Gefängnispfarrer: JVA Schwerte hatte große Bedenken, Michael S. freizulassen

dzMord-Prozess

Michael S. in die Freiheit entlassen? In der JVA Schwerte hatte man große Bedenken. Das wurde am Freitag im Mord-Prozess von Ergste deutlich. Der Gefängnispfarrer widersprach auch Vorwürfen.

Ergste

, 06.09.2019, 15:37 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wie sieht es im Inneren des mutmaßlichen Mörders von Ergste aus? Da der Angeklagte schweigt - und das nach Angaben des Verteidigers auch so bleiben wird - muss das Landgericht Hagen die Antwort über andere Wege finden. Immer noch geht es ja um zwei zentrale Fragen: Hat der 1990 als Mörder verurteilte Michael S. im Januar 2019 eine 72-Jährige in Ergste umgebracht? Und falls ja: Erhält er nur eine Gefängnisstrafe oder eine mit anschließender Sicherungsverwahrung?

Wobei: Einmal - erst am siebten Prozesstag und das auch extrem impulsiv - war im Gerichtssaal doch die Stimme von Michael S. (51) zu hören gewesen. Vor einer Woche war das, als es um die Zeit in der JVA in Schwerte-Ergste ging und darum, wie S. selbst auf die Zeit in der Theatergruppe zurückblickt.

Schwere Vorwürfe hatte der Angeklagte da erhoben. Der Anstaltspfarrer und Theatergruppen-Leiter hätte ihm Wünsche verwehrt, habe ihn gedemütigt durch das ständige In-den-Mittelpunkt-Stellen.

Gefängnispfarrer begleitete Michael S. von 2004 bis 2018

Grund genug für die Richter um den Vorsitzenden Marcus Teich, den evangelischen Geistlichen kurzfristig vorzuladen. Und obwohl Dirk Harms am Freitag zunächst andeutete, einiges könnte unter seine Schweigepflicht fallen, hatte er dann doch viel Erhellendes beizutragen. Kein Wunder - begleitete er Michael S. doch ab seiner Verlegung aus der JVA Werl nach Ergste im Jahr 2004 bis zum Herbst 2018, bis zu vereinzelten Kontakten nach der Entlassung.

Direkt 2004 stieß Michael S. demnach zur Theatergruppe in der JVA. „Er war in einem völlig zurückgezogenen Zustand und stotterte, war sehr eingeschränkt in allem“, erinnerte sich Harms: „Die Theaterarbeit war eine Möglichkeit, ihn zu erreichen - und er hat sich auch immer mehr entfaltet.“

Bei den Stücken lebte Michael S. auf und hätte Zuschauer begeistert. Und das müsse auch aus innerem Antrieb passiert sein. S. habe in der eigenen Zelle „eine minutiöse Choreografie erarbeitet“, für eine andere Aufführung dann „einen 15-minütigen Monolog selbst erarbeitet“.

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Demütigung? Dazu habe schon ein Hinweis zur Kleidung gereicht

Michael S. sei zur Teilnahme gedrängt worden? Falsch, behauptet Harms: „Er musste nicht. Es war freiwillig. Aber wenn ich dann mit anderen gearbeitet habe, kam er an und fragte: Wieso mache ich nicht mit?“

„Gedemütigt“ habe sich Michael S. ohnehin schnell gefühlt - schon, wenn man ihm bei 5 Grad Außentemperatur gesagt habe, er möge sich bitte eine Jacke anziehen.

Aber hat der Pfarrer dafür gesorgt, dass S. Theater spielte statt zur Therapie zu gehen? Harms unterstreicht: Völlig falsch, solche Entscheidungen könne er ja gar nicht treffen. „Ich habe vielmehr schon 2006 gesagt: Der Mann braucht eine Therapie.“ Vom psychologischen Dienst sei allerdings gesagt worden: Eine richtige Therapie sei noch nicht möglich. Dafür sei S. nicht weit genug.

Er selbst, so Harms, habe sich um einen Therapeuten für den Inhaftierten gekümmert. Allerdings unterm Strich erfolglos.

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„Uns war klar: Wenn er freikommt, braucht er ein enges Korsett“

Interessantes hatte Harms auch zur Situation rund um die Freilassung von Michael S. zu berichten: Nachdem der bei einem Wochenend-Freigang im Mai 2018 einfach für zwei Tage verschwunden war, habe man ihm den Ausgang gestrichen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ein Gutachten aber schon vorgeschlagen, der verurteilte Mörder solle freikommen. Harms dazu: „In der Anstalt war aber allen klar: Wenn er freikommt, braucht er ein enges Korsett.“ Ein striktes Verbot von Alkohol und Drogen, eine strenge Freizeitgestaltung, viele Kontrollbesuche - das habe man auch angeregt. „Umso überraschter waren wir, als nichts davon umgesetzt wurde.“

Plädoyers und Urteil

Das sind die Termine für den restlichen Prozess

Am Montag, 30. September, kann das Gericht dem psychologischen Gutachter Pedro Faustmann noch einige Fragen stellen. Anschließend stehen die Plädoyers von Staatsanwalt Michael Burggräf und Verteidiger Martin Düerkop an. Am Donnerstag, 10. Oktober, spricht das Gericht um den Vorsitzenden Richter Marcus Teich dann das Urteil. Beginn der Verhandlungstage ist jeweils um 9 Uhr.
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