Im zweiten Teil unserer Serie zu den alten Filmen ist auch die Geschichte um den Film herum filmreif. Der Macher floh nach Rio de Janeiro. Zurück blieb nur das Fragment, das wir hier zeigen.

Lünen

, 25.11.2018, 05:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es war wie so oft: Am Anfang war alles gut. Ein halbes Jahr lang arbeitet Herbert Karl Theis zwischen März und Herbst 1959 am Stadtfilm „Zwischen Tradition und Fortschritt“. Die Bürger sehen ihn häufig. Am Schloss Schwansbell, in der Innenstadt, am Segelflugplatz. Plötzlich, so lässt sich in Zeitungsartikeln im Stadtarchiv nachlesen, ist Theis aber nicht mehr zu finden. Untergetaucht. Drei Monate braucht die Stadtverwaltung, um den Filmproduzenten aufzuspüren. Auf einem Bauernhof bei Bünde ist er da. Zu dem Zeitpunkt hat er aus Lünen schon 29.000 Mark Vorschuss erhalten, als Gesamtgage waren 41.000 Mark vereinbart worden. Eine Masche, über die auch andere Städte klagten.

DIE SERIE

ALTE FILME AUS LÜNEN

Die Stadt hat für einen Imagefilm eine DVD herausgebracht. Im Anhang: Historisches Filmmaterial aus Lünen. In einer Serie zeigen wir die spannendsten Filme. Die DVD ist - noch - im Info-Point im Rathaus zu haben. Der Vorrat ist allerdings begrenzt. Im nächsten Serienteil geht es um die Einweihung des Rathauses.

Das Geld jedoch hat er in der Zwischenzeit anders investiert. Von einer 14-Zimmer-Villa am Starnberger See ist die Rede, dann von einem „schweren amerikanischen Straßenkreuzer“. Theis stammte aus einer Bergmannsfamilie aus dem Ruhrgebiet und war in den 1950ern zunächst als Ein-Mann-Filmbetrieb aktiv, nachdem er 1947 aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückkehrte. Wenige Jahre später lebt er offenbar auf deutlich größerem Fuß. Klar ist: Mit dem Film wird es sobald nichts und die Stadt erstattet deshalb Anzeige. Erst auf Schadensersatz, später, wie viele andere Kommunen, wegen Betrugs. Im Juli 1960 ist das. Beim Dortmunder Oberstaatsanwalt wird eine Sammelklage aktenkundig, Gesamtschaden: rund 800.000 Mark.

Lünen 1959: Stadtfilmer dreht ein paar Szenen und flieht mit dem Geld nach Rio de Janeiro

Da war noch alles in Ordnung: Herbert K. Theis (Mitte) im Gespräch. © Fröhling

Die Staatsanwaltschaft wird auch tätig und stellt schließlich auch einen Haftbefehl aus. Nur in Haft kommt Theis nie. Denn am 8. Mai 1961 titeln die Lüner Ruhr Nachrichten: „Theis flüchtete auf dem Luftweg / Ehefrau mit ihm“. Theis ist in einen Linienflieger nach Rio de Janeiro gestiegen und lässt offene Rechnungen bei den Kommunen genau so wie Steuerschulden zurück. Die Staatsanwaltschaft stellt einen Auslieferungsantrag, kommt so aber auch nicht an Theis heran. Der nämlich flieht von Brasilien weiter nach Caracas, Venezuela. Er will einen Neustart, sich rehabilitieren, und versucht das auch mit einem Brief an verschiedene Zeitungsredaktionen. Sicher ist: Die Bundesrepublik hatte keinen Auslieferungsvertrag mit Venezuela. Theis ist erst einmal sicher.

In der Folgezeit wird es ruhiger um Theis. 1966 berichten die RN, dass Leser Theis in Lünen gesehen haben wollen. Die Polizei jedoch kann ihn nicht finden. Inzwischen sucht die internationale Polizeiorganisation Interpol schon weltweit nach ihm. Ohne Erfolg. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft erklärt heute, dass keine Akten mehr über Herbert Theis vorliegen. Betrug verjährt nach fünf Jahren - danach wird auch nicht mehr gefahndet. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe hat mal über Theis und seine Stadtfilme publiziert. Aber auch dort weiß keiner, was aus Theis geworden ist.

Der Film selbst

Die übriggebliebenen Fragmente geben trotz aller Turbulenzen drum herum einen spannenden Einblick ins Lüner Leben Ende der 50er-Jahre. 2000 Meter Negativ-Film lagen vor, von denen wiederum einige Sequenzen vorliegen, wie es aussieht vor allem von den Rollen 1 und 2 der insgesamt vier Rollen.

Zu sehen sind unter anderem

  • Einblicke ins damalige Geschwister-Scholl-Mädchengymnasium,
  • das Heinz-Hilpert-Theater, damals erst rund ein Jahr alt,
  • Eindrücke von der Ernte in Lippholthausen,
  • die Schlösser Buddenburg und Schwansbell,
  • das St.-Marien-Hospital von außen,
  • ein Spielplatz,
  • Arbeiten und Schiffsverkehr auf dem Kanal und im Preußenhafen,
  • das Schwimmbad Brambauer,
  • das Freibad Stadtmitte,
  • Segelflieger in den Lippewiesen,
  • ein Blick auf die damalige Innenstadt.
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