Kinofest Lünen: Film ließ in der Justizvollzugsanstalt Werl niemanden kalt

Preis für „Systemsprenger“

Es lag eine Anspannung im schönen Gründerzeit-Raum, der der Justizvollzugsanstalt in Werl als Kirche und für kulturelle Zwecke dient. Montag (11.11.) war das Kinofestes Lünen dort zu Gast.

Lünen

von Stefanie Görtz

, 12.11.2019, 16:30 Uhr / Lesedauer: 2 min
Kinofest Lünen: Film ließ in der Justizvollzugsanstalt Werl niemanden kalt

Frauke Kolbmüller (Produzentin „ Systemsprenger") mit dem Preis der Insassen der JVA Werl. © Günter Blaszczyk

Der Film des Abends in der Justizvollzugsanstalt (JVA) – der gefeierte Spielfilm „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt – hatte es in sich. Die Geschichte des 9-jährigen Mädchens Benni, das nicht bei seiner Mutter leben kann, von Einrichtung zu Einrichtung weitergereicht wird und mit seinen verzweifelten und gewaltigen Ausbrüchen das sozialpädagogische System in die Knie zwingt, lässt niemanden unberührt.

Auch nicht die dreiköpfige Insassenjury, die bei einer Sichtung mehrerer Filme des diesjährigen Kinofest-Programms „Systemsprenger“ als Preisträger ausgewählt hat.

Kinofest Lünen: Film ließ in der Justizvollzugsanstalt Werl niemanden kalt

In der JVA Werl fand die erste Vorstellung des 30. Kinofestes statt und es wurde auch der erste Preis übergeben. © Günter Blaszczyk

Dies auch mit Blick auf das Publikum, das den Film sehen würde. Denn schon zum vierten Mal gab es in Kooperation mit dem von Betty Schiel initiierten Projekt Kultur@Gefängnis eine Kinovorstellung in der JVA Werl.
Als Gast war extra aus Hamburg die Produzentin Frauke Kolbmüller angereist – um den Preis entgegenzunehmen, vor allem aber auch über den Film zu sprechen. Sie traf auf ein Publikum von rund 60 Insassen, dazu Justizvollzugsbeamte und die Festivalleitung des Kinofestes Lünen.

Für die Männer bedeutet allein die seltene Gelegenheit eine eigenständige Entscheidung zu treffen à la ‚heute gehe ich ins Kino oder nicht‘, der pure Luxus. Hatte irgendein Zweifel bestanden, ob dies der richtige Film für den Anlass sei, war dieser schnell ausgeräumt.

Schon bei den ersten kraftvollen Bildern der Bobby-Car-schleudernden Benni war das Publikum spürbar bei und auf der Seite von Benni und blieb es über 125 Minuten auch.

Kinofest Lünen: Film ließ in der Justizvollzugsanstalt Werl niemanden kalt

Beim Gespräch: Frauke Kolbmüller (l., Produzentin „Systemsprenger" ) und Organisatorin Betty Schiel. © Günter Blaszczyk

Der Teufelskreis, in dem das kleine Mädchen gefangen ist, bot scheinbar auch für manchen Insassen viel Identifikationspotenzial. Und wenn Benni für kurze Zeit Nähe zum Erzieher Michael zulassen kann und ihn fragt „Bin ich die Schlimmste?“, waren Schniefer in der Stille zu hören.

Nach dem Film wurde zunächst die Preisstatue überreicht, die von Insassen in der Werkstatt gefertigt worden war. Und die emotionale Begründung von einem der Jurymitglieder geliefert: „Meine lieben Freunde – das hier lässt uns nicht unbewegt. Dieser Film war der einzige, der wirklich was mit uns gemacht hat.“

Frauke Kolbmüller, die bereits eine lange Deutschlandtour mit dem Film hinter sich hat, war die Freude sichtlich anzumerken. „Dass euch unser Film so gefallen hat, und ich ihn hier mit euch sehen kann, ist wirklich etwas ganz Besonderes.“

Junge Hauptdarstellerin drehte mit Tom Hanks in den USA

Dann stand sie Rede und Antwort, erläuterte die Hintergründe, die extrem lange Vorbereitungszeit und Drehphase des Films und beruhigte besorgte Nachfragen nach der jungen Darstellerin Helena Zengel. „Das macht doch was mit der Psyche, wie geht es Helena denn jetzt?“

Kinofest Lünen: Film ließ in der Justizvollzugsanstalt Werl niemanden kalt

Frauke Kolbmüller ( Produzentin „Systemsprenger") freute sich über die lebhafte Diskussion und die vielen Fragen. © Günter Blaszczyk

Offenbar ist die mittlerweile 11-Jährige nicht nur ein großes Talent, sondern auch mit viel Lust bei der Sache. „Sie hat ja am Set nicht den ganzen Tag geschrien. Sondern auch ziemlich viel Quatsch gemacht“, so Frauke Kolbmüller. Gerade drehe Helena Zengel in den USA einen Spielfilm mit Tom Hanks und Regisseurin Nora Fingscheidt bereite ein Projekt mit Sandra Bullock vor.

Kolbmüller beschrieb, dass es mit dem Film nicht darum ging, einfache Erklärungen nach Schema F zu liefern oder zu werten. „Jeder hat seine Schuld, auch Benni ist Teil des Ganzen.“ Sie machte auch deutlich, dass die Realität oft noch viel schlimmer ist. Und das kam an.

„Der Film ist so krass, dass mir die Spucke weg bleibt“

Ein Zuschauer brachte es bewegt auf den Punkt „Der Titel passt ja wie Faust aufs Auge – der Film ist so krass, da ist selbst mir die Spucke weggeblieben.“ Solche Möglichkeiten der kulturellen Begegnung für Gefängnisinsassen zu schaffen, bei denen Austausch, Empathie und Wertschätzung Raum haben, muss man sowohl dem Kinofest als auch der JVA Werl hoch anrechnen.

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