Knappschaftsärzte lernen vor 45 Jahren die Zeche Werne kennen

dzAbschied vom Bergbau

Knappschaftsärzte gibt es im Ruhrbergbau seit 250 Jahren. Sie sind die Mediziner der Kumpel. Da gehört es dazu, die Arbeitswelt unter Tage kennenzulernen. Ein Zeitzeugenbericht.

Werne

, 22.10.2018, 18:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das System der Knappschaftsärzte war auf die besonderen Bedingungen des Bergbaus zugeschnitten. Der Knappschaftsarzt war quasi der Hausarzt des Bergmannes. Seine Aufgaben reichten von der Einstellungsuntersuchung bis hin zur Begutachtung bei der Rente.

„Kenntnis der erforderlichen Geräthschaften“

Für die Erfüllung seiner Aufgaben wurde vorausgesetzt, „daß jeder Knappschaftsarzt die wesentlichen bergmännischen Arbeiten, die Arbeitsstätten, die erforderlichen Geräthschaften und die zu bearbeitenden Gegenstände (...) kennt“, wie es in dem 1978 erschienenen Büchlein von Hubert Wrede „Die Geschichte es Knappschaftsarztes an der Ruhr“ heißt.

Grubenfahrt der Knappschaftsärzte in Werne

Getreu diesem Motto fand Anfang der 1970er Jahre auf der Zeche Werne eine Grubenfahrt mit diesen Medizinern sowie ihren Ehefrauen statt. Mit dabei: Ingrid Corbeck (85), Ehefrau des damaligen und mittlerweile verstorbenen Knappschaftszahnarztes Dr. Ernst Corbeck.

Diese Grubenfahrt hat auf Ingrid Corbeck einen bleibenden Eindruck hinterlassen, den sie für unsere Serie „Abschied von Bergbau“ schildert.

Knappschaftsärzte lernen vor 45 Jahren die Zeche Werne kennen

Gute Laune trotz anstrengender Untertage-Erkundung: Ingrid Corbeck. © Archiv Corbeck

“Vor ca. 45 Jahren wurden die Knappschaftsärzte und -zahnärzte mit einem herzlichen ‚Glückauf‘ eingeladen, mit ihren Ehefrauen in die Grube einzufahren, um ihre Patienten einmal vorort bei der Arbeit zu erleben und die Gefahren, denen sie ausgesetzt sind, zu sehen, damit die Ärzte ein besseres Verständnis für ihre Patienten bekommen.

Nach einer Begrüßung und einer kurzen Einführung wurden wir in der Kaue eingekleidet: Die viel zu weite Bergmannshose wurde mit einem Ledergürtel rutschfest gemacht, dann erhielten wir noch eine dicke Jacke, ein Paar Stiefel mit Wadenschutz, einen Helm und eine kleine Lampe.

Mit einem ratternden Fahrstuhl in die Tiefe des Bergwerks

Mit einem ratternden Fahrstuhl ging es etliche hundert Meter in die Tiefe. Dort in der Dunkelheit stand eine kleine Eisenbahn bereit. Mit dieser fuhren wir einige Kilometer unter der Erde weiter.

Neben der Dunkelheit spürten wir die große Wärme, die wir so nicht erwartet hätten. Noch eine weite Strecke mussten wir dann zu Fuß zurücklegen, teilweise durch enge Gänge, teilweise durch einen hallenartigen Raum, der belüftet wurde.

Von weitem hörten wir ein lautes Jaulen. Es stammte von den mit hydraulischer Kraft zu setzenden Stempeln, die das Hangende abstützen. Als wir näher kamen, wurde der Lärm immer lauter, der Gang immer enger, der Boden immer steiniger.

Knappschaftsärzte lernen vor 45 Jahren die Zeche Werne kennen

Einige der Knappschaftsärzte und ihre Frauen nach der Grubenfahrt auf der Zeche Werne Anfrang der 1970er-Jahre. Ingrid Corbeck ist als 3. v. l. zu sehen, ihr mittlerweile verstorbener Mann Dr. Ernst Corbeck 3. v. r. © Archiv Corbeck

Schließlich waren wir Vorort: Ein riesiger Kohlenhobel, der von dicken Ketten gezogen wurde‚ bohrte sich in das Flöz. Die abgelösten Kohlebrocken oder Gesteinsbrocken fielen auf ein Laufband, Bergleute trennten die Kohle von den Steinen. Die Kohlenstücke wurden mit dem Laufband zu einer mit Metallzähnen ausgestatteten Maschine transportiert, die die dicken Brocken zerkleinerte. Die kleingehackte Kohle wurde dann in Loren weitertransportiert.

Bergmann auf den Knien mit einem Presslufthammer

Der aufwirbelnde Staub und die schwache Beleuchtung machten die Sicht fast undurchsichtig. Ein paar Schritte weiter lag ein Bergmann auf den Knien, der mit einem Presslufthammer einen Gang in eine Gesteinswand bohrte.

Es herrschte hier unten ein ohrenbetäubender Lärm: Das Jaulen der Hydraulik, das Rattern des Kohlenhobels, das Klirren der eisernen Ketten, das Scheppern des Laufbandes und das Getöse des Presslufthammers, dazu die große Wärme, die Dunkelheit, der dichte Staub.

Knappschaftsärzte lernen vor 45 Jahren die Zeche Werne kennen

Der Werner Zahnarzt Dr. Ernst Corbeck (r.) mit einem weiteren Mediziner nach der Gruppenfahrt. © Archiv Corbeck

Wir erkannten die Gefahren der Menschen, die hier unten ihre Arbeit über viele Stunden verrichten müssen: Das mögliche Einstürzen des Hangenden über uns und seitlich von uns, der gefährliche Umgang mit den Maschinen, die gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch den Ruß und die große Wärme, das Eindringen von Wasser oder Methangas.

Der Bergmann, der uns führte, erzählte uns, dass kürzlich ein Arbeitskollege in die Zerkleinerungsmaschine gefallen sei und auf schreckliche Art ums Leben gekommen sei.

Großer Durst quälte nach der Grubenfahrt

Nach der Rückfahrt quälte uns großer Durst und wir waren dankbar, als wir wieder das Tageslicht erblickten und uns Getränke angeboten wurden. Auch ein warmes Bad hatte man für uns vorbereitet.

Unsere Grubenfahrt war ein sehr eindrucksvolles Erlebnis. Mitgenommen haben wir aus der Grube eine große Hochachtung vor den Bergleuten, die diese schwere körperliche Arbeit in der Wärme, in dem Staub und in dem ohrenbetäubenden Lärm Untertage über Stunden täglich leisten müssen.“

Ingrid Corbeck, Oktober 2018

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