Liv Lisa Fries: „Wir befinden uns in einer Notsituation“

Babylon Berlin

Sie ist der Star der Erfolgsserie „Babylon Berlin“: Schauspielerin Liv Lisa Fries (29). Im Interview spricht sie über Charlotte Ritter, den Klimawandel – und über erarbeitete Natürlichkeit.

Berlin

von Imre Grimm

, 23.01.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 6 min
Liv Lisa Fries: „Wir befinden uns in einer Notsituation“

„Bekanntheit ist eine tückische Sache“: Liv Lisa Fries, Hauptdarstellerin aus „Babylon Berlin“: © dpa

Die dritte Staffel von „Babylon Berlin“ weicht keinen Millimeter von der Qualität der ersten beiden ab. Empfinden Sie das auch so?

Ich finde sogar, dass es noch dichter und konzentrierter wird. Es ist richtig gut geworden. Als hätte man wie beim Reiten den Sattel noch mal enger geschnallt. Es hat Stärke, es hat Druck. Bei der Teampremiere haben wir neulich alle gemeinsam im „Delphi Filmpalast“ in Charlottenburg alle zwölf Folgen hintereinander geguckt – von elf Uhr morgens bis elf Uhr abends mit allen Kollegen und der Crew. Das war krass. Und unglaublich toll.

Es sind ja auch Schauspieler dabei, die wir alle schon häufig gesehen haben: Lars Eidinger, Hannah Herzsprung, Benno Fürmann. Und es kommt ja vor, dass man sich an einem Gesicht mal satt sehen kann, mir passiert das sogar bei jemandem wie Robert de Niro. Aber ich bin so glücklich darüber, wie toll die spielen und wie neu man die plötzlich sieht.

Wie geht es denn mit Charlotte Ritter weiter?

Sie arbeitet jetzt bei der Polizei, sie ist Kriminalassistentin. Das heißt: Sie bewegt sich jetzt innerhalb dieses Systems. Das bedeutet: Sie kann nicht mehr so einfach die Klappe aufreißen und muss sich auch mal zurücknehmen. Wie es ihr damit geht und ob sie das so toll findet, wird sich in den nächsten Staffeln zeigen.

Liv Lisa Fries: „Wir befinden uns in einer Notsituation“

„Es ist schon ein Glück als Schauspieler, solche Texte geschrieben zu bekommen und solche Möglichkeiten zu erhalten“: Liv Lisa Fries als Charlotte Ritter (r.) in „Babylon Berlin“, mit Schauspieler Volker Bruch als Gereon Rath, © Frederic Batier/ARD/SKY/dpa

Kennen Sie denn schon den Fortgang der Dinge? Wissen Sie, wohin sich „Babylon Berlin“ am Ende bewegen wird?

Ich weiß grob, was Charlotte beschäftigen wird und in welche Milieus es geht. Die Frage ist ja als Schauspieler immer: Was muss man wissen über die Zukunft seiner Figur und was nicht? Im Leben weiß ich ja auch nicht, was kommen wird. Wenn die Regisseure einen Plan haben, muss ich als Schauspielerin gar nicht so genau wissen, wie die Geschichte sich fortsetzt. Und wenn ich beim Spielen schon mit bedenke, dass sich später herausstellen wird, dass eine Figur zum Beispiel gar nicht in ihre Familie gehört, dann darf das nicht so wirken, als wüsste ich schon ganz genau, was los ist. Dann muss es so aussehen, als hätte ich nur das diffuse Gefühl: Hier stimmt was nicht. Das ist eine künstlerische Gratwanderung.

Wie sehr sind Sie an der Ausgestaltung der Figur beteiligt?

Die drei Regisseure beziehen mich sehr viel ein, das finde ich toll. Und sie kennen mich ja auch gut. Sie wissen: Ich bin niemand, dem man irgendetwas besser nicht sagen sollte, weil sie dann anfängt, zu viel darüber nachzudenken. Ich habe ein gutes Gefühl für Intuition und Präzision. Diese Balance ist sowieso einer der wichtigsten Aspekte beim Spielen: Wo muss man sehr genau Sachen setzen – und wo muss es natürlich wirken und so, als würde man es eben nicht setzen?

Sie werden weltweit für genau diese präzise Natürlichkeit gefeiert. Ich zitiere: „Sie ist die ausgebuffteste und einnehmendste Figur der ganzen Show“, schreibt die „New York Review of Books“. „Sie spielt mit unbändigem Überschwang“, schreibt sie „Irish Times“. „Sie ist eine der besten Charakterschauspielerinnen in Europa“, schreibt die „Jerusalem Post“. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie so etwas hören?

Wow, da kriege ich richtig Gänsehaut. Ich freue mich richtig doll über so etwas. Ich finde es schön, weil ich mir viel Mühe gebe bei dem, was ich tue. Ich verbringe schließlich viel Zeit meines Lebens damit: Bei den ersten beiden Staffeln war es fast ein Jahr, bei der dritten ein halbes. Ich investiere also viel. Und natürlich bin ich auch ein bisschen stolz auf mich darüber, dass es so gut funktioniert und ineinander greift.

Das gilt auch für die Arbeit mit drei Regisseuren?

Ja. Meine Bewunderung und Liebe für die drei als Menschen und als Künstler nimmt immer mehr zu. Sie bieten mir ein großartiges Spielfeld, sie nehmen mich ernst, es ist die perfekte Grundlage. Es ist schon ein Glück als Schauspieler, solche Texte geschrieben zu bekommen und solche Möglichkeiten zu erhalten, eine so tiefe Figur mit so vielen Schichten zu spielen. Ich habe mich auch bei den dreien bedankt für diese immense Spielwiese. Wenn man ein solches Geschenk als Schauspielerin nicht annimmt, es ausschmückt und dabei alle Farben nutzt, die man in sich trägt, dann wäre das eine vertane Chance, die Komplexität der Menschen zu zeigen.

Birgt so viel Lob als Künstlerin nicht auch Gefahren?

Tatsächlich höre ich ja von sehr vielen Seiten, wie beliebt Charlotte ist, wie gut das alles ankommt. Das möchte ich auf gar keinen Fall ausnutzen. Das darf man nicht. Diese Natürlichkeit, die viele loben, muss ich immer wieder neu erarbeiten. Und es würde mich nicht interessieren, etwas Gutes einfach immer wieder zu reproduzieren. Ich muss es weiterentwickeln. Ich will mich nicht wiederholen, denn dann würde irgendwann auch die Natürlichkeit verschwinden.

Wenn man hier in diesem Hotel in den Fahrstuhl tritt, steht man zwischen zwei roten Kordeln auf einem roten Teppich, dazu blitzen Kameras auf. Der normale Hotelgast soll sich wie ein Star auf einer Gala fühlen. Das gilt allgemein als erstrebenswert. Stimmt der Eindruck, dass Ihnen die Begleiterscheinungen des Ruhms gar nicht so wichtig sind?

Das ist so. Bekanntheit ist eine tückische Sache. Und ich bin ich gar nicht sicher, ob alles, was damit einhergeht, in Wahrheit so erstrebenswert ist. Es ist schwierig, das zu erklären, weil dann der Eindruck entstehen könnte: Was will die denn? Das muss doch herrlich sein, so zu leben? Mein Leben sieht aber nicht immer glamourös aus. Ich fahre auch Fahrrad, gehe Einkaufen, muss mein Bad putzen und Wäsche waschen und den Müll runterbringen. Diese Instagram- und Illustriertenrealitäten sind ja oft nur Momente. Es ist alles sehr aufgebläht und euphorisch. Und das ist wirklich nicht das, worum es mir geht.

Diese Äußerlichkeiten sind aber integraler Bestandteil der ganzen Branche.

Das stimmt. Neulich haben wir hier in Berlin den Europäischen Filmpreis bekommen. Wir waren alle da, und es war wirklich eine sehr schöne Preisverleihung, auch wenn sie viel zu lang war. Drei Stunden – was soll das? Und ich freute mich wirklich für die drei Regisseure, und ich selbst habe ja auch schon einige Preise bekommen in meinem Leben.

Trotzdem saß ich da so und dachte: Braucht’s das denn? Braucht’s das alles? Ich will damit auf keinen Fall Undankbarkeit ausdrücken. Ich freue mich auch über Anerkennung. Aber mir bedeutet es einfach mehr, wenn mir jemand auf der Straße sagt, dass sie oder ihn meine Arbeit bewegt. Neulich sehr spät nachts in der S-Bahn ist ein Italiener einfach ausgeflippt, als er mich gesehen hat. Er hat gesagt, er guckt „Babylon Berlin“ im Original und lernt Deutsch damit. Der konnte es nicht fassen, mich dort zu sehen. Und das ist doch schön.

Liv Lisa Fries: „Wir befinden uns in einer Notsituation“

„Braucht’s das alles?“: Liv Lisa Fries (M.) mit ihren „Babylon Berlin“-Kollegen (v. l.) Hannah Herzsprung, Leonie Benesch, Volker Bruch, Benno Fürmann und Fritzi Haberlandt bei der Verleihung des 32. Europäischen Filmpreises im Haus der Berliner Festspiele im Dezember 2019. © dpa

Das bedeutet Ihnen mindestens so viel wie ein Preis?

Das ist doch wie ein Preis! Oder wenn Regisseure auf mich zukommen und mir sagen, sie wollen unbedingt mit mir arbeiten. Das ist toll. Aber ob es diese ganzen Events braucht? Oft denke ich: Da gibt’s doch viel wichtigere Dinge auf dieser Welt, um die wir uns dringend kümmern müssten. In meiner Wahrnehmung ist das eine komische Verschiebung von Werten im Kapitalismus. Das finde ich irritierend. Schauspieler gilt als wahnsinnig wichtiger und anerkannter Beruf. Alle finden das toll, alle beobachten uns genau. Aber es gibt doch so viele andere Berufe!? Ein Pfleger zum Beispiel kriegt keinen Preis. Der Beruf hat leider nicht diesen Stellenwert. Und das kann ich nicht nachvollziehen.

Sie nutzen Ihre Prominenz auch für gesellschaftliches Engagement, zum Beispiel bei „Fridays for Future“. Was bereitet Ihnen im Moment große Sorgen?

Mir macht der Klimawandel Sorgen – und dass politisch nicht genug dagegen unternommen wird. Greta Thunberg hat das neulich sehr gut ausgedrückt: Es wird behauptet, dass Dinge unternommen würden, es wird so getan, als würde zugehört – in Wahrheit aber geschieht gar nichts. Oder erst im Jahr 2030. Das bereitet mir Sorgen. Und was mir auch Sorge bereitet: dass jemand wie Greta dafür kritisiert wird, wenn sie nach drei Tagen unterwegs im Zug ein in Plastik verpacktes Lebensmittel isst. Das finde ich so schade, dass Menschen so sind.

Woher kommt bloß dieser Zorn?

Das hat etwas mit Bequemlichkeit zu tun. Und mit der Tatsache, dass Menschen sich aus ihren Gewohnheiten so ungern herausbewegen. Das erinnert mich an diese sozialen Experimente, bei denen Menschen eher bereit sind, Schmerzen auszuhalten, als aufzustehen und sich daraus zu befreien. Das finde ich psychologisch sehr interessant. Als Kind hat man noch diese träumerischen Berufswünsche wie Astronaut oder Erfinder – und irgendwann setzt dann die Vernunft ein. Das führt dazu, dass Menschen Berufe ausüben, die Ihnen womöglich gar keinen Spaß machen. Sie tauschen also Freiheit und Authentizität gegen Sicherheit.

Was hat dazu geführt, dass Sie auch zu politischen Themen Stellung nehmen?

Am liebsten würde ich das gar nicht tun. Ich bin keine Politikerin, ich bin keine Greenpeace-Aktivistin. Aber in unserer Gesellschaft ist es eben so, dass Menschen Schauspielern zuhören. Das finde ich nicht gut, aber so ist eben das System. Und damit habe ich auch ein Stück weit Verantwortung dafür, in der Notsituation, in der wir uns befinden, meine Stimme zu erheben.

Das Schwierige daran ist der Gegenwind, den man erhält: Was erzählt die denn? Die hat doch gar keine Ahnung, die soll erst mal drei Kinder kriegen und auf dem Land wohnen, dann will ich mal sehen, wie die mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt! Das ist ein berechtigter Einwand. In Berlin hat man natürlich das Gefühl, wahnsinnig viele Menschen leben vegan und fahren Fahrrad. Aber kaum fährt man ein bisschen weiter raus, kennen die Leute nicht mal mehr Hafermilch.

Vielleicht kommt die Skepsis mancher auch aus dem Gefühl, ihr eigener Lebensentwurf werde entwertet.

Aber mir geht es nur darum, Mut zu machen. Am Ende stellen wir vielleicht fest, dass es gar nicht so schlimm ist, nicht sieben Tage in der Woche Fleisch zu essen, wie manche Menschen glauben. Ich erinnere nur daran, dass es anders geht.

Wundern Sie sich manchmal über die Beharrungskräfte in der Gesellschaft?

Es gibt eben nicht das eine Richtige. Es gibt immer von allem etwas. Ich höre gern den Podcast „Paardiologie“ von Charlotte Roche und ihrem Mann. Die sprachen gerade über genau dieses Thema. Und sie sagte, dass sie offen sein will für alles, dass sie alles aufnehmen und mitkriegen will, was aktuell in der Welt passiert. Und er sagte: Ja, schon. Auch er wolle sich alles anhören – aber das bedeute nicht, dass er auch alles umsetzen will, was er hört. Das ist genau der Konflikt, den wir gerade erleben.

Liv Lisa Fries

  • Geboren 1990 in Berlin, gehört Fries zu den gefragtesten Schauspielerinnen in Deutschland. Seit Teenagerzeiten steht die Berlinerin vor der Kamera. Schon drei Jahre vor dem Abitur spielt sie 2006 an der Seite von Götz George in „Schimanski: Tod in der Siedlung“ eine sozial verwahrloste, abgezockte Minderjährige, danach ist sie mit Jürgen Vogel in „Die Welle“ und „Bis aufs Blut“ zu sehen.
  • Der große Durchbruch erfolgt 2010 mit ihrer Hauptrolle als gewalttätige, mordende Jugendliche im ARD-Drama „Sie hat es verdient“. Der Branchenneuling aus einer Wohngemeinschaft in Berlin-Pankow wird 2011 mit dem Günter-Strack-Fernsehpreis ausgezeichnet.
  • 2012 erhält Fries bei der Verleihung der Goldenen Kamera die Lilli-Palmer-&-Curd-Jürgens-Gedächtniskamera als beste Nachwuchsschauspielerin. Ihre spontane, tränenreiche Dankesrede rührt die Branche – wohl auch, weil sie im Widerspruch steht zu ihrer Darstellung tougher, vom Leben gebeutelter Frauen.
  • Mit der Rolle der jungen Bürohelferin Charlotte Ritter in „Babylon Berlin“, die anno 1929 unbedingt Kommissarin bei der Berliner Polizei werden und Verbrecher jagen will, stehen Fries nun auch international die Türen offen. Tom Tykwer, einer der drei Regisseure der Serie, hat größtes Lob für sie: „Liv Lisa Fries als Charlotte Ritter ist ein offenes Herz, scheinbar ein offenes Buch“, sagt Tykwer. „Und dann hat sie doch mehr Geheimnisse, als man denkt.“
  • Die Serie „Babylon Berlin“ ist ein gewaltiger globaler Erfolg – sie wurde in 100 Länder verkauft, in den USA ist sie bei Netflix zu sehen. Die dritte Staffel ist seit dem 24. Januar bei Sky abrufbar. Im Herbst 2020 ist sie in der ARD zu sehen.
  • Zuletzt war Fries in den Kinofilmen „Prélude“ und „Rakate Perelman“ zu sehen, im kommenden Jahr beginnen die Dreharbeiten zu Detlev Bucks Thomas-Mann-Verfilmung „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“. Fries spielt die Animierdame Zaza. Der Film soll 2021 in die Kinos kommen.
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