„Im Rahmen der Inklusion reicht es, eine Schule zur Verfügung zu stellen“

dzInterview

Zum Thema Inklusion in den Grundschulen und allgemein zur Barrierefreiheit in städtischen Altbauten haben wir den Ersten Beigeordneten der Stadt Fröndenberg, Heinz-Günter Freck, befragt.

Fröndenberg

, 12.07.2019, 17:57 Uhr / Lesedauer: 2 min

Inklusion ist seit 2009 quasi ein Staatsziel. 2019 sind die Fröndenberger Grundschulen noch nicht barrierefrei. Ist eine kleinere Kommune wie die Stadt Fröndenberg allein damit überfordert, bauliche Barrierefreiheit an ihren Schulgebäuden herzustellen? Gibt es staatliche Fördermittel?

Heinz-Günter Freck: Sie sprechen hier ein generelles Problem an. Eine Barrierefreiheit im Zuge eines Neubauvorhabens herzustellen ist einfach und auch mit einem überschaubaren Mittelaufwand zu bewältigen. Anders sieht es bei der nachträglichen Herstellung der Barrierefreiheit in Bestandsgebäuden aus, insbesondere wenn der Baukörper ungünstig zugeschnitten ist.
Die Sonnenbergschule und die Gemeinschaftsgrundschule wurden in den 50er Jahren erbaut, die Overbergschule sogar in den 20er Jahren.

„Im Rahmen der Inklusion reicht es, eine Schule zur Verfügung zu stellen“

Fröndenbergs Beigeordneter Günter Freck erläutert, auf welche Widrigkeiten die Stadt beim barrierefreien Umbau der Grundschulen. © Archiv


Die Schulgebäude wurden in den folgenden Jahrzehnten je nach Bedarf sukzessive erweitert. Es wurden teilweise Zwischengeschosse geschaffen. Wenngleich die Schulen auf Grund der kontinuierlichen Bauunterhaltung einen guten Bauzustand aufweisen, so lässt sich doch wegen der gebäudespezifischen Besonderheiten nicht ohne weiteres überall die Barrierefreiheit erreichen.
Gerade das Vorhandensein von Zwischengeschossen – so wie wir sie an der Gemeinschaftsgrundschule vorfinden – erfordert für die vollständige Herstellung der Barrierefreiheit sogar eine zweite Aufzugsanlage, verbunden mit einem entsprechend erhöhten Investitionsvolumen und erhöhtem Wartungsbedarf. Spezielle Fördermittel hierfür gibt es momentan nicht.
»Allerdings ist der Baukörper so ungünstig gestaltet, dass wir keinen geeigneten Standort für einen zweiten Aufzug finden.«
Heinz-Günter Freck

Gleichwohl sehen wir den Bedarf, auch an unseren Grundschulen eine weitgehende Barrierefreiheit herzustellen. Mit den in der Phase „0“ für die Grundschulen geplanten Baumaßnahmen wird es gelingen, sowohl die Overbergschule wie auch die Sonnenbergschule nahezu vollständig barrierefrei zu gestalten und dabei auch die besonderen Aspekte des Brandschutzes zu berücksichtigen. Die Gemeinschaftsgrundschule kann mit einem Aufzug etwa zu 60 Prozent barrierefrei gestaltet werden. Allerdings ist der Baukörper so ungünstig gestaltet, dass wir keinen geeigneten Standort für einen zweiten Aufzug finden. Die bisher diskutierten Lösungen weisen doch alle erhebliche Nachteile aus. Ich erwarte im zweiten Halbjahr die Entscheidung über die als Ergebnis der Phase „0“ vorgestellten Baumaßnahmen. Es ist vorgesehen, dass der Schulausschuss und der Rat der Stadt sich in ihrer nächsten Sitzung damit befassen werden.

Welche Möglichkeiten hat die Stadt, dennoch auf den individuellen Fall einzugehen und andere Hilfsmittel anzubieten?

Freck: Im einzelnen konkreten Bedarfsfall wurden und werden durch die Stadt Fröndenberg die erforderlichen Ersatzmaßnahmen ergriffen oder organisatorische Regelungen getroffen um eine Unterrichtung von Kindern in den Grundschulen zu ermöglichen.

»Organisatorisch wurde geregelt, dass ein gehbehindertes Kind seinen Klassenraum durchgehend ebenerdig hatte.«
Heinz-Günter Freck

Ersatzmaßnahmen können elektrische Steighilfen für Treppen oder Rampen an Stufen sein. Bei einem gehörgeschädigten Kind wurde zum Beispiel der Schallschutz am Arbeitsplatz verbessert.
Organisatorisch wurde geregelt, dass ein gehbehindertes Kind seinen Klassenraum durchgehend ebenerdig hatte.
Treppenlifte sind insbesondere bei Rollstuhlfahrer ungeeignet, weil im anderen Geschoss dann kein Rollstuhl oder Ähnliches vorhanden ist. Des Weiteren engen Sie möglicherweise die Fluchtwege für die anderen Schülerinnen und Schüler stärker als zulässig ein.

Müssen Sie einzelne Anträge auf Unterricht an einer Regelschule ablehnen und welche Alternativen haben Eltern mit behinderten Kindern dann?

Freck: Bisher haben wir keinen Antrag auf Beschulung an einer Regelschule abgelehnt bzw. der Beschulung nicht zugestimmt. In der Vergangenheit waren die sachlichen und baulichen Voraussetzungen gegeben oder wurden hergestellt.
Zur Einschulung eines kleinwüchsigen Kindes an der Gemeinschaftsgrundschule wurde zum Beispiel die behindertengerechte Toilette errichtet. Die Barrierefreiheit an den Schulen wurde bisher nicht pauschal, sondern jeweils unter Berücksichtigung der baulichen Möglichkeiten bei Bedarf, geschaffen.
Generell gilt aber auch, dass es im Rahmen der Inklusion ausreicht, eine Schwerpunktschule zur Verfügung zu stellen.

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