnell in den Hintergrund, dass es auch in vielen Städten der Region um die hausärztliche Versorgung längst nicht mehr so gut bestellt ist. Das liegt an der Altersstruktur der Hausärzte. Da macht Lünen keine Ausnahme. Auch in der Lippestadt ist gut ein Drittel der Ärzte 60 Jahre oder älter. Wer von denen in den Ruhestand gehen will, findet kaum noch einen Nachfolger. Das bereitet nicht nur den Lüner Allgemeinmedizinern Dr. Martin Sobottka (45) und Dr. Michael Funke (62), Vorsitzender des Lüner Arztevereins, Kopfschmerzen, das Thema steht grundsätzlich auch bei der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) ganz oben auf der Agenda.

Lüner Hausärzte plagen Nachwuchssorgen

Dr. Martin Sobottka (l.) und Dr. Michael Funke, Vorsitzender des Lüner Ärztevereins, haben Anfang Oktober ihre Praxen zusammengelegt. © Storks

„Um drohende Lücken in der hausärztlichen Versorgung noch wirkungsvoller zu bekämpfen“, fördert die KVWL (Dortmund) seit Mitte dieses Jahres sogar einzelne Stadtbezirke. Davon profitieren als erste Bielefeld-Senne und Bielefeld-Sennestadt. „Hausärzte, die in diesen Stadtbezirken eine Praxis übernehmen oder einen Kollegen anstellen, können bei der KVWL Kostenzuschüsse, Praxisdarlehen und Umsatzgarantien beantragen“, heißt es in einer Pressemitteilung der KVWL vom 13. Juni 2018.

Weiter steht dort, dass Bielefeld insgesamt noch ausreichend mit Hausärzten versorgt sei, weshalb eine Förderung im gesamten Stadtgebiet nicht angemessen wäre. Welchen Städten sonst noch eine Unterversorgung droht und in denen niederlassungswillige Ärzte deshalb mit Fördergeldern rechnen können, listet die Kassenärztliche Vereinigung in einer Übersicht auf ihrer Homepage auf. Lünen steht nicht auf dieser Liste, obwohl die Lage nach Einschätzung der örtlichen Ärzteschaft äußerst angespannt ist.

Versorgungsgrad von 107,8 Prozent

„Im Verhältnis zu anderen Versorgungsgebieten ist die Lage in Lünen gemessen an den gesetzlichen Vorgaben gut“, sagt KVWL-Sprecher Jens Flintrop. Dabei nimmt er die hauseigene Statistik zu Hilfe. Danach liegt der Versorgungsgrad im sogenannten Mittelbereich Lünen, bestehend aus Lünen und Selm, aktuell bei 107,8 Prozent. Auf dem Papier nicht nur ein Spitzenwert, damit sind Lünen und Selm rein rechnerisch schon fast überversorgt.

„Stimmt die Relation von Arzt und Patienten in einer Region mit der gesetzlichen Vorgabe überein, so beträgt der Versorgungsgrad 100 Prozent“, erklärt Flintrop: „Im Mittelbereich Lünen versorgen 62 Hausärzte 111.988 Einwohner.“ Gleichwohl dürfte sich in Lünen derzeit noch ein weiterer Hausarzt niederlassen, bevor der Mittelbereich wegen Überversorgung gesperrt würde, sagt KVWL-Sprecher Jens Flintrop weiter.

Von Überversogung ist bei einem Versorgungsgrad von über 110 Prozent, von Unterversorgung bei einem Versorgungsgrad von unter 75 Prozent die Rede. Gestützt auf das nackte Zahlenmaterial stellt Flintrop fest: „Mittelfristig sehe ich in Lünen keinen Grund zur Sorge. Aus Sicht der Ärzte sieht das vielleicht anders aus.“ Das stimmt in der Tat, wie ein Gespräch mit Dr. Martin Sobottka und Dr. Michael Funke zeigt.

Praxen Anfang Oktober zusammengelegt

Erst Anfang Oktober haben die Lüner Mediziner ihre Praxen zusammengelegt. Funke hat seine Praxis an der Moltkestraße 56 geschlossen und ist in die Praxisräume von Sobottka an der Dortmunder Straße 15a gezogen. Im Frühjahr 2019 bezieht das Ärzte-Team dann neue Räumlichkeiten im benachbarten Stadtquartier. Läuft alles nach Plan, werden Subottka und Funke sich dort vom 1. April an mit ihren Mitarbeitern um die Patienten kümmern.

Dass die beiden Ärzte ihre Praxen zusammengelegt haben, kommt nicht von ungefähr. „Ich habe geraume Zeit erfolglos einen Nachfolger für meine Praxis gesucht“, sagt Funke, der noch zwei/drei Jahre praktizieren will: „Das ist im Übrigen kein Einzelfall, das ist ein grundsätzliches Problem. Davon können meine älteren Kollegen ein Lied singen.“ Funke muss es wissen, er ist schließlich Vorsitzender des Lüner Ärztevereins, dem 129 niedergelassene Ärzte und Krankenhausärzte angehören.

Schon Anfang 2017 hat er im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt: „Das dringlichste ist die Nachwuchsfrage. Das zeigen die Zahlen gerade bei den Hausärzten. In Lünen sind 20 von 49 Hausärzten über 60. Sie gehen in den nächsten fünf bis acht Jahren in den Ruhestand und suchen einen Nachfolger. Doch der Markt ist leer.“ Mit der Folge, dass immer mehr Praxen dicht machen. Funke kennt zumindest zwei in der City, die in den vergangenen 20 Monaten vom Markt verschwunden sind.

„Schwiergig für Patienten, Termin zu bekommen“

„Wir merken, wenn plötzlich Hausartzpraxen schließen. Dann kommen die Patienten. Das bedeutet mehr Arbeit für weniger Ärzte“, sagt Dr. Martin Sobottka: „Viele Ärzte arbeiten jetzt schon an der Kapazitätsgrenze und können gar keine zusätzliche Patienten mehr aufnehmen. Es wird schwierig für Patienten, Termine zu bekommen.“

Lüner Hausärzte plagen Nachwuchssorgen

Wer zum Arzt geht, verbringt häufig viel Zeit imWartezimmer. © dpa

Das Hauptproblem sei, sagt KVWL-Sprecher Jens Flintrop, dass in Westfalen-Lippe seit einigen Jahren weniger junge Hausärzte nachrücken als ältere ausscheiden: „Derzeit schließen in Westfalen-Lippe pro Jahr zwischen 110 und 120 Nachwuchsärzte ihre Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin ab - wir bräuchten aber die doppelte Anzahl an nachrückenden Ärzten, damit alle ausscheidenden Hausärtze einen Nachfolger finden.“ Und woran liegt das?

„Einen Grund dafür sehen wir in der Studienplatzvergabe nach der Abiturnote. Der typische 1-er-Abiturient interessiert sich tendenziell eher für hochspezialisierte Fächer mit technisch besonders anspruchsvollen medizinischen Geräten“, sagt Flintrop. Vor diesem Hintergrund begrüße die KVWL auch ausdrücklich die Landarztquote, die das NRW-Gesundheitsministerium vom Wintersemester 2019/2020 an einführen will. Damit sollen unabhängig von der Abiturnote Medizin-Studienplätze an Bewerber mit der Verpflichtung vergeben werden, sich später in unterversorgten Gebieten niederzulassen.

Stadt Lünen ist das Problem bewusst

„Das Problem, dass es aufgrund des knappen Nachwuchses in absehbarer Zeit schwierig werden könnte, Nachrücker für Hausarztpraxen zu finden, ist der Stadt Lünen bewusst“, sagt deren Pressesprecher Benedikt Spangardt: „Momentan wird überlegt, ob, und wenn ja, wie die Stadt in diesem Bereich tätig werden kann. Wir haben dabei u.a. die Möglichkeit, den Kontakt mit der KVWL zu intensivieren, die sehr aktiv ist, wenn es darum, dieser Entwicklung zu begegnen.“ Das Angebot von Seiten der KVWL steht.

„Generell gilt: Kommunen, die sich engagieren wollen, können sich jederzeit an die KVWL wenden. Unsere Experten analysieren dann gemeinsam mit der Kommune die Situation und suchen gemeinsam Lösungen“, sagt KVWL-Sprecher Flintrop: „Eine Stadt kann zum Beispiel versuchen, die Ärzte vor Ort unter einem Dach zu bündeln. Ein modernes Ärztehaus mit mehreren Kollegen unter einem Dach und Parkmöglichkeiten in zentraler Lage macht die Niederlassung attraktiver und zeigt jungen Ärzten, dass sie in einer Stadt willkommen sind.“

„Ärzte werden genau prüfen, wo sie leben wollen“

Mit einem Ärztehaus und Parkmöglichkeiten ist es allein vermutlich nicht getan. Weil die Entscheidung, eine Hausarztpraxis zu eröffnen, eine Lebensentscheidung sei, heißt es bei der KVWL weiter, „werden die Ärzte bei freier Auswahlmöglichkeit ganz genau prüfen, wo sie leben wollen. Dabei stehen Arbeitsmöglichkeiten für den Partner und die Ausbildungsmöglichkeiten für die Kinder sicher ganz oben auf der Liste“.

Was das angeht, sehen Dr. Martin Subottka und Dr. Michael Funke „noch einigen Nachholbedarf“ für Lünen. Ihnen stellt sich die Frage: „Auf welche Art und Weise erfährt die Ärzteschaft Hilfe durch die Stadt Lünen zur Lösung des Problems?“ Die Antwort der Stadt ist eher von grundsätzlicher Natur.

Weil weiche Standortfaktoren wie ausreichend vorhandene Kita-Plätze „ja nicht nur die Sicherung der ärztlichen Versorgung, sondern generell den Zuzug junger Fachkräfte und ihrer Familien betreffen, ist die Stadt daran interessiert, hier für gute Bedingungen zu sorgen“, sagt Stadtsprecher Benedikt Spangardt. Trotz vieler Baustellen in diesem Bereich habe Lünen sicherlich auch einige gute Argumente, die für eine Ansiedlung in der Lippestadt sprechen. Als Beispiele nennt er das Freizeit- und Kulturangebot.

Bleibt vorerst nur zu hoffen, dass sich das unter den viel zu wenigen Medizinstudenten und niederlassungswilligen Ärzten herumspricht.

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