Jutta Heiduck ist seit knapp 30 Jahren als Familienhebamme tätig. Wenn sie die Flüchtlingsfamilien in Werne betreut, rücken ihre typischen Arbeiten in den Hintergrund.

Werne

, 28.11.2018, 14:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Ein Stapel voller Papiere liegt vor Jaylana, mit denen sie nicht viel anfangen kann. Denn den Inhalt kann sie nicht lesen. „Wenn ein Brief kommt, dann rufe ich Jutta an“, sagt die 22-Jährige, die schon gut deutsch sprechen kann. Jutta – das ist die Hebamme der Familie. Wenn Jutta Heiduck (57) zu Besuch ist, geht es aber weniger um Fragen in der Kinderbetreuung und -versorgung. Vielmehr steht der Umgang mit der deutschen Bürokratie im Vordergrund.

Unterlagen vom Kindergarten, der Schule und von der Stadt Werne besprechen die beiden Frauen heute. Wie sollen die beiden Mädchen Hava und Ariana künftig im Kindergarten betreut werden? Eine Frage, die die Verantwortlichen der Einrichtung stellen, sie aber nur mit Hilfe von Jutta Heiduck beantworten kann. Die 57-jährige Familienhebamme erklärt, was in dem Brief steht. Die Antwort kommt prompt: „So weiter wie immer.“ Abgehakt.

Flüchtlingsfamilien bekommen Hilfe: Jutta Heiduck lotst durch den Behördendschungel

Jaylana (l.) und ihre Familie wohnen seit 2015 in Stockum. © Andrea Wellerdiek

Der Brief von der Schule kommt vom ältesten Sohn Ernim. Der Inhalt ist weniger formal, aber auch wichtig. „Es gibt wieder ein Weihnachtsbacken in der Schule. Die Kinder bringen alle etwas mit – zum Beispiel Dosen oder Teig. Davon gibt es schon genug. Aber Zitronen und Puderzucker muss noch jemand mitbringen. Möchtest du das mitbringen?“, fragt sie den Jungen. Er nickt und strahlt. „Dann musst du Mama fragen.“ Auch sie nickt. In der Liste werden die beiden Backutensilien abgehakt.

Jutta Heiduck klärt Fragen zum Busticket

Dann hat Mutter Jaylana Fragen zu ihrem Busticket. Da gab es Unstimmigkeiten, die Jutta Heiduck gemeinsam mit Jaylana persönlich in der Geschäftsstelle der VKU (Verkehrsgesellschaft Kreis Unna) klären möchte. Sie vereinbaren gleich einen Termin, um gemeinsam hin zu fahren. „Jutta ist wie eine Mutter für mich. Sie hat mir sehr geholfen bei OP der Zähne bei Ernim, bei Papieren und Pässen für die Kinder“, sagt Jaylana. Ihre Augen strahlen.

Ihre eigenen Eltern leben weiterhin im Kosovo – unter schwierigen Bedingungen wie Jaylana erzählt. Seit fünf Jahren lebt die junge Familie in Stockum. Seitdem unterstützt Jutta Heiduck sie. Sie haben ein gutes, vertrautes Verhältnis aufgebaut. „Ohne Jutta geht es nicht“, sagt die junge Mutter. Nun ist der jüngste Sohn der Familie, Enes, eineinhalb Jahre alt. Eigentlich kann die Hebamme bis zum ersten Lebensjahr des Kindes der Mutter zur Seite stehen. Eigentlich. Doch Jutta Heiduck bleibt länger.

Unterstützung beim Umgang mit der deutschen Bürokratie

Die Familien benötigen vor allem Unterstützung bei Behördenschreiben. „Vielen ist nicht klar, wie viel Papierkram zu klären ist. Das Maß der deutschen Bürokratie lernen sie hier kennen“, sagt Heiduck, die unermüdlich Aufklärungsarbeit leistet und sich selbst auch in einer Lotsenfunktion zwischen verschiedenen Institutionen wie Jobcenter, Schule oder Kinderarzt sieht. So rückt ihre eigentliche Aufgabe, Hilfe bei der Entwicklung und dem Gedeihen des Kindes zu geben, hier in den Hintergrund. Und das hat ganz elementare Gründe.

Während für deutsche Frauen, die zum ersten Mal Mutter werden, ein ganz neues Leben beginnt und alles auf das Baby projiziert wird, gehört das Kinderkriegen für Frauen aus anderen Kulturkreisen ganz selbstverständlich dazu. Sie verstehen sich als Teil der Familie, nicht als Individuum. Viele von ihnen seien auch selbst Teil einer großen Familie gewesen, mit kleineren Geschwistern, um die man sich vielleicht schon selbst früh gekümmert hat.

„Das Maß der deutschen Bürokratie lernen sie hier kennen.“
Jutta Heiduck, Familienhebamme

„Sie gehen deshalb auch natürlicher mit einem Säugling um, als das deutsche Mütter tun. Sie wissen traditionell auch mehr über die Grundversorgung“, erklärt Heiduck. Dass sie eine Hebamme bewusst aufsuchen, ist unwahrscheinlich. Deshalb hat die Arbeitsgemeinschaft Flüchtlinge Werne eine Sprechstunde im B-Treff an der Burgstraße eingerichtet. Aber vor allem durch den Tipp des Kinderarztes oder von Bekannten nähmen die Frauen Kontakt zu ihr auf, erzählt Heiduck. Schon seit 2014 steht die Familienhebamme auch für die Belange der Flüchtlingsfamilien in Werne zur Verfügung.

Medizinische Fragen oder zum Umgang mit dem Neugeborenen haben die Mütter aus anderen Herkunftsländern weniger. Das deutsche Gesundheitssystem und Passwesen hingegen müssen sie erst kennenlernen. Ein Heft für Nachsorgeuntersuchungen, regelmäßige Impfungen und Termine beim Kinderarzt oder das Anmelden des Kindes bei der Stadt mit den entsprechenden Unterlagen – all das ist Neuland für Familien, die überwiegend aus Syrien, Afghanistan, Nigeria, dem Iran oder Irak kommen.

„Sie kennen diese Untersuchungen aus ihrer Heimat aber einfach nicht.“
Jutta Heiduck, Familienhebamme

Jutta Heiduck, die eng mit der Arbeitsgemeinschaft Flüchtlinge Werne zusammenarbeitet, hilft bei Behördengängen und erinnert an Arzttermine. Eine Nachsorgeuntersuchung, die Monate im Voraus vereinbart wurde, könne schon mal vergessen werden, so Heiduck. Oder sie können den Erinnerungsbrief nicht lesen und nehmen den Termin nicht wahr. „Sie lieben ihre Kinder über alles und wollen nur das Beste für das Kind. Sie kennen diese Untersuchungen aus ihrer Heimat aber einfach nicht“, erklärt Heiduck.

Auch das Thema frühe Förderung der Kleinkinder sei den Familien eher fremd. „Deutsche Mütter gehen zu Babykursen oder Rückbildungsgymnastik. Es kommt immer darauf an, wie situiert die Familien in der Gesellschaft sind. Das gilt sowohl für ausländische als für deutsche Familien“, sagt Jutta Heiduck. Bei geflüchteten Familien könnte aber hingegen auch ein gestörtes Mutter-Kind-Verhältnis eine Rolle spielen.

Flüchtlingsfamilien bekommen Hilfe: Jutta Heiduck lotst durch den Behördendschungel

An der Wand hängen Bilder von den Kindern und Lebkuchen-Herze von Sim-Jü. © Andrea Wellerdiek

Bei Jaylanas Familie läuft der heutige Besuch harmonisch ab. Die Kinder sitzen auf dem Sofa, schauen Jutta Heiduck mit ihren großen, braunen Augen an. Sie lauschen, was die beiden Frauen zu besprechen haben. Die beiden Mädchen, die Jutta Heiduck zum Abschied als „Prinzessa“ bezeichnet, gehen in den Kindergarten, der größte Sohn Ernim in die Schule. Der Jüngste, der eineinhalb Jahre alte Enes, soll bald auch in den Kindergarten gehen.

Dann möchte Mutter Jaylana einen Deutschkurs besuchen, erzählt sie. Die 22-Jährige kann sich verständigen, allerdings nicht schreiben oder lesen. Durch die Gespräche mit Lehrern, Erzieherinnen in der Behörde lernt sie die Sprache. Und durch ihre deutsche Freundin, mit der sie sich regelmäßig trifft. Und da ist natürlich Jutta Heiduck, die Familienhebamme und Lotsin im Alltag.

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