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Helge Achenbach wohnt jetzt bei Günter Wallraff

Ex-Kunstberater

Helge Achenbach war mal erfolgreicher Kunstberater. Dann betrog er den Aldi-Erben und kam in Haft. Jetzt wohnt er bei Enthüllungsjournalist Günter Wallraff und ist glücklicher als zuvor.

von Christoph Driessen

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Köln

, 02.07.2018
Helge Achenbach wohnt jetzt bei Günter Wallraff

Kunstberater Helge Achenbach (r.) lebt jetzt bei Enthüllungsjournalist Günter Wallraff. © dpa

Es ist ein ungleiches Paar, das da auf der Terrasse hoch über den Dächern von Köln-Ehrenfeld in der Abendsonne sitzt. Der eine, mit verkehrt herum aufgesetzter Schirmmütze, ist Günter Wallraff (75), der bevorzugt aus dem Alltag der Machtlosen berichtet. Der andere, mit gelichtetem schneeweißem Haar, ist Helge Achenbach (66), ehemals Kunstberater der Reichen und Schönen, nunmehr verurteilter Betrüger. Vier Jahre saß er im Gefängnis, jetzt wohnt er bei Wallraff unterm Dach und teilt sich mit ihm Küche und Bad. Was hat Deutschlands bekanntesten Undercover-Journalisten dazu gebracht, den gefallenen Star der Kunstszene bei sich aufzunehmen?

Selbstmordgedanken

Achenbach hatte den Aldi-Erben und Multimilliardär Berthold Albrecht beim Vermitteln von Kunst mit verdeckten Preisaufschlägen betrogen. „Die ersten Monate im Knast waren die Hölle“, schildert er. „Dieses Nackt-Sein, in der Zelle-Liegen. Und immer der Gedanke: Wie konntest du so ein Irrer sein, das alles zu zerstören? Alles, was du in 40 Jahren aufgebaut hast! Jetzt bist du ein Betrüger, ein Knacki. Was für ein Horror! Da gab’s dann auch Selbstmordgedanken, die ich aber nie geäußert habe, weil mir die Mitgefangenen gesagt haben: Erwähn‘ das nicht, sonst wirst du jede Viertelstunde kontrolliert!“

Überwunden habe er diesen Tiefpunkt, weil er sich eingestanden habe, dass er selbst schuld war an seinem Unglück. „Ich habe Scheiße gebaut, und das war die Strafe. Ich habe mir gesagt: Das Jämmerlichste, was jetzt passieren könnte, wäre, dass du dich auch noch aufhängst.“ Diese Wende habe er nicht allein geschafft, andere hätten ihm geholfen: die Gefängnispsychologin, der Pfarrer, die JVA-Sport-Beamtin.

Helge Achenbach wohnt jetzt bei Günter Wallraff

Helge Achenbach steht in seiner Wohnung im Haus von Wallraff. © dpa

Danach sei es leichter für ihn geworden. Seinen Gefängnisalltag packte er sich bewusst voll: „Morgens um fünf bin ich aufgestanden. Um sechs hab‘ ich das Essen verteilt in meiner Etage. Um sieben bin ich zum Sport, hab‘ Trikots und Schuhe verteilt, die schmutzigen Klamotten gewaschen, die Toiletten geputzt. Mittags um zwölf wieder Essen austeilen, um zwei Uhr nochmal Sportraum aufschließen, um fünf Abendessen... Meist bin ich sofort nach der Tagesschau eingeschlafen.“ Mittwochs gab er zwei Stunden Kunstunterricht, das Interesse sei riesig gewesen. Einer seiner Skatbrüder war der frühere Top-Manager Thomas Middelhoff.

Haft ist die Rettung

So blickt er heute fast dankbar auf die Haft zurück: „Sie erscheint mir in gewisser Weise wie ein Aufenthalt im Kloster, eine Meditation. Ich glaube, sonst wäre ich heute gar nicht mehr da: Herzinfarkt, Schlaganfall. Es gab eine Zeit vor meiner Verhaftung, da war ich in einem Monat in 15 Städten mit zehn verschiedenen Privatflugzeugen unterwegs.“

Wallraff bestätigt das: „Ich habe dich damals bei einer Benefiz-Auktion erlebt, da hast du auf großer Zampano gemacht, und alle scharwenzelten um dich rum.“ Es ist nicht das erste Mal, dass Wallraff einen Gestrauchelten aufnimmt. Dass der „Ganz unten“-Autor nun aber den einstigen Kapitalisten-Berater und Millionen-Betrüger Achenbach bei sich einziehen lässt, mag manche überraschen.

„Ich habe ihn kennengelernt, als er aus dem Kunstgeschäft rauswollte, weil es da immer mehr nur noch um Spekulation und Geldanlage ging“, erklärt er. Er habe den Eindruck, dass Achenbach aus seinen Fehlern gelernt habe. „Das Gefängnis hat ihn nicht gebrochen, sondern aufgebaut und seine positiven Seiten hervorgebracht.“

16 Millionen Euro Schadenersatz

Auf einen grünen Zweig wird der ehemalige Kunstberater wohl nicht mehr kommen. Vom Düsseldorfer Oberlandesgericht wurde er zu 16 Millionen Schadenersatz für die Albrecht-Familie verurteilt. Dennoch ist er schon wieder aktiv: Er engagiert sich für politisch verfolgte Künstler. „Wenn ich heute einem Künstler, der vier Mordanschläge in Syrien überstanden hat, ein Atelier vermitteln kann, dann ist das ein Moment, der mich glücklich macht. Viel glücklicher als alles, was ich früher gemacht habe.“ Er wirkt tief bewegt, als er das sagt.

Natürlich steckt dahinter auch wieder sein alter Geltungsdrang, das gibt er zu. Seine Motivation ist vielleicht stärker denn je: Auf seinem Grabstein soll einmal etwas anderes stehen als „der Aldi-Betrüger“.

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