Kampf gegen den Schlendrian: Wie Freiherr vom Stein für Aufschwung unter Tage sorgte

dzAbschied vom Bergbau

Voller Fehler und Willkür: Um den Bergbau im Ruhrgebiet steht es Ende des 18. Jahrhunderts nicht gut. Erst ein berühmter Selmer sorgt für Aufschwung im Revier mit revolutionären Maßnahmen.

Selm

, 08.10.2018, 18:03 Uhr / Lesedauer: 4 min

Christian Friedrich Meyer schäumt vor Wut. Wie die Bergbehörde mit den anderen Grubeneigentümern umgeht, ist ihm egal. Aber er, der alleinige Eigentümer der Zeche Caroliner Erbstollen in Holzwickede, lässt sich nicht vorschreiben, wie er mit seinem Besitz zu verfahren hat. Meyer, im Hauptberuf Kriegs- und Domänenrat der preußischen Verwaltung in Hamm, setzt einen Beschwerdebrief auf, der sich gewaschen hat. Von „unverantwortlichem Betragen“ ist die Rede, davon „hintergangen“ worden zu sein und „in den Ruin“ getrieben zu werden. Den Adressaten lässt das alles aber völlig kalt.

Friedrich Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein ist nicht einmal zwei Monate im Amt, als Meyers Brief auf seinem Schreibtisch landet: im Oberbergamt in Wetter an der Ruhr. Der frisch ernannte Bergdirektor und Behördenleiter ist gerade einmal 26 Jahre alt. Friedrich II., der preußische König, setzt große Stücke auf ihn. Vom Stein soll Vorschläge machen, wie sich die Arbeit über und unter Tage verbessern lässt, neue Absatzmärkte suchen - kurz: die Leistungsfähigkeit des westfälischen Steinkohlebergbaus steigern. Ein Ziel, das der König nicht selbstlos verfolgt. Und darin steht er in einer langen Tradition.

Kaiser Barbarossa war der Vordenker

Kaiser Barbarossa ersann bereits 1158 die Trennung des Eigentums an Grund und Boden vom Eigentum an den Bodenschätzen: die sogenannte Ronkalische Konstitution. Sie erlangte zwar nie Rechtskraft, aber bestimmt bis heute die Rechtssituation. Ob Gold und Silber, Salz oder Kohle: Nahezu alle Bodenschätze gehören nicht dem Eigentümer des Grundstücks, unter dem sie schlummern, sondern dem Landesherrn. Der kann sein Bergwerkseigentum an Interessierte verleihen, die dann die Bodenschätze auf eigene Kosten suchen und ausbeuten - und dafür Abgaben zahlen: zu Zeiten des Alten Fritz den Zehnt.

Herr Meyer aus Holzwickede wird das wissen, als er am 24. Juni 1784 seinen bitterbösen Brief an die Bergbehörde schreibt. Vielleicht wird er sich damit sogar abgefunden haben, wohl oder übel. Mit etwas anderem aber nicht. Die preußische Regierung kassiert nicht nur, wenn er die Kohlen aus der ererbten Erde holt. Sie will ihm auch noch vorschreiben, wie er dabei vorzugehen hat. Und wieviel er seinen Leuten zu zahlen hat. Statt der fesgsetzten 15 Reichstaler werde er „nicht mehr als 8 Reichsthaler Casse-Geld bezahlen“. Und wenn das einem Bergmann nicht gefalle, könne er „sofort nach Hause aus meiner Arbeit gehen“ und brauche auch nicht wieder zu kommen. Er wolle ihn “schlechthin nicht ferner in meinem Berg wissen“.

Auf Besichtigungstour zu 73 Gruben

Ruhig, ganz ruhig reagiert vom Stein auf Meyers Tirade. Einen Monat lang lässt er den Brief einfach auf seinem Tisch liegen, ohne selbst zur Feder zu greifen. Dafür macht er etwas anderes. Er besucht die Zeche Caroliner Erbstollen, um sich ein eigenes Bild machen zu können. Das war allerdings keine direkte Folge von Meyers Brief. Vom Stein hatte schon vor Amtsantritt den königlichen Auftrag dazu. Er besichtigt 61 Gruben in der Grafschaft Mark und zwölf im Bergrevier Hörde: nicht der erste Kontrollbesuch dieser Art.

Kampf gegen den Schlendrian: Wie Freiherr vom Stein für Aufschwung unter Tage sorgte

Diese Bergbau-Karte ist ein Ausschnitt der sogenannten Kappschen Karte von 1865. © Regio-Verlag

1735 hatten Bergbeamte nach einer ähnlichen Mission Berlin von fachlichen Mängeln berichten müssen: „Schächte, Strecken, Stollen und Ackerdrufte sind falsch verzimmert und zu niedrig“. Und von fehlender Ausbildung: „Jeder Bauer ist Gewerke“ (also Betreiber des Bergwerks). 1755 - damals zählte das Bergamt 110 Gruben und 688 Bergleute- stellten Kontrolleure fest, dass es keine Zeche gebe, bei der sie nichts zu bemängeln gehabt hätten. Ein Beispiel: Die Schichtmeister, die für die Berechnung der Fördermengen zuständig waren, „konnten nicht lesen, häufig auch nicht rechnen“. Vom Steins Erkenntnisse schließen sich nahtlos an. Er belässt es anders als die Vorgänger aber nicht nur bei der Kritik, sondern setzt tatkräftig Reformen ein. Solche, die einem gewissen Herrn Meyer aus Holzwickede gar nicht gefallen dürften. Daran wird auch die höfliche Anrede in vom Steins Schreiben vom 26. Juli 1784 nichts ändern.

Ein belehrender Brief

„Euer Wohlgeboren“, ist dort salbungsvoll zu lesen. Danach wird vom Stein deutlich: Meyer sei aufgefordert, „für die Zukunft den schädlichen Einfluss der bisherigen Einrichtung auf unsere Grubenwirtschaft abzuhelfen“. Was das bedeutet: Rückständige Löhne „sobald als möglich“ auszahlen, laufende Löhne alle vier Wochen zahlen und Materialien, vor allem Holz, für einen sachgerechten Ausbau kaufen. Über die hitzigen Beschwerden Herrn Meyers geht er nicht wortlos hinweg. Er deutet sie vielmehr als zusätzliches Indiz, dass der Beamte, der durch Erbfolge Eigentümer des Bergwerks wurde, „wenige Begriffe“ von dem Verhältnis zwischen ihm und dem Bergamt habe „und von der Natur seines Eigenthumsrecht(s) irrig sind“. Mit anderen Worten: Er habe keine Ahnung, über was er sich da geäußert habe. Um die Wissenslücken zu schließen, legt vom Stein „ein Exemplar unserer Bergordnung hierneben“. Die hat es in sich.

Die „Revidierte Bergordnung für das Herzogtum Cleve, das Fürstentum Moers und die Grafschaft Mark“ stammt aus dem Jahr 1766. Der preußische Staat hat damals die Leitung des Bergbaus in seine Hände genommen. Von nun an ist es die Bergbehörde, die Produktion und Absatz regelte. Das ein Jahr später verabschiedete „Generalprivilegium für die Bergleute“ begünstigt die wachsende Gruppe der Bergleute über alle anderen Arbeitergruppen hinaus. Ihre Arbeitszeit ist zum Beispiel begrenzt auf acht Stunden mit der Möglichkeit einer bis zu vierstündigen Überschicht. Sie erhalten eine Befreiung vom Militärdienst. Außerdem sorgt die Knappschaftskasse für ihr Wohl mit Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Die Industriegewerkschaft Bergbau und Energie wird das 200 Jahre später so zusammenfassen: „Der Knappe war Partner der Bergbehörde, während der Gewerke (Anm. d. Red.: der Unternehmer) zwar das Unternehmerrisiko trug aber auf Leitung und Arbeitserhältnisse kaum Eindfluss hatte“ - eine einmalige Situation in der deutschen Wirtschaft. 100 Jahre gibt es eine Rolle rückwärts.

Rolle rückwärts im Bergrecht

Durch das „Allgemeine Berggesetz für die Preußischen Staaten vom 25. Juni 1865“ wird das Bergrecht liberalisiert. Der Staat tritt zurück in seiner Rolle als Genehmigungsbehörde von Bergbauaktivitäten. Die einzelnen unternehmerischen Entscheidungen überlässt er jetzt wieder den Unternehmern.

Christian Friedrich Meyer wäre glücklich gewesen. Doch er hat die Reform nicht mehr erlebt. Genauso wenig wie sein Widersacher vom Stein, der 1831 nach einer Karriere als preußischer Minister und Staatsreformer auf seinem Altersruhesitz, Schloss Cappenberg, starb. Sogar der Caroliner Erbstollen war damals bereits Geschichte. 1830 hatte er nach 3900 Metern die Grenze -- in der Bergmannssprache: die Markscheide - zur Zeche Schwarze Adler erreicht und stellte den Vortrieb ein.

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Die Geschichte der Zeche Hermann in Selm

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20.09.2018
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„Der Steinkohlebergbau im Bergrevier Hörde zur Zeit des Freiherrn vom Stein“ lautet der Titel eines 2007 im Werner Regio-Verlag erschienen Buches von Kurt Pfläging, Joachim Huske Und Marie-Luise Frese-Strathoff. Es überliefert nicht nur die Befahrungsprotikolle vom Steins, sondern auch den Briefwechsel mit dem verärgerten Kriegs- und Domänenrat Meyer.
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