Lippen aufgespritzt: Instagram-Star muss ins Gefängnis

dzLandgericht Bochum

Über zwei Jahre spritzte eine Instagram-Influencerin Frauen aus ganz Deutschland Lippen und Nasen auf. Sie war ein Star, doch sie setzte die Frauen schweren Gefahren aus.

Bochum

, 13.11.2019, 18:47 Uhr / Lesedauer: 2 min

Auf Instagram war die junge Mutter aus Bochum ein echter Star. Über 100.000 Follower – ihre Bewunderer kamen aus ganz Deutschland. Sie arbeitete offenbar sehr emsig - und die Bilder ihrer Arbeit machten Furore.

Doch jetzt ist die 29-Jährige verurteilt worden. Die Strafe: vier Jahre Haft. Die Angeklagte hatte 2017 damit begonnen, Lippen und Nasen mit Hyaluronsäure aufzuspritzen. Erst in ihrem Wohnzimmer, dann in einer zu einer Art Praxis umgebauten Wohnung, später auch in Hotelzimmern. Die Fotos, die vor und nach der Behandlung entstanden sind, wurden auf Instagram zum Renner.

Richter: „Arbeiten wie im Akkord“

Wie viele Frauen die 29-Jährige bis Anfang 2019 behandelt hat, ist nicht ganz klar. „Man hat den Eindruck, dass Sie manchmal wie im Akkord gearbeitet haben“, sagte Richter Dirk Reitzig bei der Urteilsbegründung.

Bezahlt wurde bar – bis zu 300 Euro pro Hyaluroneinsatz. Das Finanzamt erfuhr von alledem nichts. Die Einnahmen sollen sich laut Urteil auf über 300.000 Euro belaufen haben. Wo das Geld geblieben ist, ist unklar. Bei Durchsuchungen war nur ein bisschen gefunden worden – dazu Schmuck und ein Sparbuch.

Weder Heilpraktikerin noch Ärztin

Dass die 29-Jährige die Spritzen-Behandlungen nicht vornehmen durfte, war ihr bewusst. Sie war schließlich weder Ärztin noch Heilpraktikerin, sondern gelernte Frisörin.

Das Bochumer Ordnungsamt war schon ziemlich am Anfang auf die Angeklagte aufmerksam geworden. Im vergangenen Jahr gab es sogar eine erste Verurteilung. Doch das sei alles an ihr abgeprallt. „Sie haben die Warnschüsse nicht gehört“, so Richter Reitzig. „Sie haben alles dem Reichtum untergeordnet und dadurch am Ende ihre Freiheit verloren.“

Komplikationen bei über 30 Frauen

Bei über 30 Patientinnen war es zu Komplikationen gekommen. Im Urteil war von Schwellungen und Knubbeln die Rede. „Sie können froh sein, dass nicht mehr passiert ist“, so Reitzig. „Das Wort Hygieneverordnung war offenbar ein Fremdwort für Sie.“ Es sei nicht steril gearbeitet worden. Die Angeklagte habe weder einen Arztkittel noch einen Mundschutz getragen. Auch Aufklärungsgespräche hätten nicht stattgefunden.

Wie gefährlich das Lippen-Aufspritzen sein kann, hat ein Gutachter erklärt. Hautbereiche könnten absterben, auch Erblindungen seien möglich.

Influencerin erwartet ihr zweites Kind

Nach dem Urteil ist die 29-Jährige trotz der hohen Verurteilung erst einmal aus der Haft entlassen worden. Sie ist hoch schwanger, erwartet Ende November ihr zweites Kind. Dass soll die Bochumerin nun in Freiheit zur Welt bringen. Danach muss sie zurück ins Gefängnis, um die Haftstraße zu verbüßen.

Der parallel verlaufende Strafprozess gegen eine Cousine der 29-Jährigen wird noch weiter fortgesetzt. Auch ihr werden illegale Schönheitsbehandlungen mit Hyaluron vorgeworfen. Sie befindet sich bereits seit rund einer Woche auf freiem Fuß, nachdem ihre Familie dem Finanzamt 100.000 Euro auf die Steuerschuld überwiesen hatte. Auch sie ist geständig.

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