Seit er 14 ist, geht Dieter Partmann zum Melken in den Stall. Damit ist Schluss, der Milchbauer gibt den Betrieb auf - kein Einzelfall. Partmann sagt: Auch der Verbraucher hat mitentschieden.

Schwerte

, 07.10.2018, 05:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Es dauert keine Minute, da ist Dieter Partmann auf der Weide von seinen 30 Kühen umgeben, einige stupsen den Landwirt freundlich an: Es ist eine idyllische Szene, wie man sie sich wünscht, wenn man sich als Verbraucher mal Gedanken macht, wo die Milch im Glas eigentlich herkommt. Auf dem Hof zwischen Schwerte und Holzwickede wird man diese Szenen nur noch bis Ende des Monats beobachten können. Dann gibt der 55-Jährige seine Milchviehhaltung auf – sehr schweren Herzens.

„Die Tiere sind einfach mein Ding“, sagt er, und das glaubt man dem Mann, der während des Gesprächs inmitten seiner Herde immer mal wieder einer der Kühe die Hand zum Schnuppern hinhält, ein Ohr krault oder über den Rücken streicht.

Allem Herzblut zum Trotz, Dieter Partmann muss aber auch zugeben: „Ich kann die Auflagen nicht mehr erfüllen.“ Akut werde das nun in der kalten Jahreszeit – dann ziehen seine Kühe von der Weide in den Stall um. „Die Luft- und Lichtverhältnisse sind in alten Ställen natürlich nicht mehr so, wie das in neuen Ställen der Fall ist. Auch für die Mist- und Futterlagerung über den Winter gibt es neue Standards“, sagt Dieter Partmann. Das Veterinäramt habe ihn besucht und ihm den Ratschlag gegeben, die Tiere nicht mehr in diesem Stall unterzubringen.

Im Endeffekt müsse er sich entscheiden: Entweder er baut neu oder er gibt seine Tiere ab, so Partmann. „Ein Umbau geht in die Hunderttausende, das gibt die wirtschaftliche Lage nicht her.“ Ein Nachfolger für den 55-Jährigen, der den Hof allein führt, ist nicht in Sicht. Hohe Kredite aufzunehmen, das mache keinen Sinn. Vor zehn Jahren hatte er noch überlegt, einen neuen Stall zu bauen. „Aber das ließ sich finanziell einfach nicht realisieren.“

Kontrollen durch das Veterinäramt

Zum konkreten Fall äußert sich Constanze Rauert, Pressesprecherin des Kreises Unna nicht. Sie erklärt aber, wie das Veterinäramt vorgeht, wenn es landwirtschaftliche Betriebe überprüft. „Es gibt drei Prüfsäulen: Tierschutz – also Luft, Licht, Wasser und Größe des Stalls –, außerdem die Gesundheit der Tiere und der Einsatz von Arzneimitteln.“ Gebe es in einem der Bereich Auffälligkeiten sehe man sich auch als Berater, „um dafür zu sorgen, dass jemand mit seinem Betrieb in der Spur bleibt“. Man schaue, was man verändern müsse, vermittle auch zu sachkundigen Stellen. In manchen Fällen müsse man konkrete Auflagen machen, manchmal reiche auch ein Hinweis und die Sache sei erledigt.

Immer wieder neue Anforderungen an die Haltung der Tiere, dazu die niedrigen Milchpreise. Besonders für kleine Betriebe sei das existenzbedrohend. „Das ist ja das Paradoxe, dass es ausgerechnet die kleinen Betriebe, die bei den Leuten gut angesehen sind, trifft. Kleine Bäcker, Metzger, Tante-Emma-Läden – die sind schon weg. Jetzt trifft es die Landwirtschaft. Ich bin das kleinste Glied in der Kette, die Supermärkte geben den Preisdruck an den Landhandel, die Molkereien weiter und die an uns. Weil der Verbraucher nicht mehr zahlen will, muss man auf Masse setzen. Der Bezug zum einzelnen Tier geht verloren.“

Die wirtschaftlich schwierige Lage bestätigt Ortslandwirt Bernd Schulte: „Die Betriebe mit dem Betriebszweig Milchviehhaltung haben die letzten Jahre bedingt durch die niedrigen Milchpreise keine Reserven erwirtschaften können.“ Er und Partmann sind sich einig: Auch größere Milchviehhalter haben Probleme, für die kleinen Höfe wird es aber zuerst existenzbedrohend.

Ein großes Problem sei der Preisdruck, den der Lebensmitteleinzelhandel aufbaue: „Die wollen billige Preise machen, um Kunden in den Laden zu locken.“ Und dieser Preisdruck treffe letztlich die Landwirte. 34 Cent bekommt Dieter Partmann aktuell für den Liter Milch. Vor zwei Jahren während der Milchkrise waren es gerade mal gut 20 Cent. „Eigentlich müssten es 50 Cent sein“, sagt der Landwirt. Damit man davon leben und auch investieren könne.

„Der Verbraucher entscheidet mit seinem Einkaufsverhalten. Ich bin nicht weltfremd, ich weiß, dass es auch Menschen gibt, die jeden Cent dreimal umdrehen müssen.“ Aber für viele sei es möglich, mehr für Lebensmittel zu bezahlen.

Milchbauern stehen wirtschaftlich unter Druck

Und das wäre eigentlich nötig: Denn auch wenn der Milchpreis aktuell höher ist als während der Milchkrise, wirtschaftlich schwierig sei die Lage weiterhin, so Thomas Forstreuter, Referent für Milchwirtschaft beim Westfälisch-Lippischer Landwirtschaftsverband: „Die Milchbauern kommen aus langer schwerer Krise, in diesem Jahr hatten wir die Sommerdürre, dadurch wird das Futter teuer.“

Betriebe mit wenigen Tieren, also maximal 50 Kühe, würden es zukünftig schwer haben, so Forstreuter. Dabei seien es eigentlich Betriebe wie der von Dieter Partmann, die der Verband voll unterstütze: „Weidehaltung ist gut für das Tier und für das Image“, so Forstreuter.

Kleine Betriebe finden nur schlecht Nachfolger

Aber Nachfolger für solche Betriebe, in denen noch wenig automatisiert läuft, finde man kaum. Die Erfahrung hat auch Dieter Partmann gemacht: Seinen Hof wird niemand weiterführen. Denn die Tierhaltung macht viel Arbeit: In den warmen Monaten führt Partmann die Tiere zweimal täglich von der Weide zum Melken in den Stall. „365 Tage im Jahr, alle 12 Stunden, da muss man Idealist sein“, sagt der Landwirt.

Während des Winters hält er seine Kühe in der sogenannten „Anbindehaltung“ – jede Kuh hat einen festen Standplatz, ist dort angebunden. Zum Melken geht er einzeln von Kuh zu Kuh. Viel Arbeit, ein harter Job - und das Ansehen dieser Haltungsmethode nimmt ab. „In 15 bis 20 Prozent der Betriebe in NRW gibt es noch Anbindehaltung in Kombination mit Weidehaltung. Das ist gesetzlich auch völlig in Ordnung, weder verboten noch verpönt“, so Frostreuter.

Kühe, in liebevolle Hände abzugeben: Warum ein kleiner Milchbauer seinen Betrieb aufgibt

Bei der Anbindehaltung sind die Kühe an ihrem Platz angebunden. Das Foto zeigt einen Stall in Baden-Württemberg. Den Stall von Dieter Partmann durften wir nicht fotografieren. © picture alliance / Patrick Seege

Allerdings sagt der Verbandsvertreter auch: „Anbindehaltung wird von einem breitem Teil der Gesellschaft nicht mehr akzeptiert.“ Zudem sei diese Art der Haltung auch in den Fokus des Handels und der Molkereien geraten.

Das weiß auch Dieter Partmann. Bevor er uns bei unserem Besuch die Herde auf der Weide zeigt, führt er uns in den Stall. Fotos sollen hier aber nicht gemacht werden. „Früher war diese Haltung ganz normal“, sagt er, als er erklärt, wie die Tiere im Stall untergebracht sind.

Kühe stehen in Anbindehaltung in altem Stall

Aber es lässt sich auch nicht übersehen: Der Stall ist eben alt. Neue, moderne Laufställe, in denen sich die Kühe innerhalb der verschiedenen Bereiche zum Fressen, Liegen und Melken bewegen können, machen auf Besucher sicher einen besseren Eindruck. „Aber es ist alles sauber“, betont Partmann, als er auf die Schläuche klopft, durch die die Milch fließt. Die Milch werde regelmäßig kontrolliert. Und seine Tiere seien gesund.

Und auch Thomas Forstreuter sagt: „Seine Kühe werden folgende Geschichte erzählen.“ Nur wenn sie gesund gehalten werden, geben sie entsprechende Milchmengen. „Wenn der Betriebsleiter sich gut um die Tiere kümmert, geht es den Tieren auch in Anbindehaltung gut. Und andersrum können Kühe auch in einem modernen Stall krank werden.“

Kühe, in liebevolle Hände abzugeben: Warum ein kleiner Milchbauer seinen Betrieb aufgibt

Die Kühe von Dieter Partmann werden in den warmen Monaten auf der Weide gehalten. © Bernd Paulitschke

Wie und vor allem wo die Kühe von Dieter Partmann künftig gehalten werden, steht noch nicht fest. Noch sucht er nach einem Käufer. „Sie sollen in gute Hände kommen. Es wird aber schwierig werden, einen Käufer zu finden. Aufgrund der Trockenheit haben die Kollegen auch relativ wenig Futter. Die trennen sich eher von Tieren, als weitere zuzukaufen.“

Wie genau es für Dieter Partmann ohne seine Kühe weitergeht, weiß er noch nicht. Wahrscheinlich ist er dann nur noch Landwirt im Nebenerwerb. Den Getreideanbau will er beibehalten. Lässt es sich davon besser leben? 2017 waren die Preise schlecht: „Für den Erlös von 100 Kilo Getreide konnte ich beim Bäcker zwei Brote und zehn Brötchen kaufen.“

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