„Ich bin doch der liebste Mensch“ – Amok-Fahrer der Silvesternacht verurteilt

dzLandgericht Essen

Alles sah nach einem Anschlag aus: An Silvester ist ein Autofahrer gezielt in Menschengruppen von Migranten in Essen und Bottrop gefahren. Die Richter sahen den Fall am Ende jedoch anders.

Bottrop, Essen

, 11.12.2019, 16:22 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Stimmung war ausgelassen, das Feuerwerk in vollem Gange. Dann das Drama: An Silvester 2018 ist ein Amokfahrer in Bottrop und Essen gezielt auf ausländisch aussehende Menschen zugefahren. Ein rassistisch motivierter Anschlag? Alles sah danach aus.

Die Richter am Essener Landgericht werteten den Fall am Ende jedoch anders. Sie haben den 50-jährigen Mann aus Essen am Mittwoch auf unbestimmte Zeit in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen.

Kein rechtsradikaler Täter

„Die Geschädigten sind nicht Opfer eines rechtsradikalen Täters geworden“, sagte Richter Simon Assenmacher in der Urteilsbegründung. „Es ist vielmehr die Tat eines schwer kranken Menschen.“

Der Amokfahrer leide seit Jahren unter paranoider Schizophrenie. Am Tattag sei es dann zu einem akuten Krankheitsschub gekommen. Schon Stunden vorher sei der 50-Jährige von Wahnideen geplagt worden.

Dann die Fahrt nach Bottrop, für die es gar keinen Anlass gab. Und schließlich ein Gedanke, der ihn offenbar nicht mehr losließ. „Er glaubte durch ausländisch aussehende Personen werde ein Anschlag vorbereitet oder schon im Gange“, hieß es im Urteil. In dieser Situation habe er sich beauftragt gefühlt, genau das zu verhindern. „Er wähnte sich in einer Mission, die Straßen wie mit einem Staubsauger langsam zu reinigen.“ So habe es der 50-Jährige schon kurz nach seiner Festnahme erklärt.

Frau gleich zweimal überfahren

14 Personen wurden damals verletzt – Erwachsene und Kinder. Eine Frau wurde zweimal überfahren. Dass sie überlebt hat, ist Glück. Sie wäre fast verblutet. Als sie im Prozess als Zeugin aussagen musste, konnte sie immer noch nicht wieder richtig laufen. Und dann die psychischen Folgen. „Viele Opfer leiden bis heute“, so Assenmacher. „Das Sicherheitsgefühl und das Alltagsleben sind gravierend beeindruckt.“

Dem Amokfahrer sei damals alles egal gewesen – auch der mögliche Tod der Opfer. Das Unrecht seiner Schuld konnte er laut Urteil jedoch nicht einsehen. „Wir sind sicher, dass er schuldunfähig war und die Krankheit auch nicht vorgespielt hat.“ Es gebe auch keine Anhaltspunkte dafür, dass er außerhalb seines Krankheitsbildes Ausländerhass empfinde oder rechtsradikale Gedanken habe.

„Ich bin doch der liebste Mensch“

Der 50-Jährige selbst hatte das im Prozess auch vehement bestritten. „Ich bin doch der liebste Mensch“, hatte er den Richtern gleich am ersten Verhandlungstag erklärt. Rechtlich werteten die Richter die Taten als versuchten Mord, versuchten Totschlag und als Körperverletzung.

Eine klassische Bestrafung kam wegen der attestierten Schuldunfähigkeit allerdings nicht in Frage. In Freiheit darf der 50-Jährige aber auch nicht mehr leben. „Er ist eine Gefahr für die Allgemeinheit“, so die Richter.

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