Kurioser Fall: Alte Linde fiel mitten auf Viktoriastraße - aber wer ist verantwortlich?

dzAlter Baum einfach gefällt

50 Jahre stand sie an der Viktoriastraße. Dann war die Sommerlinde plötzlich verschwunden. Wer den Baum hat fällen lassen, ist unklar. Der Fall wurde vorm Amtsgericht verhandelt.

von Sylvia Mönnig

Lünen

, 30.01.2020, 15:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Den Anblick dürfte ein 48-jähriger Mann aus Lünen so schnell nicht vergessen. Am Abend des 16. November 2018 sah er, wie der Stamm des mächtigen alten Baumes mitten auf die Straße fiel – ohne Vorwarnung, ohne Sicherungsmaßnahmen.

Erst danach, so schilderte es der Zeuge später, sei ein Mann auf die Fahrbahn gelaufen, um den Verkehr zu stoppen. Schnell stellte sich heraus, dass die Sommerlinde mit einem Wert von etwa 5000 Euro und im Baumkataster als Baum 430 aufgeführt, rechtswidrig gefällt wurde.

Handwerker sollte nur Zweige wegschneiden

Und der Verdacht fiel auf eine Hausbesitzerin in der direkten Umgebung. Denn auf ihrem Grundstück fehlten zeitgleich ebenfalls Bäume.

Mitte Januar begann vor dem Amtsgericht der Prozess wegen Sachbeschädigung gegen die 31-Jährige. Sie betonte, keinesfalls einen derartigen Auftrag erteilt zu haben.

Sie habe lediglich den Handwerker, der Fassaden- und Pflasterarbeiten für sie erledigt habe, gefragt, ob er Jemanden habe, der die Zweige auf ihrem Grundstück, die gegen Fenster schlagen würden, beschneiden könne. Er habe ihr daraufhin gesagt, dass ein Bekannter den Job übernehmen könne.

„Was habe ich mit der Straße zu tun?“

Vom Fällen sei keine Rede gewesen – schon gar nicht, was die Sommerlinde betreffe. Am fraglichen Tag habe sie sich nicht in Lünen aufgehalten und bei ihrer Rückkehr eine bitterböse Überraschung erlebt. „Was habe ich mit der Straße zu tun?“ Und ihr Verteidiger fügte hinzu: „Der Baum stand auch nicht im Weg.“

Nun wurde die Verhandlung mit der Befragung weiterer Zeugen fortgesetzt – unter ihnen Hans-Rudolf Tintelott, der als Mitarbeiter der Stadt Jahrzehnte für die Bäume in Lünen zuständig war. Er zeigte sich fassungslos: „Das habe ich in 28 Jahren nicht erlebt, dass der ganze Baum weg war.“ Er brachte das Ganze auf den Punkt: „Das war alles ein bisschen dubios.“

Aufklärung erwies sich als schwierig

Auch äußerte er die Hoffnung, dass der Fall aufgeklärt werden könne. Doch genau das erwies sich als schwierig. Der Handwerker, der für die Lünerin tätig war, konnte nur sie entlasten. Sie habe nur vom Beschneiden der Bäume auf ihrem Grundstück geredet. Den Namen des Freundes seines Freundes, der die Bäume einfach gefällt habe, kenne er nicht.

Aus Sicht des Gerichts stand letztlich jedenfalls nicht fest, dass die 31-Jährige dafür verantwortlich war. Sie wurde freigesprochen. „Der Baum ist weg, keiner war es. Und wir können jetzt nicht einfach die Angeklagte verurteilen“, so das treffende Fazit von Richter Ulrich Oehrle.

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