Keinen einzigen Modellbahnladen gibt es mehr in Schwerte - das war mal ganz anders

dzSchwerter Spielzeuggeschäfte

Kinder drückten sich vor Schaufenstern, hinter denen sich kleine Züge drehten, die Nasen platt. Die Eisenbahnfreunde erinnern an Zeiten, als sie noch in vielen Geschäften angeboten wurden.

Schwerte

, 28.11.2018, 16:56 Uhr / Lesedauer: 3 min

Lang war das Wunderland der Kinderträume, lang wie ein Schlauch. Öffnete sich die Tür zum Postplatz, strömte daraus ein verführerischer Duft der Note zwischen Kunststoff und Gummi. Im Licht der Leuchtstoffröhren türmten sich deckenhohe Regale, pickepacke vollgestopft mit allem, was das Herz begehrte. Für die Unmengen von Brettspielen, Fußbällen und Plüschgetier hatte der Modellbahnfreund aber keine Augen.

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Modellbahnen Schwerte

So sahen die Schwerter Modellbahngeschäfte und ihre jungen Kunden aus..
28.11.2018
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Die Dampflok drehte mit zwei Personenanhängern ihren Kreis durch den Blechtunnel: Zu Weihnachten 1954 bestaunte Wolfgang Güttler unter dem Tannenbaum seine erste Modelleisenbahn.© Wolfgang Güttler
Werbung in der Schwerter Zeitung
Die Dampflok drehte mit zwei Personenanhängern ihren Kreis durch den Blechtunnel: Zu Weihnachten 1954 bestaunte Wolfgang Güttler unter dem Tannenbaum seine erste Modelleisenbahn.© Wolfgang Güttler
Seine erste große Blecheisenbahn erhielt Herbert Kluge (l.) im Jahre 1954 vom Christkind.© Herbert Kluge
Ganz hinten in dem schlauchartigen Spielwarenladen Prott lockte die Modellbahn-Abteilung.© Stadtarchiv
Modelleisenbahnen gab es in den 1970er-Jahren am Postplatz nicht nur bei Prott (r.) sondern auch in der Spielzeug-Abteilung des Kaufhauses Küster in der oberen Etage.© Stadtarchiv
An den Scheiben des Spielzeugparadieses Bartsch an der Bahnhofstraße drückten sich die jungen Modelleisenbahner die Nasen platt. Später zog das Geschäft in die Räume von Prott am Postplatz um.© Stadtarchiv
Auch das frühere Coop-Center am Cavaplatz bot ein kleines Modellbahn-Sortiment der Märklin-Marke Primex an, berichtet Wolfgang Güttler.© Stadtarchiv
Vom Spielzeugparadies Bartsch abgestempelt ist der Märklin-Prospekt.© Wolfgang Güttler
Modellbahn-Startpackungen wie diese lagen oft für die Jungen unter dem Weihnachtsbaum.© Wolfgang Güttler
© Wolfgang Güttler

Schritt für Schritt kämpfte er sich tiefer bis zu seinem Allerheiligsten vor. Begleitet vom Verkäufer, durfte er ganz am Ende des Ganges die paar Treppenstufen zu dem kleinen Verkaufsraum heruntersteigen, wo die Vielfalt von Lokomotiven der verschiedensten Größen, der passenden Schienen, Plastikhäuschen und Mini-Menschen jedesmal überwältigte.

2. Dezember ist der Tag der Modelleisenbahn

Wer es erlebt hat, schwärmt immer noch vom Spielzeugparadies Prott am Postplatz, das später von Händler Alfred Bartsch weitergeführt wurde. Die beiden Händler waren aber beileibe nicht die einzigen, die dafür sorgten, dass der Zugverkehr in den Schwerter Kinderzimmern ans Rollen kam. „Ja, es gab in unserer Stadt mehrere Geschäfte, in denen Modelleisenbahnen und Zubehör angeboten wurden“, erinnert sich Wolfgang Güttler von den Schwerter Eisenbahnfreunden.

Besonders in der Vorweihnachtszeit hätte es Klein und Groß zu den Modellbahngeschäften gezogen. Auch wenn der Tag der Modelleisenbahn, der in diesem Jahr am Sonntag, 2. Dezember, begangen wird, damals noch so unbekannt war wie der ICE-Schnellverkehr. Das Geschäft lief auch ohne derartige Werbung wie geschmiert. „Die Kinder drückten sich an den Schaufenstern die Nasen platt, wenn die kleinen Züge auf den ausgestellten Anlagen ihre Runden drehten“, berichtet Güttler: „Häufig verließen dann Väter mit ihren Söhnen, ausgestattet mit einer Startpackung, den Laden.“

Christkind legte den ersten Zug unter den Baum

Bei dem heute 67-jährigen Pensionär verlief die erste Begegnung mit dem Trafo-Regler mindestens genauso glücklich, nur ein ganz klein wenig anders. Das Christkind legte ihm im Jahre 1954 die erste Modelleisenbahn unter den Weihnachtsbaum mit den echten Wachskerzen. Auf einem kleinformatigen Schwarzweißfoto haben die Eltern den Moment festgehalten, an dem ihr Vorschul-Junge die Dampflok mit den drei angehängten Waggons bestaunt, die auf dem Wohnzimmertisch ihre Runde dreht - durch einen Blechtunnel und an einem ebenfalls blechernen Bahnhof vorbei.

„Der Kreis war vermutlich von Trix Express“, sagt Güttler. Im Maßstab 1:87, den die Fans Spur H0 (sprich H-Null) nennen. Später stieg er auf die Marke Märklin um, nach der Heirat dann auf die kleineren Züge im Maßstab 1:160 (Spur N). Die brauchten schlichtweg nicht mehr so viel Platz in der Wohnung.

Es gab viele Marken und Geschäfte

Ein typischer Weg für viele Eisenbahnfreunde. Auch Herbert Kluge (68) kann auf seinem Handy ein Bild zeigen, das ihn als Kind vor einer großformatigen Blecheisenbahn zeigt, die auf dem Wohnzimmerteppich aufgebaut ist: „Das Signal hat mein Vater aus Holz gemacht.“ Er stieg wechselte später zur Marke Fleischmann , bevor für ihn 1970 ebenfalls die kleine Spur-N-Zeit begann. Mit der Zeit sind beide Modellbahnfans wahre Profi-Bastler geworden.

So groß wie die Vielfalt der Marken war die Zahl der Schwerter Geschäfte, in denen Modelleisenbahnen zu haben waren. Neben Prott und Bartsch, der ursprünglich seinen Laden an der oberen Bahnhofstraße hatte, zählt Güttler auf: „Bei Kotte am Markt konnte man ebenfalls Modelle erwerben. In der Mährstraße bot Hacker die kleinen Lokomotiven und Wagen an.“ Auch im früheren Kaufhaus Küster (heute C&A-Filiale) und sogar im vergangenen Coop-Center im City-Centrum sei man fündig geworden.

Internet setzte den Läden zu

„Aber die Zeiten haben sich geändert“, sagt Güttler mit einem Hauch von Bedauern: „Modellbahnen und Zubehör werden heute über das Internet bestellt.“ Wo sollte man sie in Schwerte sonst auch noch bekommen? Nachdem der Spielwarenladen Falkenberg an der Ostenstraße aufgeben musste, verschwand hier im vergangenen Jahr mit dem Geschäft von Jürgen Schwarze an der Hagener Straße auch das allerletzte Modellbahnhändler von der Bildfläche.

Startpackung jetzt beim Discounter

„Die Faszination zur Modellbahn ist weiterhin vorhanden, und so wird auch in diesem Jahr unter vielen Weihnachtsbäumen eine Modellbahn-Startpackung liegen“, ist Güttler aber überzeugt. Die lockten sogar zuletzt wieder vor Ort in den Aktionskörben des Discounters Lidl. „Einsteigen, Türen schließen und Vorsicht bei der Abfahrt“, sagt Güttler: „Grünes Licht für die kleinen Bahnen.“

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