Appelle auf Kirchentag für mehr Klimaschutz

Am Tag drei des Evangelischen Kirchentags in Dortmund steht der Klimaschutz im Mittelpunkt. Wissenschaftler, Kirche, Aktivisten fordern mehr Engagement im Kampf gegen die folgenschwere Erderwärmung. Und zwei Umweltministerinnen rufen um Hilfe.

21.06.2019 / Lesedauer: 3 min
Appelle auf Kirchentag für mehr Klimaschutz

Besucher strömen in beide Richtung durch eine der zentralen U-Bahn Haltestellen nach der Westfalenhalle. Foto: Bernd Thissen

Klimaschützer, Wissenschaftler und Aktivisten haben auf dem Evangelischen Kirchentag mit dramatischen Appellen zu mehr Anstrengungen gegen die folgenschwere Erderwärmung aufgerufen. „Wir haben 30 Jahre verloren“, sagte Klimaexperte Hans Joachim Schellnhuber am Freitag in Dortmund. Deutschland müsse bis 2040 eine komplette Abkehr von der Kohle vollziehen, betonte der frühere Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. CO2 solle möglichst schnell und hoch besteuert werden. Der CO2-Ausstoß müsse weltweit jedes Jahrzehnt halbiert, der Raubbau an der Natur gestoppt werden. „Wir sind in einer existenziellen Krise“. 

Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) kündigte an, die Energieversorgung in Deutschland werde neu organisiert, der Ausstieg aus der Kohleverstromung komme. „Ich sorge mit dem Klimaschutzgesetz dafür, dass jetzt endlich gehandelt wird.“ Klar sei: „Wir müssen den Lebensraum Erde erhalten.“ Mit dem angestrebten Gesetz wolle sie die derzeitige und alle nachfolgende Regierungen bei der Reduzierung der CO2-Emissionen verpflichtend binden.

Eine Klimaschutzaktivistin der Bewegung „Fridays for Future“ sagte, es sei „nahezu lächerlich“, das geplante Gesetz als Erfolg verkaufen zu wollen. Deutschland werde seine Klimaschutzziele klar verfehlen - mit dramatischen Folgen. Christoph Bals von Germanwatch kritisierte, der dringend nötige Windenergie-Ausbau stocke bundesweit und auch in NRW.

Nordrhein-Westfalens Umweltministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) rief vor vielen hundert Zuhörern: „Wir sind in unseren Kabinetten immer die Spaßverderber.“ Klimaschutz sei nicht nur Sache der Umweltminister, sondern liege auch in der Verantwortung der Ressorts für Wirtschaft, Verkehr oder auch Landwirtschaft. „Unterstützen sie uns“, bat sie das Publikum. Auch Schulze sprach von einer anstehenden großen Transformation, die viele Bereiche wie Verkehr oder Gebäudesanierung betreffe. Es brauche auch Unterstützung aus der Bevölkerung. Zuhörer forderten, die Bundesregierung solle den Klimanotstand ausrufen. 

Schellnhuber warnte, die weltweite Klimaerwärmung werde um drei Prozent zunehmen, wenn alle Länder so agierten wie Deutschland. Aber schon bei zwei Grad werde voraussichtlich das arktische und antarktische Eis schmelzen. Es sei zu befürchten, dass Florida, Teile Großbritanniens und viele ostasiatische Städte mit insgesamt zwei bis drei Milliarden Betroffenen dann versinken würden. 

Weltweit soll der Temperaturanstieg nach dem Pariser Klimaschutzabkommen bei 1,5 Grad gestoppt werden - im Vergleich zur vorindustriellen Zeit. UN-Klimachefin Patricia Espinosa hatte aber jüngst betont, dass es zu einer Erhitzung um drei Grad kommen werde, wenn es bei den unzureichenden Zusagen der Länder bleibe. Beim nächsten Weltklimagipfel in Santiago de Chile im Dezember muss es nach Experten-Einschätzung deutliche Bewegung geben.

Schellnhuber nannte es „skandalös“, dass sich der EU-Gipfel am Donnerstag nicht auf ein neues Ziel im Kampf gegen die globale Erwärmung einigen konnte. Eine Festlegung auf 2050 für eine „klimaneutrale“ EU - ein Vorschlag Frankreichs, den Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ausdrücklich unterstützte - scheiterte unter anderem an Polen, Ungarn und Tschechien, die sich gegen ein verbindliches Zieldatum wehrten. In einem EU-Sondergipfel müsse noch 2019 unbedingt die „Netto-Null“ bis 2050 beschlossen werden, mahnte Schellnhuber. Mit Entbehrung habe Klimaschutz nichts zu tun, er führe zu Wirtschaftswachstum und erhöhe die Lebensqualität.  

Parallel zum Kirchentag kamen in Aachen viele Tausend Anhänger von „Fridays For Future“ aus 16 Ländern zu einem zentralen internationalen Klimastreik zusammen. Und in Dortmund machten pilgernde Klimaaktivisten Druck auf die Politik mit einer Resolution, in der unter anderem verlangt wird, mindestens die Hälfte der Kohlekraftwerke bis 2025 abzuschalten. Die „Netto-Null“ müsse bis 2035 umgesetzt sein.

Die Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, Annette Kurschus, sagte zu, man werde den „kirchlichen Klimaschutz“ verbessern. Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau (SPD) hob hervor, seine Stadt sei Beweis dafür, dass es „ein Leben nach der Kohle gebe“ - mit heute mehr Arbeitsplätzen als zu Kohlezeiten.

Am Tag drei des Glaubensfests in der Ruhr-Metropole ging es auch um Gerechtigkeit - 30 Jahre nach dem Mauerfall. Familienministerin Franziska Giffey (SPD) - sie stammt aus Ostdeutschland - appellierte, den „Jammermodus“ zu verlassen und in Deutschland stolz auf das Geleistete zu sein. Am Samstag werden Merkel und Außenminister Heiko Maas (SPD) erwartet. Das Großereignis bis Sonntag mit mehr als 100 000 Teilnehmern steht unter dem Motto „Was für ein Vertrauen“.

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