Schwimmer plötzlich ohne Cheftrainer - Lambertz hört auf

Nach der Präsidentin hört überraschend auch der Chefbundestrainer der deutschen Schwimmer auf. Der Herzschmerz bei Henning Lambertz und den Töchtern war einfach zu groß. Nach zwei olympischen Nullnummern muss sich die Nationalmannschaft auf dem Weg nach Tokio neu aufstellen.

20.12.2018 / Lesedauer: 3 min

Tränen sind wegen der deutschen Schwimmer im Hause des Chefbundestrainers genug geflossen. Nach sechs Jahren hört Henning Lambertz überraschend zum Jahresende auf, Familie statt Leistungssport in vorderster Reihe lautet die Entscheidung des 48-Jährigen.

„Ein fürsorglicher Familienvater und guter Cheftrainer zu sein, ist kaum möglich“, sagte Lambertz. „Ich habe zwei kleine Töchter zuhause, bin aber über die Hälfte des Jahres nicht bei ihnen. So sollte es nicht sein und so möchte ich nicht weitermachen. Es sind genug Tränen in den letzten Jahren geflossen, jetzt müssen Zeiten der Freude und des familiären Glückes deren Platz einnehmen.“

Dass sich Lambertz mehr um Line (7 Jahre) und Rubi (1) kümmern möchte, bringt dem Deutschen Schwimm-Verband das nächste Dilemma. Der Verband muss nicht nur einen Nachfolger für die vor knapp zwei Wochen zurückgetretene Präsidentin Gabi Dörries suchen, sondern auch die Betreuung der Nationalmannschaft neu aufstellen. Die WM im Sommer in Gwangju in Südkorea naht, bei Olympia 2020 in Tokio muss der DSV nach zwei olympischen Nullnummern wieder liefern. Die Aufgaben sollen auf mehrere Schultern verteilt werden. Die Nachfolger müssen die weit fortgeschrittenen Vorbereitungen nun fortführen.

Das war schon einmal der Fall, nach dem Ende von Dirk Lange als Bundestrainer Ende 2011 und vor der Beförderung von Lambertz zum 1. Januar 2013. Damals hatte Lambertz als großes Ziel die Rückkehr in die Weltspitze in Tokio ausgerufen. Ein ehrgeiziges Projekt, bei dem nach den Schwimm-Europameisterschaften 2018 mit zweimal Gold, zweimal Silber und viermal Bronze eine positive Zwischenbilanz gezogen werden durfte. Doch olympisches Edelmetall ist noch in weiter Ferne.

Auch die schwierige Situation im durch den Fußball dominierten deutschen Sport spielte im Abwägungsprozess von Lambertz offenbar eine Rolle. „Am Ende wurde das Leid der Kinder immer größer und die Aussicht auf Erfolge durch die Probleme im deutschen Sport immer geringer. Die Schere ging immer weiter auseinander und deshalb musste eine Entscheidung her. Und diese Entscheidung kann ja nicht gegen die Familie fallen“, sagte Lambertz der Deutschen Presse-Agentur.

Den letzten Ausschlag für seine Entscheidung gab es kürzlich. „Nach den zwei Wochen in Japan wegen Trainingslager und Weltcup war ich zur Freude der Kinder gerade wieder zu Hause, als ich einige Tage später wieder zur Kurzbahn-WM nach China aufbrechen musste. Rubi kann zwar noch nicht richtig sprechen, aber sie hat sich in meinen Koffer gesetzt und gesagt, Papa bleib, Papa bleib“, schilderte Lambertz den einprägsamen Moment.

Aber auch das Ende der Amtszeit von Dörries spielte beim Schritt des 48-Jährigen eine Rolle. „Letztlich war der Rücktritt von Gabi Dörries der Moment, der mich in meiner Entscheidung nochmals bestärkt hat“, sagte Lambertz. Sechs Jahre lang waren Dörries, erst als Vorsitzende der Fachsparte Schwimmen, zuletzt als Präsidentin, und Lambertz ein Team. Er sah sie als „Freundin und Mentorin“, ohne die er sich viele Visionen nicht mehr vorstellen könne, führt Lambertz aus.

Dörries hatte bei ihrem Rücktritt die Konsequenzen aus dem Verlauf des Verbandstages gezogen. Die von ihr angeschobene Erhöhung der Mitgliederbeiträge als wesentlicher Bestandteil ihrer Reform konnte bei der Versammlung nicht durchgesetzt werden.

Die EM in diesem Jahr, die „echt gute“ Heim-EM 2014 in Berlin und das WM-Jahr 2015 in Kasan sind für Lambertz die Highlights seiner Amtszeit. Jetzt will er sich „erstmal ein bisschen Zeit nehmen“, um über die berufliche Zukunft nachzudenken. Ein Platz in der zweiten Reihe an einem Stützpunkt oder in einem größeren Verein fände er reizvoll.

Der DSV versteht den Schritt seines wichtigsten Trainers. „Die Entscheidung kann ich aus den mit Henning Lambertz geführten Gesprächen nachvollziehen, da ich selbst einmal als Familienvater von zwei Kindern dem Leistungssport für eine Weile den Rücken gekehrt habe“, sagte Thomas Kurschilgen, Direktor Leistungssport im DSV. Kurschilgen selbst ist erst seit September im Amt.

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