Beim Vorlesen von Märchen gilt: Nur Mut! Was brutal und gruselig wirkt, ist gar nicht so schlimm. Warum, haben uns Experten erklärt. Und zwei Kinder, die keine Angst vor dem Wolf haben.

Selm

, 13.03.2019, 14:30 Uhr / Lesedauer: 7 min

Der Abend ist da. Vorlesestunde. Welches Buch ist dran? Vielleicht die Geschichte von der Frau, die den Mord an ihrer Stieftochter plant und anschließend deren Innereien essen möchte.

Da rief sie einen Jäger und sprach: „Bring das Kind hinaus in den Wald. Du sollst es töten und mir Lunge und Leber zum Wahrzeichen mitbringen.“

Zu grausam? Dann vielleicht doch eher die Geschichte von der anderen Frau. Von der, die ihre Kinder im Wald aussetzen möchte, damit sie selber mehr zu essen hat. Die nimmt den Tod ihres Nachwuchses immerhin nur billigend in Kauf.

„Wir wollen morgen in aller Frühe die Kinder hinaus in den Wald führen, wo er am dicksten ist. Da machen wir ihnen ein Feuer an und geben jedem noch ein Stückchen Brot, dann gehen wir an unsere Arbeit und lassen sie allein. Sie finden den Weg nicht wieder nach Haus, und wir sind sie los.“

Wobei in dieser Geschichte ja dann im weiteren Verlauf doch wieder eine Frau ganz anderen Kalibers auftaucht, und es dann schon wieder um Mordpläne geht. Die Entscheidung fällt nicht einfach. Schließlich sollen die Kinder nach dem Vorlesen ja auch irgendwann einschlafen.

Die Alte hatte sich nur freundlich angestellt, sie war aber eine böse Hexe, die den Kindern auflauerte, und hatte das Brothäuslein bloß gebaut, um sie herbeizulocken. Wenn eins in ihre Gewalt kam, so machte sie es tot, kochte es und aß es, und das war ihr ein Festtag. Die Hexen haben rote Augen und können nicht weit sehen, aber sie haben eine feine Witterung wie die Tiere und merken’s, wenn Menschen herankommen.

Mord, Gefangenschaft, Tierquälerei: Das kann man Kindern doch nicht vorlesen

Mord und Mordversuch. Gefangenschaft und Kannibalismus. Tierquälerei und Kindesmisshandlung. Zwangsverheiratung und Folter: Das sind Motive aus Büchern, die man Kindern vorliest. Märchen. Das geht doch gar nicht, denkt man da. Am besten fängt man ganz am Anfang an.

Wie ein Märchen anfängt? „Na klar weiß ich das. Es war einmal.“ Dem neunjährigen Moritz aus Selm macht in Sachen Märchen niemand etwas vor. Und Angst vor dem großen bösen Wolf hat er auch nicht. Wie auch? Moritz heißt schließlich selbst Wolf mit Nachnamen.

Seine kleine Schwester Maggy hat da schon etwas mehr Respekt. Die Siebenjährige gruselt sich manchmal, wenn sie ein Märchen liest und ihr Namensvetter auftaucht. „Na ja, also wenn der große böse Wolf die Großmutter aufisst, das habe ich schon ein bisschen Angst“, gibt sie zu. „Aber nur ein kleines bisschen“, sagt sie dann und sieht ihren großen Bruder herausfordernd an.

Keine Angst vorm bösen Wolf: Darum soll man Kindern Märchen vorlesen

Sogar Märchencomics gibt es mittlerweile: Wie diese Sammlung der Illustratorin Rotraut Susanne Berner. © Martina Niehaus

Die beiden kennen sich mit Märchen gut aus. Denn ihre Mutter Nadine Wolf hat ihnen schon viele Märchen vorgelesen. „Meistens lesen wir abends vor dem Einschlafen vor“, erzählt die 38-Jährige. „Und Märchen haben sich die Kinder immer gern angehört. Wobei der Große mittlerweile fast schon zu alt dafür ist.“

„Die täglichen Grausamkeiten in den Nachrichten, die sind schlimm“

Nadine Wolf und ihre Kinder sitzen in der Schulbibliothek der Grundschule auf den Äckern in Selm-Bork. Dort gehört Nadine Wolf zum Büchereiteam. Mit dabei ist eine weitere Mutter: Monika Becker.

Das Märchenbuch, das Nadine Wolf von zu Hause mitgebracht hat, ist ein dicker Schinken. Ein viel gelesenes Exemplar mit manchem Eselsohr und vergilbten Seiten. „Das ist mein altes Buch von früher, das gefällt mir immer noch richtig gut“, erzählt sie. Sie mag das Original. „Diese abgeänderten modernen Märchen, die sind ja heute alle so verharmlost, das ist gar nicht mehr schön.“

Keine Angst vorm bösen Wolf: Darum soll man Kindern Märchen vorlesen

Monika Becker (l.) und Nadine Wolf gehören zum Büchereiteam der Grundschule Auf den Äckern in Selm-Bork. Auch hier gibt es Märchenbücher - moderne und Klassiker. © Martina Niehaus

Nadine Wolf traut Moritz und Maggy was zu. „Viel schlimmer wäre es, wenn sie die täglichen Grausamkeiten in den Nachrichten sehen würden“, sagt sie. Auch Monika Becker hat ihren Kindern Märchen vorgelesen, als sie noch kleiner waren. „Heute lese ich meinem Sohn Harry Potter vor; wie sind gerade bei Band drei oder vier“, erzählt sie.

Auch sie findet: Die Grausamkeit im Märchen ist kein Grund, den Kindern diese Geschichten nicht vorzulesen. Und dann sagt Monika Becker einen entscheidenden Satz: „Oft sind es am Ende die Schwächeren oder die Kleineren, die gewinnen. Die Kinder eben. Und das ist wichtig.“

Märchen bieten Auswege, Lösungen, Hoffnung

Damit hat sie recht. Der Kinder- und Jugendlichen-Therapeut Christian Lüdke aus Lünen hat zu Märchen eine eindeutige Meinung: „Immer wieder vorlesen, vorlesen, vorlesen“, sagt der 58-Jährige. Das habe er bei seinen Töchtern selbst auch getan. „Märchen bieten Auswege, sie bieten Lösungen und Hoffnung“, betont Lüdke.

Aber Gretel merkte, was sie im Sinn hatte, und sprach: „Ich weiß nicht, wie ich’s machen soll; wie komm ich da hinein?“ - „Dumme Gans,“ sagte die Alte, „die Öffnung ist groß genug, siehst du wohl, ich könnte selbst hinein,“ krabbelte heran und steckte den Kopf in den Backofen. Da gab ihr Gretel einen Stoß, daß sie weit hineinfuhr, machte die eiserne Tür zu und schob den Riegel vor. Hu! Da fing sie an zu heulen, ganz grauselich; aber Gretel lief fort, und die gottlose Hexe mußte elendiglich verbrennen.“

Zugegeben: Dieser Lösungsweg ist nicht wirklich gewaltfrei. Aber das macht nichts. Christian Lüdke sagt: Trotz des Grusels bieten gerade die klassischen Märchen der Gebrüder Grimm fast immer ein „Happy End“ an.

„Märchen bieten Auswege, Lösungen und Hoffnung.“
Christian Lüdke (58), Psychotherapeut

Da fingen sie an zu laufen, stürzten in die Stube hinein und fielen ihrem Vater um den Hals. Der Mann hatte keine frohe Stunde gehabt, seitdem er die Kinder im Walde gelassen hatte, die Frau aber war gestorben. Gretel schüttelte sein Schürzchen aus, daß die Perlen und Edelsteine in der Stube herumsprangen, und Hänsel warf eine Handvoll nach der andern aus seiner Tasche dazu. Da hatten alle Sorgen ein Ende, und sie lebten in lauter Freude zusammen.

Zudem komme es auf die Vorlesesituation an: Auf Mamas Schoß, beim Kuscheln unter der Decke, lassen sich auch gruselige Szenen ertragen. „Für ein Kind ist es wichtiger, wie es etwas erlebt und nicht, was es erlebt.“ Selbst traumatische Ereignisse oder Urängste wie das Verlassenwerden oder die Angst vor der Dunkelheit könne man so gefahrlos kennenlernen.

Keine Angst vorm bösen Wolf: Darum soll man Kindern Märchen vorlesen

Beim gemütlichen Kuscheln haben Kinder keine Angst vor Märchen. Und der gestiefelte Kater ist selbst schon etwas für die ganz Kleinen. © Karim Laouari

Urängste: Angst vor der Dunkelheit, vor dem Verlassenwerden

Christine Kranz ist Referentin für Leseförderung bei der Stiftung Lesen mit Sitz in Mainz. Auch sie sagt: „Ja, man sollte Kindern Märchen ,zumuten‘“ - und das aus ganz unterschiedlichen Gründen. Zunächst einmal seien Märchen klassisches Kulturgut und gehören zum Weltwissen.

„Viele Geschichten - auch ganz aktuelle Kinder- und Jugendbücher - spielen mit Märchenmotiven. Sogar in der Werbung, zum Beispiel im Edeka-Werbespot mit Schneewittchen und den Äpfeln, deren Herkunft man unbedingt kennen sollte, tauchen Zitate auf. Da sind Kinder, die die Märchen nicht kennen, klar im Nachteil“, erklärt die 60-Jährige.

Die Urängste, die Christian Lüdke erwähnt, spielen auch für Christine Kranz eine wichtige Rolle. „Märchen ermöglichen auch eine - gefahrlose - Auseinandersetzung mit Urängsten. Natürlich nur, wenn sie gemeinsam entdeckt werden und Fragen oder eventuell auftretenden Ängsten Raum gegeben wird.“

Dass Märchen in einer kuscheligen Umgebung gelesen werden sollten, ist Christine Kranz allerdings wichtig.

Keine Angst vorm bösen Wolf: Darum soll man Kindern Märchen vorlesen

Christine Kranz (60) ist Referentin für Leseförderung bei der Stiftung Lesen in Mainz. © Stiftung Lesen

„Die gruseligen Märchen sind oft die beliebtesten.“
Christine Kranz (60) von der Stiftung Lesen mit Sitz in Mainz

„Ich sehe das ganz genauso wie der Therapeut: Märchen brauchen eine Atmosphäre des Vertrauens und der Geborgenheit. Dann sind übrigens oft die gruseligen Märchen die beliebtesten. Mir und meinen jüngeren Brüdern wurden Märchen von meinem Vater sehr früh, im Kita-Alter, regelmäßig vorgelesen“, erinnert sie sich.

„Und ich fand die ,Gänsemagd‘ mit dem abgeschlagenen Pferdekopf über dem Stadttor absolut faszinierend und wollte dieses Märchen immer wieder hören.“

In der Stadt war ein großes, finsteres Tor, wo sie Abends und Morgens mit den Gänsen durch musste. „Unter das finstere Tor möchte er dem Falada seinen Kopf hinnageln, dass sie ihn doch noch mehr als einmal sehen könnte.“ Also versprach das der Schindersknecht zu tun, hieb den Kopf ab, und nagelte ihn unter das finstere Tor fest. Des Morgens früh, als sie und Kürdchen unterm Tor hinaus trieben, sprach sie im Vorbeigehen:
O du Falada, da du hangest, da antwortete der Kopf:
O du Jungfer Königin, da du gangest,
wenn das deine Mutter wüsste,
ihr Herz tät ihr zerspringen.

Beim Vorlesen kann man herausfinden, was die Kinder hören möchten

Wie hält man es mit der Grausamkeit im Märchen? „Diese Frage taucht immer wieder auf“, erklärt jemand, der sich mit Märchen bestens auskennt: Dr. Oliver Geister. Der gebürtige Lüdinghausener ist 43 Jahre alt, Deutschlehrer am Gymnasium in Münster-Wolbeck und Lehrbeauftragter am Institut für Erziehungswissenschaften der Uni Münster.

Und er ist Vater von zwei Kindern, die mit fünf und neun Jahren im „typischen Märchenalter“ sind, wie er erzählt.

Geister liebt beim Lesen der Märchen vor allem den „grandiosen Ton, die wiederkehrenden, formelhaften Redewendungen. Diese Reime und Zaubersprüche haben eine große Anziehungskraft.“ Der Pädagoge hat selbst viel zum Thema Märchen geschrieben, unter anderem den Essay „Achtung böse“ und die „Kleine Pädagogik des Märchens“.

In der Wolbecker Märchenwerkstatt veranstaltet er Märchenabende für Grundschüler. Und er sagt: „Märchen wie ,Der süße Brei‘ kann man schon einem zweijährigen Kind erzählen.“ Doch nicht alle Märchen aus dem großen Grimm‘schen Wälzer seien für kleine Kinder geeignet. „Am besten findet man das beim Vorlesen heraus. Wenn man merkt, dass das Kind nicht mehr möchte, kann man ja aufhören.“

Bei älteren Kindern holt der Pädagoge die heftigeren Märchen heraus

Oliver Geister ist der Meinung, dass Kinder gut mit grausamen Szenen im Märchen fertig werden. „Mittlerweile sind die Kinder vieles gewohnt. Wenn man die Harry-Potter-Filme gesehen hat, hat man mit dem Märchen keine Probleme mehr, und findet sie sogar langweilig.“

Um auch Fünft- und Sechstklässler zurück zum Märchen zu locken, holt er dann im Deutschunterricht auch schon mal die heftigeren Sachen heraus: „Fitchers Vogel“ zum Beispiel.

Endlich kam sie auch zu der verbotenen Thür, sie wollte vorüber gehen, aber die Neugierde ließ ihr keine Ruhe. Sie besah den Schlüssel, er sah aus wie ein anderer, sie steckte ihn ein und drehte ein wenig, da sprang die Thür auf. Aber was erblickte sie, als sie hinein trat: ein großes blutiges Becken stand in der Mitte, und darin lagen todte zerhauene Menschen: daneben stand ein Holzblock und ein blinkendes Beil lag darauf.

„Wenn ich meinen Schülern das vorlese, sind sie ganz fasziniert. Vor allem die Jungs. Und plötzlich sind Märchen nicht mehr uncool“, erklärt Oliver Geister und lacht.

Am Ende wird keine Person, sondern das Böse schlechthin besiegt

So weit sind Moritz und Maggy Wolf noch nicht. Da reicht der böse Wolf noch völlig aus. Und wenn die beiden ihre Märchen immer wieder gerne hören, gefällt ihnen besonders das gute Ende. „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“, zitiert Moritz Wolf ganz stolz.

Als Nadine Wolf und Monika Becker noch einmal genauer nachdenken, kommen sie doch ein wenig ins Grübeln. „Man erinnert sich gar nicht mehr daran, dass Märchen so grausam sind“, sagt Nadine Wolf. „Als Kind ist mir das nie so aufgefallen. Ich fand es immer nur spannend.“

Auch dafür hat Oliver Geister eine einfache Erklärung: „Kinder können diese Bildsprache oft besser entschlüsseln als Erwachsene.“ Für Kinder werde am Ende mit der bösen Hexe oder dem Wolf keine Person oder ein Tier getötet, sondern „das Böse schlechthin wird vernichtet“.

So kann das Gute zu seinem Recht kommen. In einem Seminar zum Thema Märchen an der Uni hätten ihm das vor einigen Jahren auch die Studierenden zurückgemeldet: „Beim Wiederlesen der Märchen, die sie aus ihrer Kindheit schon kannten, sagten viele übereinstimmend: ,Ich wusste gar nicht, wie grausam diese Märchen sind. Als Kind hatte ich es nie so empfunden.‘“

„Kinder können diese Bildsprache oft besser entschlüsseln als Erwachsene.“
Dr. Oliver Geister, Lehrer und Märchenforscher

Beide Experten, Oliver Geister und Christine Kranz, sind sich einig, dass Märchen zum Vorleseritual unbedingt dazugehören. Christine Kranz betont: „Im Märchen stecken viele absolut zeitlose Bezüge drin: Solidarität, Hilfsbereitschaft und Zusammenhalt auf der einen Seite - Lieblosigkeit, Oberflächlichkeit und Egoismus auf der anderen. Und die Lösungsstrategien orientieren sich immer an allgemein gültigen ethischen Normen. Was soll das Kindern schaden?“

Oliver Geister sagt dazu: „Das Märchen hat die Ängste nicht erfunden, sondern es thematisiert sie und schafft Bewältigungsstrategien.“

Fragt man Moritz und Maggy am Ende nach ihrem absoluten Lieblingsmärchen, müssen die Klassiker der Gebrüder Grimm dann allerdings doch der englischen Volkssage weichen. „Am besten gefällt uns das Märchen von den drei kleinen Schweinchen“, sagt Moritz. Und seine Schwester ergänzt: „Da kommt ja auch ein böser Wolf drin vor.“

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