Seit einer Magen-Bypass-Operation steht das Leben von Claudia Naschwitz auf dem Kopf. Sie ist in Hochstimmung, hat schon 15 Kilo abgenommen. Und mag keine Nutellabrote mehr.

Schwerte

, 25.07.2018, 16:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Der 24. Mai 2018 markiert für Claudia Naschwitz den Tag, an dem für sie ein neues Leben begonnen hat. Ein Tag, dem sie seit zwei Jahren entgegengefiebert hat. Der Tag, an dem sie sich bei Dr. Bertram Wagner unters Messer gelegt hat. Freiwillig, um endlich abzunehmen.

Der Chirurg kam vor einem Jahr als Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Gefäß- und Minimalinvasive Chirurgie ans Schwerter Marienkrankenhaus und brachte den Leistungsschwerpunkt Bariatrische und Metabolische Chirugie mit. Kurzum: Dr. Wagner operiert übergewichtige Menschen. 20 dieser Operationen hat er in diesem Jahr schon gemacht.

Für Claudia Naschwitz war das Skalpell die letzte Rettung

Dr. Bertram Wagner führt am Marienkrankenhaus Adipositas-Operationen durch. © Bernd Paulitschke

Eine davon war die von Claudia Naschwitz am 25. Mai. „Ich habe einen Magenbypass bekommen“, berichtet die 1,57 Meter kleine Frau. Mit 114 Kilogramm ist sie in die Operation gegangen, bei der ihr Magen auf ein Fassungsvermögen von 150 Milliliter verkleinert wurde. „Seitdem kann ich gar keine großen Portionen mehr essen“, sagt Claudia Naschwitz erfreut. Denn dank der „Fruchtzwerg-Portionen“ und eines veränderten Stoffwechsels hat sie in den ersten fünf Wochen nach dem Eingriff schon 15 Kilo verloren.

Drei Operationsmethoden kommen bei Dr. Wagner für adipöse Menschen in Frage. Claudia Naschwitz hat er einen laparoskopischen Y-Roux-Magen-Bypass gelegt, bei dem der Magen verkleinert und direkt an eine Dünndarmschlinge angebunden wird – die international am häufigsten durchgeführte Adipositas-Operation. Durch die Umleitung des Dünndarms vermengen sich Nahrung und Verdauungssäfte erst später im Dünndarm. Daher kann ein Teil der Kalorien (Fette und Zucker) nicht verdaut werden, sondern verlässt den Körper wieder mit dem Stuhl. Dadurch nimmt der Organismus Nährstoffe, Vitamine und Spurenelemente schlechter auf. Sie müssen ersetzt werden.

Seit der OP passen nur noch Mini-Portionen in den Magen

Claudia Naschwitz nimmt seit der OP Vitaminpräparate ein, muss ihre Eisen- und Vitamin-B12-Werte regelmäßig kontrollieren lassen. Und darauf achten, dass sie täglich 80 Gramm Eiweiß zu sich nimmt. Gar nicht so einfach, wenn man nur noch Mini-Portiönchen essen kann. Aber Claudia Naschwitz klagt nicht. Ganz im Gegenteil: Sie genießt den Verlust von 15 Kilo und drei Kleidergrößen, und zwar in vollen Zügen.

Für Claudia Naschwitz war das Skalpell die letzte Rettung

Claudia Naschwitz 2016 nach zahllosen Diätversuchen.

Ihr Arzt nennt das die „Honeymoon-Phase“. Dr. Bertram Wagner: „Die gerade zu Anfang drastischen Gewichtsverluste versetzen viele Patienten in Hochstimmung.“ Schließlich hätten sie meist ja auch einen langen Leidensweg mit zahlreichen erfolglosen Diäten hinter sich und nun endlich mal ein Erfolgserlebnis.

Den Erfolg sieht Claudia Naschwitz nicht nur beim Gang auf die Waage oder beim Griff in den Kleiderschrank: „Mit tun schon nach dieser kurzen Zeit Knie und Hüften nicht mehr weh. Und ich kann mich bücken und wieder aufstehen.“ Sogar Sport, der ihr in dicken Zeiten stets ein Graus gewesen sei, mache ihr inzwischen Spaß, beim Zumba light und Zirkeltraining tobt sie ihre gute Laune aus. „Das schönste Erfolgserlebnis war bisher allerdings, dass ich auf die Schaukel meiner Tochter passe.“

Adipösen Patienten macht Dr. Bertram Wagner nichts vor: „Sie müssen die Bereitschaft mitbringen, ihr Leben zu ändern.“ Dazu gehören Bewegung und eine Ernährungsumstellung. Kohlenhydratarm und eiweißreich muss die Ernährung sein. Nur eine negative Energiebilanz führe zu dauerhaften Abnehm-Erfolgen. Ob Patienten sich ernsthaft auf diese dauerhaften Veränderungen einlassen, prüft die Krankenkasse, bevor sie eine Kostenzusage für die Operation macht.

Die Prüfung ist streng. Das hat Claudia Naschwitz am eigenen Leib erfahren müssen. Sie bemüht sich schon seit 2016 um eine Bewilligung der Operation. Sie hatte Mutter und Bruder an Fettleibigkeit sterben sehen und nach vielen erfolglosen Diätversuchen auf die Operation gesetzt. Bewegungstherapie, Ernährungsberatung, psychologische Beratung, Selbsthilfegruppe – sie habe den kompletten Hürdenlauf absolviert, den die Krankenkasse fordere. Ihr Antrag sei dennoch abgelehnt worden. „Am Marienkrankenhaus bin ich dann zu Dr. Wagner gekommen und dem Team von Frau Dr. Rosenthal. Da hat es endlich geklappt.“

Krankenkassen stellen sich manchmal quer

Das Marienkrankenhaus arbeitet eng mit dem Medizinischen Versorgungszentrum von Dr. Anke Rosenthal in der Praxis von Dr. Dietmar Hüwel und Dr. Susanne Woort an der Poststraße 1 zusammen. Dort wird ein individuell abgestimmter Behandlungsplan entwickelt und beim Dialog mit der Krankenkasse geholfen. So hat es bei Claudia Naschwitz auch im zweiten Anlauf geklappt mit der Bewilligung. Bertram Wagner ärgert sich dennoch über das restriktive Vorgehen der Kassen: „Dicken werden viele Steine in den Weg gelegt. Die Kassen wehren sich massiv gegen die Operationen. Dabei bergen die Eingriffe ein riesiges Einsparpotenzial, denn sie verhindern eine Menge Folgeerkrankungen, die auf Sicht viel mehr Kosten verursachen würden.“ Er hält es für ein Armutszeugnis, dass in der Bundesrepublik nur einer von 1000 adipösen Menschen operiert wird. Wagner: „In Schweden liegt die Quote bei 9. Die sind deutlich weiter als wir.“ Eine Magen-Bypass-Operation kostet etwa 8000 Euro.

Fünf Wochen nach der Operation ist Claudia Naschwitz ein „Uhu“ (unter 100 Kilo) und beseelt von der Idee, andere Dicke für die operative Lösung zu begeistern. Sie hat am Marienkrankenhaus die Adipositas-Selbsthilfegruppe „lila“ gegründet, die Gruppentreffen, Gesprächskreise und Experten-Vorträge anbietet und sich an jedem ersten Donnerstag im Monat um 18 Uhr in der Cafeteria des Krankenhauses trifft. Dort motivieren sich Übergewichtige und ehemalige Dicke gegenseitig fürs Abnehmen und fürs Gewichthalten, was wohl die wahre Kunst ist, wie jeder weiß, der schon mal abgenommen hat. Claudia Naschwitz ist extrem motiviert. Ihr Ziel hat sie klar vor Augen: „65 Kilogramm wären toll. Und Kleidergröße 36/38.“ Damit das klappt, hat sie ein altes Foto von sich an den Kühlschrank gepappt.

Bertram Wagner ist in dieser Hinsicht etwas weniger euphorisch. Wer einmal stark übergewichtig gewesen sei, werde selten normalgewichtig. „Aber in diesen Fällen ist ja schon ein hochnormales Gewicht ein echter Gewinn.“ Und das sei erreichbar mit einer minimalinvasiven Operation mit einer äußerst geringen Komplikationsrate. Die in vielen Fällen dafür sorge, dass schon vor dem ersten verlorenen Gramm eine deutliche Verbesserung der Blutzucker-Werte messbar sei. Außerdem bewirke die Operation häufig, dass die Patienten plötzlich gar keinen Appetit mehr auf die Dickmacher haben.

Plötzlich ist die Gier nach Süßkram weg

Das begeistert auch Claudia Naschwitz: „Früher kam ich am Nutella-Glas nicht ungeschoren vorbei. Seit der OP kriege ich gar keine Nuss-Nougat-Creme mehr runter. Auch Schokolade geht gar nicht mehr, nicht mal in Kleinstmengen.“ Ihr Geschmack habe sich völlig verändert, berichtet sie. „Irgendwie ist nichts mehr wie vorher“, lautet ihr Zwischenfazit nach 15 Kilogramm Gewichtsabnahme. „Ich bin ein ganz anderer Mensch geworden. Ich verkrieche mich nicht mehr.“ Wie so häufig bei Frauen, symbolisiert eine neue Frisur den Aufbruch in einen neuen Lebensabschnitt. Die Haare sind ab, die Mähne einem flotten Kurzhaarschnitt gewichen.

Unter zehn Patienten, die sich einer Adipositas-Operation unterziehen, sei nur ein Mann, sagt Bertram Wagner. Dabei litten die Männer ebenso unter den gesundheitlichen Folgen der Fettleibigkeit wie die Frauen. Sie ließen sich aber vermutlich weniger von gängigen Schönheitsidealen treiben. Lassen sie sich operieren, droht auch ihnen nach der Gewichtsabnahme eine kosmetische Korrektur-OP. Wenn überschüssige Haut an den betroffenen Körperstellen herunterhängt, aneinanderreibt und Entzündungen verursacht, muss der Doktor nochmal mit dem Skalpell ran. Die Kosten für die Beseitigung der „Fettschürze“ übernimmt oftmals die Krankenkasse.

Davon ist Claudia Naschwitz noch ein gutes Stück entfernt, wenngleich sie schon jetzt ihre „Winkearme“ vorführen kann, an denen sie auch schon abgenommen hat. Sie ist wild entschlossen, die Brüste operieren zu lassen, wenn es mit dem Abnehmen weiter so gut läuft und am Ende das Gewebe nicht mehr mitkommt. Bis dahin hat sie allerdings noch rund 35 Kilogramm vor sich.

  • Fettleibigkeit ist auf dem Vormarsch: Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft geht davon aus, dass momentan rund 16 Millionen Menschen in Deutschland an Fettleibigkeit leiden. Weltweit gilt jeder dritte Mensch als übergewichtig.
  • Ein chirurgischer Eingriff wird empfohlen bei einem BMI ab 35, wenn es schon Begleiterkrankungen gibt, und über 40.
  • Der BMI (Body Mass-Index) berechnet sich aus dem Körpergewicht in Kilogramm dividiert durch das Quadrat der Körpergröße. Demnach hatte Claudia Naschwitz vor ihrer OP einen BMI von 46. Das super-dünne Super-Model Twiggy soll einen BMI von 14,6 gehabt haben. Die Autorin dieses Artikel kommt auf 26.
  • Experten unterscheiden bei fettleibigen Menschen zwischen Sweetern (die Süßes bevorzugen) und Volumen-Essern (die große Mengen brauchen). Laut. Dr. Wagner sind die Sweeter schwieriger zu therapieren.
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