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Eltern im Prozess freigesprochen: Richter spricht von „unbefriedigendem Ergebnis“

Kindesmisshandlung

14 Knochenbrüche: Dass der kleine Junge misshandelt wurde, steht in den Augen des Richters außer Frage. Trotzdem gab es am Mittwoch zwei „unbefriedigende“ Freisprüche.

Selm

, 09.01.2019
Eltern im Prozess freigesprochen: Richter spricht von „unbefriedigendem Ergebnis“

Das Bild zeigt den Auftakt des Prozesses. © Werner von Braunschweig

Freispruch für den Vater aus Bork, Freispruch für die Mutter aus Herten: Mit einem Urteil, das selbst die Richter ausdrücklich ein „sehr unbefriedigendes Ergebnis“ nannten, ist am Mittwoch (9. Januar) am Bochumer Landgericht der Prozess um das Misshandlungs-Schicksal eines nur wenige Wochen alten Säuglings zu Ende gegangen.

„Das Kind ist ganz sicher misshandelt worden“

Richter Michael Janßen machte in der knapp einstündigen Urteilsbegründung keinen Hehl daraus, dass die Freispruch-Entscheidung der 6. Strafkammer nicht leichtgefallen ist. Zumal in den Augen der Richter feststeht, dass der kleine Junge im Herbst 2016 Verletzungen erlitten hat, die eindeutig auf Gewalteinwirkung zurückzuführen sind. „Auf gut Deutsch heiß das: Das Kind ist ganz sicher misshandelt worden“, sagte Richter Michael Janßen. Die nachweislich erlittenen 14 Knochenbrüche an Armen, Beinen und Rippen bezeichnete der Vorsitzende Richter beim Urteil wörtlich als „grausame Verletzungen“.

Doch auch wenn der Kreis der möglichen Täter mit maximal vier bis fünf Personen (Mutter, Vater, Großeltern und Schwägerin) überschaubar klein sei, sahen sich die Bochumer Richter letztlich „leider“ außerstande, mit der für eine Verurteilung erforderlichen Sicherheit zuordnen zu können, wer konkret „das Kind so schwer misshandelt“ hat. Und auch für eine abgeschwächte Verurteilungsform wegen unterlassener Hilfeleistung beziehungsweise Körperverletzung durch „Zu-wenig-Tun“ reichte es in den Augen der Richter nicht aus. Die Staatsanwaltschaft hatte zumindest deswegen für die Mutter noch eine zweijährige Gefängnisstrafe beantragt.

Richter kritisieren, dass das Kind bei der Mutter lebt

Nichtsdestotrotz nutzte das Gericht die Urteilsbegründung für eine Art Abrechnung mit den aktuellen Gegebenheiten, dass der heute zwei Jahre alte Junge nach wie vor bei der Mutter lebt. Und sendete damit mehr oder weniger versteckte Hinweise an das Hertener Jugendamt. „Wir sind nämlich sehr sicher, dass es ein eigenes Familienmitglied gewesen ist“, hieß es. Und weiter: „Wir können nur hoffen, dass das Kind jetzt zur Ruhe kommt.“

Vor allem die angeklagte Kindsmutter (25) aus Herten und deren eigene Mutter (die Großmutter) mussten sich in der Urteilsbegründung Kritik anhören, die im übertragenen Sinne einer ganzen Serie an schallenden Ohrfeigen glich. Die 25-Jährige selbst wurde „professionelle Lügnerin“ genannt, die von ihr als mögliche Erklärungen für die Knochenbrüche vorgetragenen Unfallversionen als „vollkommen ausgeschlossen“ bezeichnet.

Richter nennt Zeugenauftritt der Großmutter „bühnenreif“

Während die Richter bei dem mitangeklagten Vater (24) aus Bork nahezu hundertprozentig sicher sind, dass er nichts gemacht hat, schlossen sie das bei der Kindsmutter keinesfalls aus. Richter Janßen: „Wir gehen schon davon aus, dass die Angeklagte als Täterin infrage kommt, aber es fehlt eben das letzte entscheidende Bisschen, um ein Urteil darauf stützen zu können.“ Und auch bei der Großmutter sei es keinesfalls abwegig, dass sie für die Verletzungen verantwortlich sei. Und das womöglich allein deshalb, um Aufmerksamkeit zu bekommen und damit ihre Tochter weiter auf ihre Hilfe angewiesen ist. Der „bühnenreife“ Zeugenauftritt der Oma sei dem Gericht jedenfalls noch immer in Erinnerung.

Die zwei Angeklagten, die inzwischen getrennt voneinander und teils in neuen Beziehungen leben, nahmen die Freisprüche ohne äußerliche Regung entgegen. Beide hatten die Misshandlungsvorwürfe von Anfang an vehement bestritten. Das Verfahren gegen eine ursprünglich mitangeklagte Hebamme (65) war bereits Ende 2018 im laufenden Prozess ohne Auflagen eingestellt worden.

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