Chantal Merten (40) ist Mutter zweier kleiner Kinder und seit neun Jahren Bestatterin. Jeden Tag begegnet sie trauernden Menschen, deren Geschichte sie manchmal auch länger beschäftigt.

Lünen

, 19.11.2018, 05:45 Uhr / Lesedauer: 4 min

„Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können“ steht auf dem Plakat an der Wand des ansprechend eingerichteten Besprechungsraumes im Lüner Bestattungshaus Kirchhof-Merten. Hier und in zwei weiteren Räumen besprechen Chantal Merten (40), ihr Mann Markus und ihre Mitarbeiterinnen mit Angehörigen wie diese sich Trauerfeier und Beerdigung vorstellen. Gespräche, die naturgemäß emotional sind, weil sich die Kunden in einer Ausnahmesituation befinden.

Emotionaler Spagat

Beruflich hat Chantal Merten mit endgültigem Abschied und Trauer zu tun. Privat halten sie ihre beiden fünf und drei Jahre alten Kinder auf Trab. Ein emotionaler Spagat. „Ich mag Menschen gern. Und meine Arbeit ist für mich sehr erfüllend, weil ich glaube, dass ich Menschen auch helfen kann.“

Vor neun Jahren entschied sich Chantal Merten, Bestatterin zu werden. Dabei hat sie in Detmold Innenarchitektur studiert und auch ihr Diplom in der Tasche. Schon für ihre Diplomarbeit beschäftigte sich die heute 40-Jährige mit dem Thema Bestattungen, denn sie gestaltete ein Bestattungshaus nach ihren Vorstellungen um. „Ich habe viel recherchiert und zum Thema gelesen.“

Der Liebe wegen nach Lünen gezogen

Und weil die Bestatter gut vernetzt sind, lernte sie auf einer Fachmesse den Lüner Markus Merten kennen, der den Familienbetrieb „Kirchhof-Merten“ seiner Eltern weiterführt. Der Liebe wegen zog sie nach Lünen und entschied sich dann auch gegen einen Job als Innenarchitektin. Denn Bestatter haben keine regelmäßigen Arbeitszeiten wie in anderen Berufen, die junge Frau wollte mehr Zeit mit ihrem Freund (und heutigen Ehemann) verbringen. Und das Thema Bestattungen interessierte sie auch.

Räumlichkeiten umgestaltet

„Zuerst hab ich mich um Trauerdrucke gekümmert, dann die Räumlichkeiten nach und nach umgestaltet“, erzählt sie. Sie traute sich aber auch Beratungen zu und übernahm diesen Bereich mehr und mehr. Wie aber geht man als junge Frau voller Lebensfreude mit Trauernden um, die gerade einen geliebten Menschen verloren haben? „Ich hab mir vorgestellt, wie ich behandelt werden möchte. Natürlich bieten wir erst mal rein sachlich eine Dienstleistung, aber wir möchten auch die Wünsche erfüllen, die der Verstorbene und auch die Angehörigen haben.“

„Ein guter Abschied“ ist wichtig

Für die meisten Hinterbliebenen ist die Trauerfeier der Zeitpunkt, an dem sie sich im Klaren werden, was ihnen da eigentlich gerade passiert ist. Und deshalb sei es auch so wichtig, dass es ein Abschied ist, von dem man später sagen kann, „es war ein guter Abschied“.

Manchmal bedanken sich Angehörige für sensible Beratung oder die individuelle Gestaltung der Trauerfeier. Ein Dank, der zeigt, wie wichtig Empathie bei dieser Arbeit ist. Dass man Trauernden beim Gespräch auch die Möglichkeit gibt, zu weinen und über den Verstorbenen zu sprechen. Dafür muss Zeit sein.

Jede Trauer ist so individuell wie ein Fingerabdruck

Gerd Kötter kam vor acht Jahren zum Verein Lüner Hospiz. Mittlerweile ist er auch freiberuflich als Trauerbegleiter tätig. © Günter Blaszczyk

Wenn die Trauerfeier vorbei ist, fängt die Trauer eigentlich erst an. Diese ersten Tage zwischen Tod und Beisetzung sieht Gerd Kötter als Schleusenzeit. Der ehrenamtliche Mitarbeiter des Vereins Lüner Hospiz ist seit diesem Jahr auch nebenberuflich freier Trauerbegleiter. „Egal, wie lange der Todesfall her ist, Trauer ist ein ständiger Prozess, der bis zum eigenen Lebensende dauert, der sich aber wandelt“, sagt der 58-jährige Lüner. Man könne Trauer verarbeiten, bewältigen, aber durch Ereignisse oder Erinnerungen könne sie immer wieder spürbar sein, „auch wenn man nicht die Probleme hat, die die ganz frische Trauer mit sich bringt.“

Zeigen, dass man nicht allein ist

Helfen kann es auch - vor allem aber nicht nur in der ersten Zeit - Briefe, Kondolenzschreiben wieder hervor zu holen, um zu spüren, dass man nicht allein ist. Kötter kennt auch die Probleme, die Freunde und Bekannte von Trauernden haben: „Oft fehlen einem die Worte, manche Leute meiden deshalb den Kontakt. Aber dann ist es doch besser, jemanden in den Arm zu nehmen, wenn der das zulässt, als sich zurück zu ziehen, wenn man nicht weiß, was man sagen soll.“

Ausbildung zum Trauerbegleiter

Vor fünf Jahren hat der Groß- und Außenhandelskaufmann seine Kenntnisse der Trauerarbeit durch eine Ausbildung des Vereins Lüner Hopsiz intensiviert. Und dann noch eine Ausbildung zum Trauerbegleiter privat absolviert. Demnächst wird er als Dozent an der Bildungsstätte Coesfeld künftigen Trauerbegleitern Themen wie „Schuld und Scham“ oder „Umgang mit Suizid“ nahe bringen.

„Ich brenne für die Trauerarbeit“, sagt er. Wohl auch, weil er selbst sehr früh mit Tod und Trauer konfrontiert wurde. Schon als Kind verlor er seine Eltern und weiß aus eigener Erfahrung, „wie wichtig es ist, dass Menschen einfach für einen da sind.“ Menschen, die keine Ratschläge geben, denn „auch Ratschläge sind Schläge“. Jede Trauer sei individuell wie ein Fingerabdruck.

Viele traurige Geschichten

Das weiß auch Chantal Merten aus ihrem täglichen Umgang mit ganz unterschiedlichen Menschen und deren ebenso unterschiedlicher Trauer. „Jeder Todesfall ist für die Hinterbliebenen schwer.“ Sie hört viele Geschichten, die auch sie zum Weinen bringt, wenn sie später in einer ruhigen Minute weiter darüber nachdenkt. Wenn Eltern um ihr tot geborenes Kind trauern oder wenn eine betagte Großmutter verzweifelt, weil ihr Enkel auf der Straße tödlich verunglückt ist.

Mit Fingerspitzengefühl

„Jeder Mensch trauert anders, man muss mit ganz viel Fingerspitzengefühl daran gehen, erstmal zuhören“, so Chantal Merten. Und auch zwischen den Zeilen lesen.

So sieht es auch Gerd Kötter, wenn er bei Trauerbegleitungen oder im Trauercafé des Vereins Lüner Hospiz auf Hinterbliebene trifft. „Trauerbegleiter sind wichtig, weil sie auch unangenehme Gefühle mit aushalten.“ Weil die Trauernden keine Angst haben brauchen, jemanden aus ihrer Umgebung zu belasten. Dieses Umfeld, das vielleicht gar nichts mehr davon hören will, das nicht versteht, warum Trauer möglicherweise auch Jahre nach einem Todesfall nicht vorbei ist. Oft jedoch haben Menschen, die trauern, Hemmungen, zu Treffpunkten oder Trauercafés zu gehen. „Jeder ist willkommen, egal, wie lange der Todesfall zurückliegt. Trauer braucht Ausdruck und Sprache. Man kann ohne Anmeldung zu den Treffen gehen, wir wollen einfach für die Menschen da sein, ihnen zuhören.“

Viel Ungesagtes

Zuhören ist auch ein ganz wichtiger Teil der Arbeit von Chantal Merten. „Es gibt auch Sterbefälle, die werde ich nie vergessen.“ Man lerne ja die Menschen persönlicher kennen als in jedem anderen Beruf: „Manche Menschen schleppen auch viel Ungesagtes mit sich herum.“

Die 40-Jährige hat ihren Berufswechsel nicht bereut. Vielleicht auch, weil sie die ganze Bandbreite des Lebens jeden Tag spürt - einerseits die Trauer, das endgültige Abschiednehmen und andererseits das volle Leben mit ihrer Familie.

Es gibt einmal im Monat einen „Treffpunkt für Trauernde“ im Paul-Gerhardt-Haus der Evangelischen Gemeinde Horstmar-Preußen. Jeweils am dritten Mittwoch im Monat treffen sich dort von 15.30 bis 17.30 Uhr Trauernde, unabhängig davon, wie lange es her ist, dass ein geliebter Mensch gestorben ist. Ein erfahrenes Team von Mitarbeiterinnen ist bei jedem Treffen anwesend. Infos bei Angelika Kristan, Tel. (02306) 4 78 02. Der Verein Lüner Hospiz bietet regelmäßig zwei Trauercafés an. Am 2. Sonntag im Monat von 15.30 bis 17.30 Uhr in den Räumen des stationären Hospizes am Wallgang, Holtgrevenstraße 5. Und am 4. Sonntag im Monat von 15.30 bis 17.30 Uhr im Altenzentrum St. Norbert, Laakstraße 78. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Der Verein Lüner Hospiz freut sich über alle Interessenten, die ehrenamtlich mitarbeiten wollen. Entsprechende Qualifizierungskurse werden angeboten. Interessenten können sich per Telefon (02306) 9 41 08 35, oder Mail info@luenerhospiz.de melden.
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