Keine Intensivstation, sondern ein Zuhause: Das will die Intensivpflege-WG in Schwerte für die Bewohner sein. Wichtig ist dafür, dass die Angehörigen ihnen beistehen. Nicht jeder kann das.

Schwerte

, 25.11.2018, 11:50 Uhr / Lesedauer: 4 min

Wachkoma – das kann lebenswert sein, da ist sich Volker Kraus sicher. Er ist Pflegedienstleiter bei Humanitair, dem Betreiber der Intensivpflege-WG an der Grünstraße. Hier leben acht Menschen, die beatmet werden müssen. Vier von ihnen fallen in die Kategorie, die man umgangssprachlich als „Wachkoma“ bezeichnet. Die anderen vier müssen zum Beispiel aufgrund schwerer Lungenkrankheiten beatmet werden, können daher nicht sprechen. 32 Jahre ist der jüngste Bewohner, 86 der älteste. „Vom Pflegerischen her kann man die meisten hier auf mindestens zehn Jahre am Leben halten, wenn es keine Komplikationen gibt. Die Frage ist aber: Will man das?“, sagt Kraus.

Angehörige machen den Unterschied aus

Die Antwort hängt für ihn davon ab, wie sich die Angehörigen einbringen. Und da gibt es in dem unscheinbaren, geklinkerten Haus an der Grünstraße große Unterschiede. Für einige der Pflegebedürftigen ist die Wohnung schon seit Jahren ihr Zuhause. Und auch für einige der Angehörigen, die nach dem Schock „Wachkoma“ engen Kontakt halten, ist die Intensivpflege-Wohngemeinschaft ein zweites Zuhause.

Aber längst nicht jeder, dessen Partner, Mutter oder Sohn im Wachkoma liegt, schafft diesen Schritt. Es gibt Bewohner, die keinen Besuch von Angehörigen bekommen.

„Adäquates Leben ist ohne Beistand schwierig

„Im Moment haben wir mehr Berufsbetreuer hier als Angehörige“, sagt Carla Tecsa Bardos, die die WG leitet. Dabei sei es enorm wichtig, dass die Bewohner spüren: Mich besucht jemand, der mich liebt. „Wenn ich hier ganz alleine liege, nur ,verwahrt‘ werde, die Verwandten zu Weihnachten eine Karte schreiben und das war es – dann ist es schwierig, ein adäquates Leben zu führen“, sagt Pflegedienstleiter Volker Kraus.

Wenn der Partner ins Wachkoma fällt: „Er hat bis zum Schluss alles mitgekriegt“

In der Humanitair-Intensivpflege-WG an der Grünstraße leben acht Menschen, die beatmet werden müssen. Carla Tecsa Bardos ist stellvertretende Pflegedienstleiterin. Sie leitet in Schwerte ein Team von 16 Mitarbeitern © Bernd Paulitschke

Denn egal, wie intensiv sich das Personal auch um die Pflege kümmert, „Angehörige sind Angehörige, die kann man nicht ersetzen“, so Carla Tecsa Bardos.

Sohn besucht seine Mutter täglich

Als die Mutter (83) von Detlev Kunisch im Februar 2017 in die WG einzog, stellte sich die Frage „besuchen oder nicht“ überhaupt nicht: „Würde ich liegen, sie würde auch jeden Tag kommen.“ Natürlich habe er sich anfangs gefragt: „Wie soll man das schaffen? Aber man wächst da irgendwie rein.“ Auch seine Schwester und sein Bruder sind regelmäßig zu Besuch. Ihre Mutter ist eine der Patientinnen, die nicht im Wachkoma liegen, aber beatmet werden müssen. Sie weiß, wer im Zimmer ist, reagiert mit den Augen, kann aber nicht sprechen.

„Würde ich liegen, sie würde auch jeden Tag kommen.“
Detlev Kunisch

Für den Bäcker hat sich der Lebensrhythmus aber verändert, seit seine Mutter beatmet werden muss und intensivpflegebedürftig ist: Nach der Schicht geht er schlafen, danach geht es in die WG. Mal zwei Stunden, am Wochenende auch mal vier oder fünf. „Es geht ihr gut hier. Aber Muttern hat natürlich auch mal schlechte Tage, wie jeder Mensch, so der 57-Jährige.

Kleine Fortschritte, aber keine Wunderheilung

Aber sie habe Fortschritte gemacht, seit die in die WG gezogen ist. „Anfangs hat sie viel geschlafen, jetzt nimmt sie mehr teil.“ Aber schwierig bleibt es, auch wenn die Situation mehr und mehr Alltag wird: „Man kann nicht erklären, wie es ist, wenn die Mutter sonst die ganze Zeit geredet hat und das auf einmal nicht mehr kann.“

Zur Sache

5000 Wachkoma-Patienten in Deutschland

Rund 1000 neue Wachkoma-Patienten gibt es in Deutschland laut der Deutschen Gesellschaft für Neurologie jedes Jahr. Rund 5000 sollen es insgesamt sein, sagt die Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie.

Die Hoffnung auf eine Wunderheilung? Auf riesige Fortschritte, zurück in ein normales Leben - gibt es die? „Ein bisschen Hoffnung hat vielleicht jeder, aber wer regelmäßig kommt, der sieht es schon auch realistisch“, sagt Volker Kraus diplomatisch. Aber Fortschritte gebe es durchaus: Wenn ein Bewohner anfangs 24 Stunden täglich beatmet werden muss, es dann aber auch mal stundenweise ohne künstliche Beatmung geht.

Und auch darüber hinaus bemüht sich das Pflege-Personal, um Fortschritte - und dabei ist die Zusammenarbeit mit den Angehörigen wichtig: Zum Beispiel, um zu erfahren, was dem Bewohner in seine „alten“ Leben gefallen hat. „Unsere jüngste Patientin, die entspannt sich, wenn sie die Rockmusik hört, die ihr auch früher gefallen hat. Da geht der Puls runter, sie entspannt sich“, beschreibt Carla Tecsa Bardos.

Ehefrau blieb der WG erhalten, obwohl ihr Mann gestorben ist

Die Zusammenarbeit zwischen Pflegepersonal und Angehörigen hat in einem Fall in der Schwerter WG besonders gut geklappt: Fast fünf Jahre wohnte der Mann von Monika Meier an der Grünstraße, bis er im Dezember 2016 gestorben ist. „Er hat bis zum Schluss alles mitgekriegt, das habe ich gespürt.“

Bevor ihr Mann gestorben ist, kam Monika Meier jeden Tag aus dem Dortmunder Süden nach Schwerte – und das hat sich auch nach seinem Tod nicht geändert. Nach einer Lungenembolie mit Reanimation war er Wachkomapatient geworden. „Erst Klinik, dann für mehrere Monate Reha. Danach haben wir in der WG ein neues Zuhause gefunden“, sagt Monika Meier.

Und das „wir“ trifft es in diesem Fall sehr gut. „Ich hatte ein Klappbett hier, habe hier übernachtet, an Feiertagen zum Beispiel.“ Mit der Zeit wurde die heute 69-Jährige Teil der WG – und ist es bis heute. „Ich helfe mit, spüle Töpfe, mache mal ein bisschen Wäsche. Lese die Krankenkassenkarten quartalsweise bei den Ärzten ein. Bringe Kuchen oder im Sommer Eis mit.“

Personal und Angehörige gehen freundschaftlich miteinander um

Warum? „Wenn ich nicht hier war, fehlt mir ein Stück. Ich habe hier doch meine Leute.“ Diese Beziehung zwischen den Angehörigen und dem Pflegepersonal spürt man als Besucher sofort. Man sitzt gemeinsam in der Küche, hält einen Plausch, trinkt Kaffee.

Wenn der Partner ins Wachkoma fällt: „Er hat bis zum Schluss alles mitgekriegt“

Die WG ist möglichst wohnlich eingerichtet. © Bernd Paulitschke

In der WG an der Grünstraße bemüht man sich, dass die Bewohner und die Besucher es möglichst heimelig haben: „Wir vermeiden bewusst, das es den Charakter einer Intensivstation hat. Und wir merken, dass Veränderungen eintreten, sobald Wachkomapatienten von der Intensivstation hier bei uns einziehen. Es gibt dann Fälle, wo die Kinder berichten, ihre Mutter musste im Krankenhaus fixiert werden, und hier ist sie nach ein, zwei Tagen so ruhig, dass man darauf verzichten kann“, sagt Carla Tecsa Bardos.

Für sie ein Zeichen dafür, dass die Patienten viel spüren: „Sie kriegen viel mehr mit, als wir uns vorstellen können.“

Defibrillatoren in Schwerte

Standorte sind in einer App verzeichnet

Es gibt immer mehr Intensivpflege-Patienten, wie Wachkoma-, aber auch andere Beatmungs-Patienten, so die AOK-Nordwest. Die Gründe liegen im medizinischen Fortschritt und der besseren nofallmedizinischen Versorgung - zum Bespiel mit Defibrilatoren im öffentlichen Raum. Auch in Schwerte gibt es diese an vielen Stellen. Einen guten Überblick über die Standorte bietet die App des Marienkrankenhauses. Dort werden die Defibrillatoren angezeigt, versehen mit einem Hinweis, wo genau man sie findet. Zum Beispiel bei der DLRG im Elsebad „Treppe rauf, in dem Schulungsraum, rechts neben der Tür“.
Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger An der Bahnhofstraße

Schon für Chanel geschminkt: Anna Maria Wolf eröffnet Make-up-Salon in Schwerte

Hellweger Anzeiger Wochenrückblick

Schwarzfahren dank Bürokratie, Niedrigwasser und ewiger Stau: Die Themen der Woche

Meistgelesen