Einen 150. Geburtstag – wie viele Handwerksbetriebe erleben den? Bad und Heizung Hesse aus Schwerte feiert 2018 ein solches Jubiläum. Im Gründungsjahr war die Welt noch eine ganz andere.

Schwerte

, 16.10.2018, 08:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es war eine andere Welt – nicht nur politisch, wirtschaftlich, sozial und gesellschaftlich, sondern auch für den Bad- und Heizungsbau. Wobei der Begriff schon falsch ist: In den Häusern gab es keine Heizungsrohre, keinen Strom, nicht einmal fließend Wasser. Also auch keine Toiletten, nicht einmal auf „halber Treppe“ zwischen den einzelnen Etagen. Wer mal musste, musste raus zum Plumpsklo im Hof.

In dieser Welt gründete Wilhelm Hesse eine Firma. 1868 – Schwerte war im Aufbruch. Seit wenigen Monaten gab es die Eisenbahnlinie. Die Vorgänger von Hoesch-Schwerter Profile, den Stadtwerken und den Schwerter Ruhr Nachrichten wurden ebenso gegründet wie der Turnverein „Germania“, aus dem später die Schwerter Turnerschaft wurde.

Ein Schlosser, der von den Entwicklungen profitierte

Wilhelm Hesse war Schlosser und profitierte von neuen Erfindungen. In immer mehr Städten wurden Wasserleitungen aus Blei in die Häuser gelegt. In England erfand ein Töpfer das WC aus Keramik. Luxuriöse Wohnungen bekamen fest installierte Badewannen, Schlösser und Villen die ersten Warmwasserzentralheizungen – noch mit armdicken Leitungen und einem System, das rein von der Schwerkraft angetrieben wurde, nicht von Pumpen. Eine Sensation in einer Welt, in der man bisher immer in der Küche zusammengesessen hatte – im einzigen warmen Raum, denn dort stand der Ofen.

Hesse machte sich einen Namen in und um Schwerte, und kam 1898 zu einem richtig großen Auftrag: Haus Ruhr erhielt die erste „Centralheizung“ weit und breit. Auch ansonsten gab es offenbar viel zu tun: Mit den Wasserleitungen kamen auch Toiletten in die Häuser – „aber nicht in die Wohnungen, das wollte man wegen des Geruches noch nicht“, sagt Kai Hesse, der heutige Firmenchef, der Nach-Nach-Nach-Nachfolger von „Wilhelm Hesse, dem Ersten“, wie er ihn nennt. Vor der Feier zum 150-jährigen Bestehen hat Kai Hesse die Firmenchronik gewälzt und aufgeschrieben, welche Innovationen und Trends es in all dieser Zeit gab.

Hesse – gegründet vor 150 Jahren, als es keine Heizungen, Strom oder fließend Wasser gab

So sah der Hof der Firma an der Friedensstraße aus. © Foto/Repro: Hesse

Ein eigenes Badezimmer – so etwas gab es noch nicht

1903 kam Generation Nummer zwei in die Firma: Wilhelm Hesse junior. Wenige Jahre später war das „Frankfurter Bad“ sehr gefragt: Dusche oder Badewanne waren in einer Küchennische untergebracht – getrennt vom Raum durch Vorhang oder kleine Wand. Erst in den folgenden Jahrzehnten entstand das Badezimmer als Raum. Um 1930 seien Mosaike, Elemente aus Glas, lackierte Metallmöbel und eine großzügige Einbaubadewanne beliebt gewesen, erläutert Kai Hesse.

Doch es folgten harte Zeiten, im ganzen Land und auch in der Firma Hesse. Erwin Hesse, die Generation Nummer drei, musste in den Krieg und fiel 1941 im Alter von nur 35 Jahren – nur sechs Jahre, nachdem er in die väterliche Firma eingestiegen war. Seine Frau Hilde führte den Betrieb durch die Nachkriegswirren, durch eine Zeit, in der er zunächst kein Material gab und dann mehr als genug Gebäude zu bauen. Die Umstellung auf Öl und Gas, erklärt Kai Hesse, habe der Zentralheizung zum Durchbruch verholfen.

Hesse – gegründet vor 150 Jahren, als es keine Heizungen, Strom oder fließend Wasser gab

So präsentierte die Firma 1950 bei einer Messe ihre Neuheiten. © Foto/Repro: Hesse

Ein schwerer Unfall beim Bau des Schwesternwohnheims

Viel wurde gebaut, doch die Sicherheit der Arbeiter war kaum ein Thema. Das wurde Udo Ramsch zum Verhängnis, an den Hilde Hesse den Betrieb zwischenzeitlich verpachtet hatte. Beim Bau des Schwesternwohnheims stürzte er in einen nicht gesicherten Schacht und starb einige Zeit später an den Folgen.

So blieb die Firma wieder komplett in Familienhand: 1969 hatte Erwin Hesse junior sein Ingenieurstudium abgeschlossen und kam in die Firma. Genau rechtzeitig, um den Farbboom in den Schwerter Badezimmern zu begleiten: moosgrün, curryfarben, kastanienbraun – einige typische Farben der 70er, die es in vielen Häusern bis in die Gegenwart geschafft haben.

Effektiver heizen, weniger verbrauchen, individuelle Lösungen für Bad und Heizung schaffen – das sei in den Jahrzehnten danach wichtig geworden. Und heute? Manches Bad sei zur Wellnessoase geworden, erläutert Kai Hesse, der 1998 nach einigen Jahren bei einem Ingenieurbüro und auf großen Baustellen in den Familienbetrieb einstieg und der seit 2004 der Chef ist: „Die Technik wird immer komplexer und effizienter. Per Handy lässt sich die Badewanne füllen und die Heizung fernsteuern.“

Hesse – gegründet vor 150 Jahren, als es keine Heizungen, Strom oder fließend Wasser gab

Heute hat die Firma ihren Sitz an der Robert-Koch-Straße. Früher lag der aber an Rathausstraße und Kuhstraße. © Foto/Repro: Hesse

Diesen Wandel hätten aber viele noch nicht mitbekommen: „Das Image des Handwerksberufs ist nicht das beste“, ärgert sich Hesse. Dabei gehe es längst nicht mehr nur um körperliche Arbeit, sondern auch um geistige: Man brauche mindestens Realschulabgänger. Nicht jeder junge Mensch müsse studieren. Das Handwerk habe immer noch goldenen Boden. Denn, so Hesse: „Jeder braucht das Handwerk.“ Das zumindest hat sich seit 1868 nicht geändert.

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