Australiens verzweifelter Kampf gegen das Jahrhundert-Feuer

Tobende Waldbrände

Australische Buschbrände haben schon mindestens 19 Menschen das Leben gekostet. Mit deutlichen Worten warnen die Behörden die Bevölkerung: Am Wochenende drohen neue Feuer.

von Barbara Barkhausen

, 03.01.2020, 10:21 Uhr / Lesedauer: 5 min
Australiens verzweifelter Kampf gegen das Jahrhundert-Feuer

Die Feuerwehr in Australien kämpft rund um die Uhr gegen die Flammen. Sie haben schon mindestens 19 Menschen das Leben gekostet. © Dean Lewins/AAP/dpa

In Mallacoota bereitet man sich auf die zweite Feuerrunde vor. Brendan, der seinen Nachnamen nicht genannt haben will, begleitet das Schicksal seines Heimatortes seit Tagen auf Twitter.

Der Australier sah, wie etliche Häuser abbrannten, Menschen in höchster Verzweiflung an den Strand rannten, ein letzter Zufluchtsort vor den Flammen. „Unsere Geduld wird getestet, wir alle wünschten, es wäre endlich vorbei“, sagte er. Doch der Sommer ist noch lang und am Wochenende kommt die nächste Hitzewelle, die die Feuer weiter anfachen wird.

Ausmaß der Buschbrände einmalig

Dass es in den Sommermonaten auf der Südhalbkugel brennt, ist an sich nicht ungewöhnlich. Doch das Ausmaß der diesjährigen Buschbrände in Australien ist bislang einmalig. Es brennt in fast jedem Bundesstaat – selbst im tropischen Queensland, in den bevölkerungsreichen Staaten New South Wales und Victoria im Osten, im Süden, in Westaustralien und sogar auf der „grünen“ Insel Tasmanien.

Obwohl die Feuer seit Frühlingsanfang brennen, hat sich die Lage im Hochsommer nun zugespitzt. Am Montag wurden im Südosten 30.000 Menschen aufgefordert, die Region East Gippsland zu evakuieren. An Silvester fachte eine Hitzewelle mit starkem Wind die Buschfeuer dann so sehr an, dass einige Urlaubsorte komplett von Flammen eingeschlossen wurden.

Apokalyptische Szenen

Die Bilder, die am Dienstag aus Mallacoota getwittert wurden, waren apokalyptisch. Der Himmel war zunächst schwarz, als wäre es noch mitten in der Nacht. Später glühte er orange. Früh am Morgen läuteten die Sirenen, um alle Bewohner und Urlauber zur Evakuierung aufzufordern.

Einen Weg aus der Stadt gab es da schon nicht mehr. Rund 4000 Menschen flüchteten sich zum Strand, in Booten aufs Meer oder auf einen See. Ein Mann berichtete dem lokalen Sender ABC am frühen Nachmittag, dass er Flammen in der Innenstadt sehen könne und es am Stadtrand lichterloh brenne. „Wir sahen eine große Explosion mit sehr großen Flammen“, berichtete er. Andere Augenzeugen sprachen gar von einem „Armageddon“.

Feuer fordert unzählige Opfer

Der Ort ist nur ein Beispiel, denn die Brände sind weitläufig und die bisherige Zwischenbilanz erschreckend. Rund 5,9 Millionen Hektar Busch sind abgebrannt – eine Fläche deutlich größer als die Schweiz. Mindestens 19 Menschen kamen ums Leben, 29 Menschen gelten als vermisst.

Ein Vater und sein Sohn starben, als sie das Familienhaus vor den Flammen retten wollten. Ein junger freiwilliger Feuerwehrmann kam ums Leben, als ein Feuertornado ein mehrere Tonnen schweres Feuerwehrauto umwarf.

Menschen, Tiere und Häuser verbrennen

Außerdem starben bei den Bränden Millionen Tiere. Ökologen der Universität von Sydney schätzen, dass rund 480 Millionen Säugetiere, Vögel und Reptilien in den Feuern verendet sind. Über 8000 Koalas verbannten vermutlich allein in New South Wales, dem Bundesstaat, in dem Sydney liegt.

Bisher sind über 1400 Häuser abgebrannt. In mehreren Orten an der Südküste von New South Wales brannten Teile der Innenstadt ab, mehrere Schulen wurden zerstört.

Ein beliebter Zoo in Mogo an der Südküste konnte dagegen vor den Flammen gerettet werden. Laut der Angestellten kam „kein einziges Tier“ ums Leben. Dies ist vor allem dem Zoodirektor zu verdanken, der Rote Pandas, Affen und sogar einen Tiger mit in sein eigenes Haus nahm, um die Tiere vor den nahenden Feuern zu schützen.

Natur als Brandstifter

Doch die Situation ist noch lange nicht entschärft. Nachdem das neue Jahr zunächst mildere Temperaturen brachte, rückt die nächste Hitzewelle am Wochenende an. Hohe Temperaturen und Wind gepaart mit einer extrem trockenen Landschaft – Australien leidet seit Monaten unter einer Dürre – werden die Feuer weiter anfachen.

Obwohl viele Brände von Menschenhand gelegt wurden, sei es von Brandstiftern oder unabsichtlich durch Zigaretten oder Feuerwerkskörper, kommt inzwischen die Natur als Brandstifter hinzu. Die Brände kreieren inzwischen ihr eigenes Wetter – Stürme, die mit ihren Blitzen weitere Feuer auslösen.

Die entstehenden Wolken, sogenannte Pyrocumulonimbus, kurz pyroCbs, können neben Blitzeinschlägen, massive Luftzüge, böige Winde und sogar von Ruß geschwärzten Hagel erzeugen. Sie können die Atmosphäre bis zu 15 Kilometer in die Höhe beeinflussen und Glut, die noch heiß genug ist, um neue Brände auszulösen, kilometerweit verteilen.

Gefahr: Weitläufige Sperrzonen eingerichtet

Die Situation ist so gefährlich, dass die Behörden inzwischen weitläufige Sperrzonen eingerichtet haben, aus denen sich Urlauber fernhalten und auch Einheimische wenn möglich evakuieren sollen. Vielerorts ist die Botschaft der Feuerwehr: „Wenn Sie sich entscheiden zu bleiben, dann können Sie nicht auf Rettung hoffen. Unter Umständen sind Sie auf sich allein gestellt.“

Zehntausende sind deswegen seit Donnerstag auf der Flucht. Nachdem jedoch etliche wichtige Verkehrsadern wegen der Brände gesperrt sind, bildeten sich auf den wenigen offenen Highways kilometerlange Staus. Einige Reisende berichteten, wie sie vier Stunden für eine Strecke benötigten, die normalerweise nur vierzig Minuten in Anspruch nimmt.

„Es gibt keine Lebensmittel, kein Wasser, nichts mehr zu essen.“

Zudem gingen in den von den Bränden teils zerstörten Gemeinden zwischen Melbourne und Sydney Nahrungsmittel, Wasser und Benzin aus. „Uns wird allen langsam bewusst, was hier passiert“, sagte Nicole Halcro, eines der Buschfeueropfer in einem Fernsehinterview.

„Es gibt keine Lebensmittel, kein Wasser, wir haben nichts mehr zu essen.“ Immer mehr entwickelt sich die Buschfeuerkrise inzwischen auch in eine humanitäre Katastrophe.

Ende der Woche spielten sich vielerorts chaotische Szenen ab. „Letzte Nacht standen wir fünf Stunden in Narooma an, um zu tanken“, schrieb Lucy Shannon am Donnerstag auf sozialen Medien. Auch vor den Supermärkten bildeten sich ab sechs Uhr morgens lange Schlangen. Hier ließen Mitarbeiter teilweise nur 20 Kunden zur Zeit ein, um Chaos zu vermeiden, wie lokale Medien berichteten.

Sydney und Canberra sind seit Wochen immer wieder rauchverhangen

In Mallacoota, dem von Feuern umzingelten Ort in Victoria, rückte die Marine zur Unterstützung an. Diese brachte Vorräte und Wasser und begann mit der Evakuierung hunderter Menschen.

Tony Murphy, der stellvertretende Katastrophenschutzbeauftragte in Victoria, sagte, dass diejenigen, die bei ihren Wohnwägen und Autos bleiben wollen würden, unter Umständen Wochen warten müssten, bis die Straßen wieder befahrbar sind.

Während die kleinen Ferienorte gegen die Feuer kämpfen, leiden auch die australischen Städte unter den Folgen der Brände. Sydney wie auch Canberra sind seit Wochen immer wieder rauchverhangen. Canberra war am Donnerstag die Stadt mit der größten Luftverschmutzung weltweit. Atemschutzmasken waren in sämtlichen Geschäften ausverkauft.

Premierminister wird ausgebuht

Inzwischen wird die Katastrophe auch immer mehr politisiert. Premierminister Scott Morrisons Botschaft an die Opfer am Donnerstag, „Bleiben Sie ruhig und geduldig“, hat viele Menschen verärgert. Als er Ende der Woche – zu spät in den Augen vieler – die vom Feuer gebeutelten Regionen besuchte, weigerten sich viele Australier, ihm die Hand zu schütteln oder buhten ihn aus.

Zoey Salucci-McDermott, eine 20-jährige, schwangere Frau, erklärte ihre Entscheidung damit, dass sein Auftreten nicht „ehrlich“ rüberkam. Er habe mit vielen Fotos gemacht, sie aber nicht gefragt, wie es ihr ginge oder wie er helfen könnte. Die junge Australierin ist eines der Buschfeueropfer, die ihr Haus und sämtliches Hab und Gut verloren haben. „Ich sagte ihm, es sei eine Kriegszone und er ging einfach weg und das brach mein Herz“, erklärte sie später vor Reportern.

Morrison: Keine Änderung der Klimapolitik

Morrisons fehlende Empathie sind nicht die einzigen Kritikpunkte der Australier. Auch seine oftmals späten Reaktionen stehen in der Kritik. So brach er seinen Urlaub auf Hawaii während der Buschfeuerkrise erst ab, nachdem die Presse davon Wind bekam.

Auch eine finanzielle Entschädigung für die Feuerwehr wurde erst mit Verspätung genehmigt. Viele vermissen zudem, dass Morrison die Verbindung zwischen dem Klimawandel und den derzeitigen Feuern anerkennt und seine Klimapolitik verändert.

Denn auch wenn sich einzelne Brände nicht eindeutig als Folge des Klimawandels interpretieren lassen, so sind sich die Wissenschaftler einig, dass die höheren Temperaturen und die zunehmende Trockenheit die Feuer begünstigen und die Feuersaison deutlich verlängern.

Waldbrände: Katastrophe mit historischem Ausmaß

Ein Umweltwissenschaftler schrieb im Guardian, dass es schon jetzt klar sei, dass die derzeitigen Waldbrände eine Katastrophe historischen Ausmaßes seien. Seiner Meinung nach sollte Australien nicht nur auf neue Techniken setzen – beispielsweise feuerbeständigere Häuser bauen – sondern sich auch auf das Wissen seiner Ureinwohner besinnen. Deren Brandschutzpraktiken könnten eine langfristige Lösung anbieten, schrieb Cormac Farrell.

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