Journalismus? Unbedingt! Aber vor der eigenen Haustür bitte nur so, wie wir das wollen!

dzMeinung

Es gibt Menschen, die würden uns gerne vorschreiben, über welche Themen wir wie berichten. Meistens sind das ihre eigenen. Einige Gedanken über elitäres Denken im Lokaljournalismus.

Werne

, 30.12.2018 / Lesedauer: 5 min

Weil ich Menschen spannend finde!“

Das ist oft die Antwort auf die Frage, warum sie ihre Arbeit so schätzen. Sie – die Journalisten im Allgemeinen und die Lokaljournalisten im Besonderen.

Im besten Fall erntet der Lokaljournalist dann wohlwollendes Nicken, weil er ja alles so spannend findet und mit offenen Augen durch die kleine Welt an der Lippe geht.

Nehmen wir mal an, aus dieser abgelutschten Phrase wird eine, an der auch wirklich etwas dran ist. Der Lokaljournalist interessiert sich tatsächlich für andere Menschen. Und zwar für möglichst viele in einer Stadt und nicht immer dieselben. Dann kann aus dem wohlwollenden Nicken schnell empörtes Kopfschütteln werden.

Der Bescheidwisser: „Ist ja jetzt mehr Boulevard bei euch“

In unsere Redaktion spazieren tagtäglich Menschen. Die einen weisen uns auf etwas hin, die anderen kommen mit einer Idee; die einen üben Kritik, die anderen loben auch mal.

Es gibt die, die das erste Mal kommen und nicht wissen, dass man unten an der Tür – zwischen „Hahnenbalken“ und „Arschkerbe“ – erst die Klingel drücken und kurz warten muss, bevor man die Schulter mit voller Wucht in die nicht mehr ganz so weiße Holztür rammt. Das ist ganz symphatisch und wir wissen gleich: oh, jemand Neues.

Die, die öfter kommen, die klingeln, geduldig auf den Summer warten, dann gezielt die Treppe hochsteigen und genau wissen, welchen Schreibtisch sie ansteuern müssen, die sind auch sympathisch. Die wissen aber auch, wie der Hase läuft: „Ist ja jetzt mehr Boulevard bei euch“, sagte letztens einer und grinste.

Die Lokalprominenz: „Wissen Sie denn nicht, wer ich bin!?“

Es gibt Menschen, die kommen rein und wissen ganz genau, was den Leser in Werne interessiert.

Es gibt Menschen, die kommen rein und fragen, warum wir nicht in epischer Breite berichtet haben: „Das haben Sie in den letzten Jahren doch immer so gemacht!“

Es gibt Menschen, die gucken etwas verdutzt, wenn der Praktikant sie beim Pressetermin nach dem Namen fragt. „Wissen Sie denn nicht, wer ich bin!?“

Es gibt Ratsleute, die sagen im Vorbeigehen: „Nur noch Gesichter, die man nicht mehr kennt bei den Ruhr Nachrichten.“ Die ganzen jungen Leute wieder, och nö!

Erstens: Uns dürfen alle immer gerne nach unserem Namen fragen.

Zweitens: Das sind dieselben Ratsleute, die dann im offiziellen Teil einer Sitzung sagen, wie wichtig es doch ist, die Jugend in die Verantwortung zu nehmen.

Mir geht dieses ganze Gelaber auf die Nerven

Mir geht dieses ganze Gelaber auf die Nerven. Von Leuten, die gleich von Verrohung der Sprache reden, wenn man als Journalist mal Wörter benutzt, die nicht in ihren feuilletonistischen Wortschatz passen. Die von „Boulevard“ reden, wenn man nicht nur das nächste Klassikkonzert ankündigt, sondern auch mal über den schreibt, der Konzerte nicht so doll findet. Lokaljournalismus ist das alles:

Bürgermeister, Stadtrat, Verwaltung, Tourismus.

Ehrenamt und Einzelhandel.

Vereine, Verkehr.

Solebad, Schule.

Kita, Kultur.

Und dann gibt es Leute in dieser Stadt, die erzählen ihre Geschichte. Oder zumindest einen Teil davon. Und die handelt nicht von Einzelhandel oder Haushaltsplan. Die haben vielleicht nicht einmal einen Verdienstorden bekommen.

Darf man die trotzdem mal nach ihrer Meinung fragen oder nach ihrem Leben, nach ihrem Single-Dasein oder einer guten Ehe? Oder ist das zu boulevardesk? Darf Lokaljournalismus auch mal grell sein, ohne dass sich jemand angegriffen fühlt? Darf man auch mal mit Leuten reden, die keinen offiziellen Posten einnehmen? Darf Lokaljournalismus ohne Diktat auskommen?

Miteinander statt übereinander ist manchmal nur Heuchelei

Wir reden gerne über Integration, verstehen dann aber nicht, warum die muslimischen Frauen nicht im neuen Solebad schwimmen gehen wollen. Ist ja auch egal. Dann schreiben wir einfach das auf, was die Politiker diskutiert haben.

Wir reden gerne über Bildung, aber bitte nur so, dass jede Schule besonders gut dasteht.

Wir reden gerne über Pressefreiheit, wenn der US-Präsident vor laufender Kamera die Medienvertreter diffamiert. Berichterstattung? Ja klar, unbedingt! Aber vor der eigenen Haustür bitte nur so, wie wir das wollen.

Wir trichtern uns ein, wie wichtig es ist, miteinander statt nur übereinander zu reden. Der Pöbel aber ist zum Schweigen verdammt – bitte nur Leute zitieren, die man immer zitiert.

Zeitung ist für alle da!

Tagtäglich wird im Lokaljournalismus unterschieden zwischen wichtig und unwichtig. Zwischen Menschen, über die es sich zu berichten lohnt, und Menschen, bei denen es sich nicht lohnt. Über Probleme, die welche sind, und solche, die keine sind, weil sie nicht das große Ganze betreffen oder als nicht elitär genug empfunden werden.

Der Punkt ist nur: Eigentlich lohnt sich doch alles. Zeitung ist für alle da. Zeitung ist nicht nur Kommunales, Kirche, Konzerte. „Aber haben Sie das nicht immer so gemacht?“ Gegenfrage: „Warum haben es die Zeitungen so schwer? Weil es gut so war, wie man es immer gemacht hat?“

Sim-Jü ist auch immer, aber wenn im großen Partyzelt mit Hunderten Besuchern eine Stinkbombe gelegt und das ganze Dingen dann evakuiert wird, kann man mal größer drüber berichten. Ist das boulevardesk oder einfach nur ehrlich? Es gibt Leute, die finden das übertrieben. Die wollen aber auch jedes Jahr 80 Zeilen darüber lesen, dass sich die Karussells gedreht haben. Anscheinend brauchen sie das schwarz auf weiß, weil sie sonst nicht glauben können, dass sich Karussells auf einer Kirmes wirklich drehen.

Die wollen auch 80 Zeilen darüber, wie die „Feierlustigen“ im Kolpingsaal „das Tanzbein geschwungen haben“, obwohl die kurzzeitig eingeführte Raucherregelung dazu hätte führen können, dass dort irgendwann gar keiner mehr das Tanzbein schwingt.

Die wollen 80 Zeilen kompliziertestes Deutsch, damit der Normalo auch ja nicht versteht, was da gestern im Rat besprochen wurde.

Ich finde das schade!

Es gibt Leute, die reden über Digitalisierung und darüber, bloß nicht den Anschluss zu verlieren. Die gerne betonen, wie toll es ist, dass Schüler heutzutage mit Tablets lernen. Die aber im Gegenzug nicht wollen, dass die Zeitung digitaler wird.

Es gibt Leute, die leichtere Themen blöd finden, weil sie nichts mit dem harten Kern zu tun haben, der gerne die Themen bestimmt; weil es in ihren Augen stumpfsinnige Themen sind, die es nicht verdient haben, aufgeschrieben zu werden.

Ich finde das schade!

Weil der Zumba-Tänzer genauso dufte ist wie der Politiker, der sich für seine Stadt einsetzt. Und im Idealfall auch für seine Wähler, die gerne Zumba tanzen.

Weil der Single über 30 ein Teil der Stadt ist.

Weil man nicht nur Konzerten lauschen, sondern auch Menschen zuhören kann, die mit der eigenen Lebenswelt nicht so viel zu tun haben.

Weil Menschen spannend sind. Nicht nur die, die sich selbst spannend finden.

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