Hamelns Landrat Tjark Bartels tritt nach Lügde-Fall zurück

Schrittweise musste Hamelns Landrat Bartels Fehler seiner Behörde im Missbrauchsfall Lügde einräumen. Der SPD-Politiker geriet unter Druck, war seit Monaten krankgeschrieben. Nun tritt er zurück. Was machte ihm vor allem zu schaffen?

11.10.2019, 10:39 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der nach dem Missbrauch von Lügde unter Druck geratene Landrat des Kreises Hameln-Pyrmont, Tjark Bartels (SPD), hat seinen Rücktritt angekündigt. Er habe einen schweren Burn-out erlitten und sich nach dreimonatiger Krankheit entschieden, nicht in seinen Beruf zurückzukehren, teilte Bartels am Freitag in einer Videobotschaft mit. Als einen Grund nannte der 50-jährige Kommunalpolitiker Anfeindungen in sozialen Medien. „Auch ich habe das jahrelang ausgehalten. Im Fall Lügde war meine Grenze deutlich überschritten“, sagte Bartels.

Im Zuge der Ermittlungen zu hundertfachem Missbrauch auf einem Campingplatz in Lügde traten massive Behördenfehler ans Licht. So hatte das Jugendamt im benachbarten Hameln einem der Haupttäter die Pflegschaft für ein Mädchen übertragen, obwohl es vorher mehrere Hinweise auf sexuell übergriffiges Verhalten gegeben hatte.

Landrat Bartels räumte in seiner Erklärung erneut eine Fehlentscheidung des Landkreises ein: Das, was man habe sehen können, sei nicht gesehen worden. Nötig seien jetzt Maßnahmen, damit sich ein Fall wie Lügde nicht noch einmal wiederhole.

Bartels hatte das Landratsamt 2013 als Nachfolge von Rüdiger Butte (SPD) angetreten, der in seinem Büro von einem Rentner erschossen worden war. Zwischenzeitlich war Bartels in der SPD auch als Politiker mit Aussichten auf höhere Ämter gehandelt worden. Das Innenministerium prüft nun den Antrag des Landrats auf ein Ausscheiden aus dem Amt aus gesundheitlichen Gründen, wie eine Ministeriumssprecherin sagte. Eine Neuwahl muss dann binnen sechs Monaten stattfinden. Den Termin legt der Landkreis fest.

Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) verurteilte nach Bartels Rücktritt Hassbotschaften an Politiker in sozialen Medien. „Ich würde mir wünschen, dass unsere ganze Gesellschaft noch achtsamer wird, was den Umgang miteinander anbelangt und mit Menschen, die in welcher Weise auch immer in der Öffentlichkeit stehen“, sagte Weil. „So verabscheuenswürdig auch die Verbrechen von Lüdge waren, sie rechtfertigen keinesfalls Hassbotschaften in sozialen Medien gegen politisch Verantwortliche oder gegen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Institutionen.“ Der Landrat habe die notwendigen Schlussfolgerungen gezogen, damit sich Fehler wie im Fall Lügde nicht wiederholten.

Die FDP-Landtagsabgeordnete Sylvia Bruns meinte jedoch, Bartels habe die Zeichen der Zeit erkannt. „Mit seinem freiwilligen Rückzug vom Amt kommt er einem erzwungenen Rücktritt jedoch nur zuvor.“ Nun gebe es die Chance, die Vorgänge in Lügde mit einem neuen Kopf an der Spitze weiter aufzuarbeiten.

Die SPD-Landtagsfraktionsvorsitzende Johanne Modder hob die politischen Verdienste Bartels hervor. „Er zählt zu einem der profiliertesten Politiker auf kommunaler Ebene und hat seit seiner Amtsübernahme im Jahr 2013 viel erreicht.“ Als „beschämend und respektlos“ bezeichnete Modder die FDP-Reaktion gegen einen erkrankten politischen Kollegen, der mit viel Mut seinen Burn-out öffentlich mache.

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