Alarmierend: Nahezu alle Kinder und Jugendliche haben Plastik im Körper. Wie gefährlich das ist, weiß noch niemand. Müssen die Selmer Kläranlagen aufrüsten? Der Lippeverband fordert anderes.

Selm

, 21.10.2019, 18:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Bilder wogender Müllteppiche auf den Weltmeeren kennt jeder. Inzwischen findet sich das fiese Mikroplastik aber auch in Flüssen, im Boden und in der Luft. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis Wissenschaftler es auch da entdeckten, wo es besonders besorgniserregend ist.

Es ist Oktober 2018, als österreichische Forscher des dortigen Umweltbundesamtes und der Universität Wien erstmals Mikroplastik im menschlichen Stuhl nachweisen. Nicht ganz ein Jahr später schreckt eine noch nicht veröffentlichte Studie des deutschen Umweltbundesamtes und des Robert-Koch-Instituts die Öffentlichkeit auf, insbesondere junge Eltern.

Plastikweichmacher im Urin von 3- bis 17-Jährigen

Wie der Spiegel im September berichtet, haben nahezu alle Kinder und Jugendliche Plastik im Körper. 97 bis 100 Prozent der 2500 Untersuchungsteilnehmer im Alter von 3 bis 17 Jahren hatten im Urin Rückstände von Kunststoffen, darunter vor allem von Plastik-Weichmachern, wie die Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen bestätigt.

Was tun? Die Umweltorganisation WWF hat eine Liste mit 19 Maßnahmen zusammengestellt. Punkt zwölf fordert: „Verbesserung der Filter in Kläranlagen (vierte oder fünfte Reinigungsstufe), um das Mikroplastik, das durch Reifenabrieb oder Waschen von Textilien entsteht und ins Abwassersystem eingeleitet wird, herauszufiltern“ - ein Vorschlag, den Ilias Abawi, Sprecher des für die Selmer Kläranlagen zuständigen Lippeverbandes, aber kritisch sieht.

Vierte Reinigungsstufe im Kampf gegen Medikamente

„Die vierte Reinigungsstufe“, sagt Abawi, sei bei Mikroplastik kaum sinnvoll. Dabei gehe es stattdessen um Herausfiltern von Spurenstoffen: vor allem Medikamentenresten. Und auch bei der Beurteilung von deren Wirksamkeit bestehe Uneinigkeit.

Gefahr durch winzige Teilchen: Können Selms Kläranlagen etwas tun gegen Mikroplastik?

Ein Teelöffel mit einer Kosmetik, die Mikroplastik (blaue Perlen) enthält. © picture alliance / Stefan Sauer/

Herkömmliche modernen Kläranlagen haben drei Reinigungsstufen: die Abwasserklärung mit dem Rechen, die weitere Filterung im Vorklärbecken und die biologische Reinigung. Circa 70 Prozent der Spurenstoffe - etwa Schmerzmittel-Wirkstoffe - werden laut Lippeverband so aus dem Abwasser gezogen. 80 bis 90 Prozent sind es beim Mikroplastik: Kunststoff, der im Klärschlamm zurückbleibt.

Der Lippeverband sammelt mit der Emschergenossenschaft seit zehn Jahren Erfahrungen zur vierten Reinigungsstufe in mehreren Pilotprojekten: in Selms Nachbarschaft Dülmen, aber auch in Bad Sassendorf, Hünxe, Gelsenkirchen und Dinslaken.

Skepsis gegenüber flächendeckender Einführung

„Vierte Reinigungsstufe ist dabei nicht der Begriff für eine bestimmte weitere Klärtechnik“, sagt Abawi. Eine ganze Reihe verschiedener Verfahren seien darunter zu verstehen: Ozonierung, Membranfiltration oder Aktivkohlefiltration.

„Tatsächlich gelingt es, mit diesen Verfahren auch hartnäckige Spurenstoffe aufzuknacken und zu entsorgen“, zumindest bis zu 90 Prozent, sagt der Sprecher. Der dafür nötige Energieeinsatz und damit der ökologische Fußabdruck seien aber äußerst hoch - und damit auch die Kosten.

Gefahr durch winzige Teilchen: Können Selms Kläranlagen etwas tun gegen Mikroplastik?

Ilias Abawi, Sprecher des Lippeverbandes, appelliert, eine Lösung für das Problem nicht am Ende der Kette zu suchen, an der Kläranlage, sondern zu Beginn. © Emschergenossenschaft

Ein Nachrüsten der örtlichen Kläranlagen mit der vierten Reinigungsstufe sehe der Lippeverband daher skeptisch, so Abawi. Der Lippeverband will im Kampf gegen Spurenstoffe aber das tun, was auch bei der Eindämmung der Mikroplastikflut helfen könnte. Die Problemstoffe dürften erst gar nicht ins Abwasser gelangen, so Abawi. Vermeidung sei das Ziel.

Der WWF fordert das ebenfalls. Zu tun gibt es da einiges für die Verbraucherinnen und Verbraucher. Denn Quellen für Mikroplastik gibt es laut WWF viele: „Sei es der Abrieb von Reifen, der Verschleiß größerer Plastikteile wie zum Beispiel Verpackungen, das Waschen von synthetischen Textilien oder die Verwendung von Mikroplastikpartikeln in Kosmetika.“

Das Problem mit dem Biomüll

Jeder Deutsche setzt laut einer Studie des Fraunhofer-Instituts vom Juni 2018 vier Kilogramm Mikroplastik pro Jahr frei: 330.000 Tonnen pro Jahr. Reifenabrieb macht dabei den größten Anteil aus, gefolgt von der Abfallentsorgung - und dabei besonders von der Kompostierung.

Im Biomüll, der als Dünger dient, befinden sich bis fünf Millimeter kleine Plastikteile: Daran haben nicht zuletzt die Verbraucherinnen und Verbraucher Schuld, weil sie den Biomüll nicht sorgfältig trennen, wie Forscherinnen und Forscher der Universität Bayreuth nachwiesen.

Das Problem mit dem Klärschlamm

Nicht nur Kompost ist ein Problem: Bundesweit wird ein Viertel des Klärschlamms als Dünger genutzt. Das Material, in dem das Gros des Mikroplastiks aus dem Abwasser endet, wird in Äcker eingearbeitet. Etwa auch in Selm?

„Nein“, schreibt Ilias Abawi auf Anfrage: „Die Klärschlämme des Lippeverbandes werden komplett verbrannt. Dementsprechend wird unsererseits nichts der Landwirtschaft zugeführt.“ Laut gültigem Abfallwirtschaftskonzept des Lippeverbandes für die Jahre 2015 bis 2025 ist auch anderes möglich.

Nur bis zu etwa 72 Prozent der jährlich anfallenden Klärschlammmenge werden thermisch entsorgt, also verbrannt, ist da nachzulesen. „Circa 28 Prozent von der Gesamtmenge werden in der Landwirtschaft stofflich verwertet.“

Mikroplastik
  • Seit 1964 hat sich die Produktion von Plastik laut WWF verzwanzigfacht. 2017 wurden weltweit 348 Millionen Tonnen Plastik pro Jahr hergestellt. Diese Menge könnte sich nach Schätzungen des WWF in den nächsten 20 Jahren noch verdoppeln.
  • Problematisch ist Plastik in der Umwelt deshalb, weil es sich extrem langsam, mitunter überhaupt nicht zersetzt. Entgegen der vielfach zitierten Zahl von 450 Jahren, die Plastik in der Umwelt verbleiben soll, schätzen andere Studien Abbauzeiten von Plastik je nach Umgebungsfaktoren auf bis zu 2.000 Jahre.
  • Das Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) und das Umweltbundesamt definieren Mikroplastik so: feste, wasserunlösliche Kunststoffpartikel, die fünf Millimeter und kleiner sind.
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